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Thema der Woche | 14. März 2013

Alpinismus vom Herzen her

Der Südiroler Extrembergsteiger Hans Kammerlander mit "Seven Second Summits" zu Gast in Marburg

Express: Herr Kammerlander, Sie wurden an einem steilen Hang geboren. Wurde Ihnen damit auch eine Neigung zum Klettern in die Wiege gelegt?

Hans Kammerlander: Ich wurde in Ahornach im Südtiroler Tauferer Ahrntal geboren. Meine Eltern bewirtschafteten einen Bergbauernhof, und so war ich immer inmitten der Natur. In die Wiege wurde mir die Liebe zur Natur gelegt, das Klettern als solches nicht. Das kam eher durch meinen älteren Bruder, der damals schon ein recht guter Kletterer war. Dann gab es aber schon ein Schlüsselerlebnis, als ich acht Jahre war. Heimlich folgte ich einem Touristenpaar auf den 3059 m hohen Großen Moosstock, oberhalb meines Heimatdorfes. Die grandiose Aussicht sollte mein Leben dann nachhaltig bestimmen. Ich habe dann mehrere alpine Touren gemacht, teilweise mit unkontrolliertem Risiko. Als mein Bruder davon erfuhr, lehrte er mir den Umgang mit Seil, Haken und Karabinern. Mit ihm zusammen habe ich dann die ersten großen Klettertouren in den Nordwänden von Langkofel und Peitlerkofel unternommen. In weiter Ferne sah ich dann mein Heimatdorf liegen – und unzählige neue Ziele.

Sie fuhren auf Ski vom Mount Everest herunter, versuchten dies auch am K2 und hielten 10 Jahre den Rekord für die schnellste Besteigung des Mount Everest. Mögen Sie spektakuläre Inszenierungen?

Hans Kammerlander: Auf den Mount Everest gibt es verschiedene Routen. Von der tibetischen Seite ist bis heute niemand schneller zum Gipfel hinauf. Neben dem Klettern habe ich auch eine tiefe Leidenschaft zum Skifahren. Und so entstand der Wunsch, diese beiden Aktivitäten auch an den höchsten Bergen der Welt zu kombinieren. Natürlich ist es auch so, dass man irgendwann Teil eines alpinen Wettlaufes ist. Dann schaut man auch, was andere machen und was nicht. Die Ski mit auf die schwierigsten Berge zu schleppen und vom Gipfel abfahren, das hatte noch niemand zuvor gemacht. Es wurde für mich zu einer optimalen Verbindung. Die intensivsten Stunden am Berg waren immer, wenn ich mir auf Ski den Weg nach unten gesucht habe. Durchaus die persönliche Krönung einer Gipfelbesteigung.

Mit Ihrem aktuellen Projekt Seven Second Summits sind Sie die sieben zweithöchsten Gipfel auf sieben Weltteilen angegangen. Welche Idee steckt dahinter?

Hans Kammerlander: Die Seven Summits, also die höchsten Gipfel eines jeden Kontinents, sind inzwischen zu Modebergen geworden. Es herrscht geradezu ein Wettlauf, ein regelrechtes Gedränge. Das ist nicht mehr meines. Bei meinen Besteigungen habe ich mit dem K2 den zweithöchsten Berg Asiens bestiegen, der technisch wesentlich anspruchsvoller ist als der Mount Everest. So ist es bei vielen der zweithöchsten Gipfel. Zudem hatte das auch noch niemand zuvor gemacht. Bei dem Projekt standen aber noch ganz andere Dinge im Vordergrund. Da diese Berge viel weniger erschlossen sind, ist die Anreise zu ihnen schon ein eigenes Abenteuer. So habe ich intensive Einblicke in die Länder und Kulturen bekommen. Die Landschaft am Fuße des Berges spielt dabei eine ganz eigene Rolle. Unvergesslich sind mir die tagelangen Touren durch Wüsten und Urwald.

Intensivste Stunden am Berg" – Abfahrt vom K2

Leistungsdenken und enger Wettbewerb sind Wegbegleiter Ihrer Zunft. Wie wird sich das Profibergsteigen künftig entwickeln?

Hans Kammerlander: Für die neue Generation von Profibergsteigern wird es viel schwerer. Der Wettbewerb ist dicht und schnell, interessante und herausfordernde Ziele bzw. Touren sind fast alle gemacht. Heute sind viel mehr gute Ideen gefragt. Nur vom Bergsteigen leben zu können, ist aufgrund der hohen Kosten – allein schon für Permits – nur noch für sehr wenige möglich. Und viele waren es ohnehin nie gewesen. Ich denke, dass es inzwischen viel wichtiger geworden ist, die interessierten Menschen mitzunehmen, d.h. sie müssen Unternehmungen folgen können. Irgendwann sind die Schwierigkeitsgrade nicht mehr verständlich.

Auf der anderen Seite ist Bergsteigen heute zum Massenphänomen mit Gefahren für Ökosysteme und nicht zuletzt die Kletterer selbst geworden ...

Hans Kammerlander: Das stimmt. Aber es ist natürlich schwierig zu sagen, wer darf etwas machen und wer nicht. Es stehen sich ökonomische und ökologische Interessen gegenüber. Inzwischen sind natürlich viele Regionen in den Alpen vom Tourismus abhängig. Ich denke, dass man bereits bestehende Infrastruktureinrichtungen natürlich weiter nutzen muss. Aber ich bin sehr skeptisch, ob das Erschaffen neuer künstlicher Erlebniswelten gut ist. Da ist sicher auch mal der Tritt auf die Bremse nötig, denn wir dürfen eines nicht vergessen: die Natur ist nur geliehen und wie wollen wir sie zurück lassen?

Welche Gipfel warten noch auf Sie?

Hans Kammerlander: Mein neues Projekt ist die Besteigung aller "Matterhörner" dieser Welt. Es gibt so viele wunderschön geformte Berge, z.B. in der Cordillera Blanca in Peru, im Kaukasus, in Norwegen ... Im Mai werde ich dazu bereits in den Rocky Mountains unterwegs sein. Das ist kein Wettlauf, es ist Alpinismus vom Herzen her.

Info
Seven Second Summits, Vortrag, Do 21.3. 20.00 Uhr, Stadthalle Marburg

Interview: Michael Arlt

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