Mittwoch, 19. Mai 2021
Thema der Woche | 13. März 2014

"Der Ort mit der meisten Strahlkraft"

Kamerapreisträger Pawel Edelman im Interview – Foto: Kronenberg

Express: Herr Edelman, Sie haben von ihrem Bruder in jungen Jahren eine Fotokamera geschenkt bekommen ...

Pawel Edelman: Ich war schon etwas älter, etwa 20 Jahre alt. Ich hatte mich bis dahin nicht für Fotografie interessiert. Ich dachte, das wäre viel zu kompliziert. Die Kamera war aber ganz einfach zu handhaben – und ich begann Fotos zu machen. Das war wundervoll. Die Bildgestaltung bereitete mir großes Vergnügen. So fing ich an, mir Gedanken darüber zu machen, einmal einen Film zu drehen, Kameramann zu werden.

Express: Da passte es, dass Sie in Lódz aufgewachsen sind, der Stadt mit der berühmten polnischen Filmhochschule.

Edelman: Das ist richtig. Der Ort mit der meisten Strahlkraft in ganz Lódz war die Filmschule. Sie war das Zentrum für alle jungen Leute, die vom Film träumten, und die vom Filmedrehen träumten.

Express: Wie sieht für Sie ein gutes Drehbuch aus?

Edelman: Es gibt viele Kriterien. Als erstes das Thema des Films, – wenn das etwas ist, was mich interessiert, eins, das interessant für das Publikum sein kann, dann versuche ich zu analysieren, ob es ein gutes Drehbuch ist. Das Thema ist die Basis, aber wichtig sind auch interessante Charaktere und deren Konflikte oder was der Höhepunkt des Films sein soll. Wenn all diese Elemente gut beschrieben wurden, dann denke ich ernsthaft darüber nach, ob ich den Film machen sollte. Das nächste Kriterium ist der Regisseur. Wenn das jemand ist, der mich interessiert oder den ich bereits kenne, jemand der garantiert, dass der Film gut sein wird, dann nehme ich das Angebot an.
Wenn es ein gutes Drehbuch ist und für mich geschrieben wurde, dann sehe ich die Bilder schon vor mir. Das ist ein sehr wichtiger Moment für mich, weil ich mir vorzustellen versuche, wie der Stil des Films später aussehen wird.

Express: Ist es wichtig, dass ein Film schöne, idyllische Bilder hat?

Edelman: Das denke ich nicht. Es hängt von der Geschichte ab, ob es ein Film über Fashion ist, wo schöne Bilder wahrscheinlich nötig sind oder wenn es eine Geschichte über Katyn ist, wie mein Film "Das Massaker von Katyn". Denn dann passen schöne Bilder nicht in die Geschichte. Du musst überzeugende, reale Bilder aufnehmen, um die Geschichte des Films zu erzählen: Bilder die gut für die Story sind – das ist der Kernpunkt.

Express: Was ist Ihre wichtigste Produktion?

Edelman: Am wichtigsten war definitiv "Der Pianist", weil er mein erster großer internationaler Film war. Der erste Film, der weltweit wahrgenommen wurde und der auch für einen Oscar nominiert war.

Express: Was ist ihr Selbstverständnis als Kameramann? Wie arbeiten Sie mit einem Regisseur zusammen? Was ist ihr Part, was ist die Aufgabe des Regisseurs?

Edelman: Regisseure sind Menschen. Und alle Menschen sind unterschiedlich, deshalb gleicht keine Zusammenarbeit einer anderen. Ich bin einfach jemand, der dem Regisseur hilft, den Film zu kreieren. Wir sprechen und diskutieren sehr viel über den Film, wählen die besten Ideen aus und dann arbeiten wir zusammen. Manchmal mache ich viel, manchmal mache ich alles und manchmal mache ich nur die Belichtung. Es hängt ganz davon ab, was der Regisseur braucht.

Express: Vor ein paar Jahren ist ihr Kollege Slawomir Idziak hier mit dem Kamerapreis ausgezeichnet worden. Er erzählte,dass sein "erster Schritt nach der letzten Klappe" in Hollywood immer der zum Flieger Richtung Warschau ist. Hollywood sei nur gut zum Geldverdienen, dort würden schmuckvolle Bilder ohne Bedeutung geschaffen. Was ist der Unterschied zwischen Filmproduktionen in Europa und in den USA?

Edelman: Ich würde sagen, dass sind verschiedene Welten. Amerika ist die Industrie, angetrieben von Geld. In Europa ist es mehr eine künstlerische Aktivität zwischen Freunden. Die Regisseure und das gesamte Team sind Freunde. Wenn du wie ich, schon 30 Jahre mit ihnen arbeitest, dann ist aus dem Team eine große Familie geworden.
In Amerika ist das anders, dort sind wir Gäste. Diese Beziehungen sind nicht ganz so warmherzig und vertraut. Es kommt viel mehr Druck von der Produktion und den Studios, weil es die Industrie ist. Große Stars schauspielern in amerikanischen Filmen. Man muss diese zwei Welten verstehen. Hollywood ist sehr anstrengend, wegen des Drucks, den langen Arbeitsstunden, alles ist größer und du hast viel größere Teams und Ausstattungen. In Europa ist es nett und freundlich, einfach super. Aber wenn ich nicht in Amerika arbeite, dann vermisse ich es auch etwas.

Express: Warum ?

Edelman: Weil dort alles möglich ist – wegen der viel größeren Budgets. Wenn ich zum Beispiel viele Kameras, viele Scheinwerfer für eine komplexe Szene brauche, kriege ich sie. Das Geld dafür ist in Hollywood einfach da.

Pawel Edelman
Der polnische Kameramann Pawel Edelman nahm am 8. März den Marburger Kamerapreis entgegen. Edelman hat mit großen polnischen und internationalen Regisseuren wie Andrzej Wajda (Massaker von Katyn, Walesa), Roman Polanski (Der Pianist, Der Gott des Gemetzels) oder Taylor Hackford (Ray) zusammengearbeitet.

Interview: Theresa Schäfer

Thema der Woche | 13. März 2014

Der lange Arm der Gewalt

"Nordstrand" von Florian Eichinger / Produzent Cord Lappe und Regisseur Florian Eichinger am 17. März im Kinocenter – Foto: Bergfilm Produktion

Das "Wesen von Gewalt" will Regisseur Florian Eichinger erforschen. "Im Kino wird Gewalt oft als Schauwert eingesetzt, als eine Art Knopfdruck für kurze, eruptive Emotionen des Zuschauers. Im wirklichen Leben aber hat Gewalt einen langen Arm, besonders innerhalb der Familie", sagt der 42-jährige Regisseur.

Sein neues Werk "Nordstrand" ist Eichingers zweiter Spielfilm und zugleich der zweite Teil einer filmischen Trilogie über den langen Arm von (familiärer) Gewalt. Wie bereits Eichingers Debüt Bergfest, ist auch Nordstrand im Stil eines modernen Kammerspiels inszeniert. Im Mittelpunkt steht diesmal die Beziehung zweier Brüder. Der jüngere, Volker, wurde als Kind regelmäßig zum Opfer väterlicher Gewaltausbrüche. Der ältere, Marten, wurde verschont und plagt sich noch Jahre später mit dem schlechten Gewissen, seinem Bruder aus Angst nicht schützend zur Seite gestanden zu haben. Psychologisch präzise, behutsam und unter Auslassung genre-üblicher Klischees, nähert sich Nordstrand dem komplexen Verhältnis von Marten und Volker, deren Kindheitstraumata sowie den Fragen von Schuld, Verantwortung und Opferrollen. Eichingers Film zeigt die seelischen Folgen von Gewalt in ihrer Vielschichtigkeit, ohne zu verharmlosen oder zu dämonisieren. Vielmehr werden in Nordstrand gewohnte Rollenmuster hinterfragt – und auf überraschende Art ineinander gespiegelt.

Wer trägt wie schwer an seiner Vergangenheit: Der jüngere Bruder, der immer wieder misshandelt wurde? Der ältere, der tatenlos zusah? Die Mutter, die dem jahrelangen Grauen nicht weniger gewaltsam ein Ende machte?

"Allein schon in meiner eigenen Familie fand ich einiges an Inspiration, eine typische, moderne Patchworkfamilie eben", berichtet Eichinger. "Ich bin aufgewachsen mit zwei Halb- und zwei Stiefgeschwistern, zwei leiblichen und zwei Stiefeltern. Mit diesen acht Menschen konnte ich einige glückliche, einige weniger glückliche Jahre lang einen bunten Blumenstrauß an Konflikten entweder selbst erleben oder aus naher Distanz beobachten – darunter leider auch die eine oder andere tiefe Verletzung."

Die Handlung von Nordstrand: Seit vielen Jahren haben sie sich nicht gesehen. Im Elternhaus an der Nordseeküste treffen sich Marten (30) und sein Bruder Volker (27) erstmals wieder, seit ihre Familie unter dramatischen Umständen auseinanderbrach. Marten möchte Volker dazu bewegen, gemeinsam ihre Mutter abzuholen – die sitzt seit dem Tod des Vaters in Haft und wird bald entlassen. Doch der undurchsichtige Volker scheint nur gekommen zu sein, um das Haus zu verkaufen.

Marten ahnt, warum sein Bruder den familiären Neubeginn scheut – hatte Volker früher doch am meisten unter den Gewaltausbrüchen des cholerischen Vaters zu leiden, dem Marten und die Mutter fast immer aus dem Weg gegangen waren. Noch heute plagen Marten Schuldgefühle, weil er seinem jüngeren, rebellischen Bruder aus Angst oft nicht zur Seite stand.

Doch es gab damals auch unbeschwerte Momente, die noch einmal aufblitzen, als Volkers Jugendliebe Enna (27) die Brüder am Strand überrascht. Enna hat Volker offenbar nie vergessen, obwohl sie inzwischen verheiratet ist und eine kleine Tochter hat. Marten spürt, dass auch Volker nach all den Jahren noch immer etwas für Enna empfindet.

Unverändert sind Volkers Gefühle auch gegenüber seiner Mutter: Während Marten ihren Haustyrannenmord am Vater als einen Akt der Gerechtigkeit und Befreiung sieht, resümiert Volker trocken: "Sie hat uns doch wieder allein gelassen." Er kann nicht verstehen, warum Marten nach all den leidvollen Erfahrungen noch immer an Haus und Familie festhalten will.

Volkers Abgeklärtheit droht für Marten so etwas wie ein Wettlauf gegen die Zeit zu werden, denn bei seinem chronischen Lungenleiden traten zuletzt größere Komplikationen auf. Erst als Volker sich nach einer Bootstour mit Enna eingestehen muss, dass sich manche Tür in seinem Leben unwiederbringlich verschlossen hat, scheint er allmählich durchlässiger für Martens distanzloses Werben.

Volker gibt seinem Bruder ein kleines Päckchen mit, um es der Mutter nach den Jahren der Funkstille an ihrem Entlassungstag zu übergeben. Doch als Marten das Geschenk in der Nacht heimlich öffnet, wird ihm das ganze Ausmaß von Volkers Verletzung schmerzlich bewusst.

Vorführung
Nordstrand-Produzent Cord Lappe sowie Regisseur Florian Eichinger werden zur Vorführung am Montag, 17. März, (20 Uhr) im Kinocenter anwesend sein, um mit den Zuschauern zu diskutieren

pe/kro

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