Dienstag, 18. Mai 2021
Express Online: Thema der Woche | 23. Juni 2011

Das letzte Jahr

Virtueller Erinnerungsort an das Leben und Sterben im Getto: die Getto-Chronik Lodz / Litzmannstadt online

Es ist eines der erschütterndsten Dokumente der NS-Herrschaft: In der von der Gießener Arbeitsstelle Holocaustliteratur herausgegebenen Chronik des Gettos Lodz / Litzmannstadt wird das Leben und Sterben von fast 200.000 Juden in dem am längsten existierenden Großgetto der Nazis dokumentiert.

Der Tod von Litzmannstadt-Getto ist ein fremder, hässlicher Tod. Ihn will ich zeichnen, wie er ist. Keine Novellen, keine erdachten Geschichten", schreibt Oskar Singer 1942. Der 1944 in Auschwitz ermordete jüdische Schriftsteller ist einer der Hauptautoren der Getto-Chronik. Mehr als 15 Journalisten und Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen, die im Lodzer Getto eingepfercht waren, haben an dem 2.000 Seiten starken Wert gearbeitet – Theologen genauso wie der österreichische Theaterkritiker Oskar Rosenfeld, der ebenfalls 1944 in Auschwitz getötet wurde.

Gezeichnet vom Hunger, dem alltäglichen Tod und der Gewalt im Getto ist so "einer der längsten und vielstimmigsten Texte der Holocaustliteratur" entstanden, sagt Germanist Sascha Feuchert von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur.Mit einer unglaublichen Detailfülle und "tagesaktuell, wie in einer Zeitung, die allerdings keine Leser hatte" hätten die Autoren die grauenhaften Zustände im Getto der polnischen Stadt geschildert, die von den Nazis in "Litzmannstadt" umgetauft worden war.

Akribisch werden in den in polnisch und deutsch verfassten Texten Sterbefälle, Epidemien, Festnahmen und verteilte Essensrationen genauso aufgezeichnet, wie der tägliche Wetterbericht. Der seit 1941 auf Polnisch und Deutsch im Archiv der Verwaltung des "Judenältesten von Litzmannstadt-Getto" erstellte Text gibt Einblicke in die kursierenden Gerüchte und widmet selbst dem "Getto-Humor" eine eigene Rubrik. In kleinen Kolumnen werden Einzelschicksale festgehalten: Wie das der elfköpfigen Familie, nach der die Kripo fandet und zu spät kommt – weil alle bereits im Getto gestorben oder in Vernichtungslager deportiert worden sind. Oder der "Tod auf der Brücke" im Litzmannstadt-Getto, wo ein Insasse vor Entkräftung leblos zusammenbricht.

Die Aufzeichnungen über den "Tod von Litzmannstadt-Getto" enden am 30. Juli 1944. "Auch der heutige Sonntag verlief sehr ruhig", heißt es trügerisch im letzten Eintrag. Anfang August wird das Getto von der SS aufgelöst. Die 70.000 noch dort lebenden Juden werden in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Nur etwa 3.000 davon hätten den Holocaust überlebt, schätzt Feuchert. Etwa 145.000 davon seien im 30 Kilometer entfernten Vernichtungslager Chelmno vergast worden.

"Getto-Chronik" digital

2007 ist die von der Gießener Arbeitsstelle Holocaustliteratur herausgegebene "Getto-Chronik" in fünf Bänden erschienen. Jetzt wird im Internet ein virtueller Erinnerungsort eröffnet. In der multimedialen Aufarbeitung der Online-Plattform werden die letzten zwölf Monate dieses wichtigen zeitgeschichtlichen Dokuments online verfügbar gemacht.

Dabei wurde das Erfolgsrezept der Printedition der Getto-Chronik beibehalten und um neue digitale Möglichkeiten ergänzt: Behutsam und dennoch eindrücklich konnten die akribischen Arbeiten und Forschungsergebnisse um neue Bild- und Tondimensionen erweitert werden. Auch das Thema Interaktivität wird großgeschrieben. So wurden Social-Bookmark-Dienste und weitere Interaktionsmöglichkeiten integriert.

Das Online-Portal ist am Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) der Universität Gießen entstanden, im Rahmen des Schwerpunkts "Kulturtechniken und ihre Medialisierung" des Forschungsförderungsprogramms LOEWE.

Bei der Eröffnung des virtuellen Erinnerungsortes in der Aula der Justus-Liebig-Universität Gießen am Freitag, 24. Juni 2011 um 19.30 Uhr wird der Schauspieler Ulrich Matthes Passagen aus der Getto-Chronik lesen. Es gibt Vorträge zur Geschichte der Getto-Chronik und ihrer Autoren sowie eine Podiumsdiskussion zur digitalen Edition mit den beiden Projektleitern der Digitalisierung, Peter Haslinger (Herder-Institut Marburg) und Uwe Wirth (JLU Gießen).

Die Veranstaltung schließt mit einem Empfang gegen 21.30 Uhr, bei der Gelegenheit besteht, den virtuellen Erinnerungsort "Die Chronik des Gettos Lodz/ Litzmannstadt – Das letzte Jahr" zu erkunden.

Infos: www.getto-chronik.de

kro/pe

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