Mittwoch, 19. Mai 2021
Thema der Woche | 20. März 2014

Die Rätsel der Medizin

Jürgen Schäfer diagnostiziert Kobalt-Vergiftung mit Hilfe von Dr. House – Foto: Coordes

Als der 55-jährige Mann aus Norddeutschland zu Medizinprofessor Jürgen Schäfer in die Marburger Universitätsklinik kam, war er todkrank. Drei Monate später, so sagt Schäfer im Rückblick, hätte der Patient wohl nicht mehr gelebt. Innerhalb eines Jahres war der bis dahin erfolgreiche, gesunde Bauunternehmer fast erblindet, konnte kaum noch hören, litt unter Fieberschüben, einer Unterfunktion der Schilddrüse, Atemnot, Sodbrennen und war schwer herzkrank. Eine Odyssee zu Fachärzten, vier Monate in diversen Kliniken und eine Augenoperation hatte er bereits hinter sich. Doch nichts half, niemand fand die Ursache heraus.

Der Kardiologe Jürgen Schäfer kam innerhalb von wenigen Minuten auf die richtige Diagnose. Er erinnerte sich nämlich an eine Folge der US-Fernsehserie "Dr. House". Der Fernsehpatient war zwar nicht blind und taub, hatte aber auch unklares Fieber, Magenschmerzen und Herzrasen. Schäfer tippte auf eine Kobaltvergiftung – ausgelöst durch eine defekte Hüftprothese. Die Messung ergab: Die Kobaltwerte des Mannes waren 1000-mal höher als normal.

Der Bauunternehmer war nämlich eineinhalb Jahre vor seinem Besuch in Marburg schwer gestürzt, wobei seine Hüftprothese aus Keramik zerbrach. Bei der darauf folgenden Operation versuchten die Chirurgen, alle Keramiksplitter aus dem Gelenk zu entfernen und setzten eine Metallprothese ein. Dabei waren allerdings einige Keramiksplitter übrig geblieben, die das Metall langsam zerrieben – Kobalt trat aus und griff die Organe an. Nach der richtigen Diagnose wurde die defekte Metallprothese durch eine Keramikprothese ersetzt, dazu erhielt er einen Herzschrittmacher. Inzwischen hat sich die Situation des Patienten verbessert, er sieht und hört allerdings immer noch sehr schlecht.

Im Februar hat das renommierte, internationale Fachblatt "Lancet" den Fall veröffentlicht. Seitdem wurde selbst in der"Washington Post", der "New York Times" und bei dem amerikanischen Sender CBS über den "deutschen Dr. House" berichtet, wie er mitunter genannt wird.

Jürgen Schäfer geht davon aus, dass es noch deutlich mehr Kobaltvergiftungen dieser Art gibt. Allein ihm seien in den vergangenen Jahren fünf weitere Fälle begegnet: "Das ist häufiger, als man denkt", sagt der Spezialist. Er fordert daher eine Kontrolluntersuchung bei allen Patienten, bei denen nach einem Keramikbruch eine Metallprothese eingesetzt wurde "Im Grunde genommen ist das eine Zeitbombe", sagt der Marburger Arzt.

Der Herzspezialist ist der Gründer des im Dezember eingerichteten "Zentrums für unerkannte Krankheiten" an der Marburger Uni-Klinik. Das Zentrum geht auf Schäfers nach Fällen aus der Fernsehserie um Dr. House konzipierte Vorlesungen zurück, für die er mit dem Bundeslehrpreis ausgezeichnet wurde. Der Diagnostiker nutzt die Sendung, um die Studierenden auf schwer zu diagnostizierende und seltene Erkrankungen aufmerksam zu machen, die sich nicht oder nur in einer Fußnote des Lehrbuchs finden.

Durch die zahlreichen Medienberichte wurde das neue Zentrum, zu dem drei Ärzte und ein interdisziplinäres Team gehören, von Anfragen geradezu überrollt. Bis zu 80 ratlose Mediziner und Patienten melden sich jeden Tag. Immerhin lässt sich vieles telefonisch oder nach Aktenlage klären.

Schäfer schätzt, dass vier Millionen Menschen in Deutschland an einer seltenen oder schwer zu diagnostizierenden Krankheit leiden. Dabei muss es sich noch nicht einmal um eine kaum bekannte Krankheit handeln. Kürzlich stellte sich ein Patient vor, der unter Haarausfall, Blutungen, Lethargie, Gelenk- und Muskelschmerzen litt. Es stellte sich heraus, dass der Mann einen Skorbut hatte. Wegen eines entzündlichen Magens hatte er eine Diät eingehalten, bei der sämtliche säurehaltigen Speisen vermieden wurden.

Meistens ist die Suche nach den "Puzzlesteinchen für die Diagnose" mühsam und zeitraubend. Bezahlt wird sie indes schlecht. "Ungewöhnliche Erkrankungen und unklare Fälle sind im DRG-System nicht vorgesehen", sagt Schäfer. Deshalb fordert er: Ein kleiner Prozentsatz der Gelder für die Universitätskliniken müsste Patienten mit seltenen Krankheitsbildern vorbehalten werden.

Gesa Coordes

Thema der Woche | 20. März 2014

Krim-Krise & Europa

"Ukraine quo vadis?" – Podiumsdiskussionmit Osteuropa-Experten am 20. März – Foto: Bildpixel / pixelio.de

Sewastopol liegt zweieinhalbtausend Kilometer von Gießen entfernt. Die Krim scheint weit weg zu sein, doch ist sie zuletzt bedrohlich nahe gerückt: Am Schwarzen Meer werden Weichen für die Zukunft Europas gestellt, seitdem Russland im Schatten des Machtwechsels in der Ukraine bemüht ist, vollendete Tatsachen zu schaffen und die Halbinsel zu annektieren. Wie kann Europa reagieren? Wie bewertet Polen die Situation in seinem Nachbarland? Haben Berlin und Warschau Antworten auf die Krise? Und was kann die Wissenschaft – auch die deutsche Polenforschung – tun, um zu verstehen, was in der Ukraine gerade geschieht? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigen sich am Donnerstag, 20. März, aus Anlass der Dritten Tagung Deutsche Polenforschung Expertinnen und Experten in Gießen bei der kurzfristig organisierten Podiumsdiskussion.

Die Diskussionsveranstaltung mit dem Titel: "Ukraine quo vadis? Die Krim-Krise und die deutsch-polnische Kooperation" findet von 15 bis 17 Uhr im Margarethe-Bieber-Saal (Ludwigstraße 34) statt und wird von Prof. Thomas Bohn geleitet. Der Historiker ist Zweigstellenleiter der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) und Experte für Osteuropäische Geschichte an der Justus-Liebig-Universität (JLU).

Weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Diskussionsrunde sind Prof. Andrea Gawrich vom Institut für Politikwissenschaft der JLU, der Historiker Dr. Nazarii Gutsul, der an der JLU über die Ukraine im Zweiten Weltkrieg promoviert hat, Gabriele Lesser, Warschau-Korrespondentin der "taz" und anderer deutscher Zeitungen, sowie Dr. Anna Veronika Wendland, Ukraine-Spezialistin und Historikerin am Marburger Herder-Institut.

Termin:
Do, 20. März, 15 – 17 Uhr, Margarethe-Bieber-Saal, Ludwigstraße 34

red

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