Mittwoch, 19. Mai 2021
Thema der Woche | 24. April 2014

Wo Blinde keine Exoten sind

30 Prozent aller blinden Hochschüler Deutschlands studieren in Marburg – Foto: Coordes

Dass es viele blinde Studierende an der Marburger Philipps-Universität gibt, merken Studienanfänger und frisch berufene Professoren zuerst an den sprechenden Aufzügen: "Drittes Obergeschoss" ertönt es etwa aus dem Lift im Turm der Philosophischen Fakultät. Die Knöpfe der Fahrstühle, die Eingänge der Hörsäle und sogar einige Kaffeeautomaten sind mit tastbaren Punkten ausgestattet.

30 Prozent aller blinden Hochschüler Deutschlands – das sind etwa 150 junge Leute – studieren an der Philipps-Universität. Dass es so viele sind, erklärt Uni-Vizepräsident Prof. Dr. Harald Lachnit mit der Marburger Blindenstudienanstalt, dem ältesten und größten Blindengymnasium Deutschlands. Die ungewöhnliche Schule mit ihren 320 Schülern hat Marburg zur "Blindenhauptstadt" Deutschlands gemacht. Mit Blinden-Stadtplänen, Einkaufshilfen, sprechenden Geldautomaten und vielen Restaurants mit Speisekarten in Punktschrift ist die ganze Stadt auf die vielen Sehbehinderten ausgerichtet. "Da entsteht ein natürlicher Druck", sagt Lachnit: "Für Behinderte da zu sein, ist ein Charakteristikum der Philipps-Universität."

Dazu gehört die 1987 gegründete Servicestelle für behinderte Studierende, die bundesweit Seltenheitswert hat. Ihr Leiter Franz-Josef Visse, ist selbst blind. An keiner anderen Universität könnten Blinde und Sehbehinderte ein so breites Fächerspektrum belegen, sagt er. Häufig schreiben sie sich bei den Juristen, Pädagogen und Psychologen ein. Selten sind sie bei den Naturwissenschaftlern und Medizinern zu finden.

Die 23-jährige Melanie Brüning ist Lehramtsstudentin für Deutsch und Ethik. Die aus Stuttgart stammende junge Frau, die nach einer Netzhautablösung weitgehend erblindete, hat ihr Abitur an der Blindenstudienanstalt gemacht. Danach wollte sie es sich ersparen, sich in einer völlig neuen Umgebung auf die Universität einzulassen. Keine andere Universität sei so gut auf Blinde eingerichtet wie Marburg, sagt Brüning. Am wichtigsten sei es indes, "dass Dozenten und Kommilitonen offen sind."

Eine Exotin ist sie hier nicht. Die schnellen Schrittes durch Marburgs Gassen laufenden Blinden mit ihren Langstöcken gehören selbstverständlich zum Stadtbild. Sie haben gelernt, sich allein zurecht zu finden und ihren Haushalt selbst zu führen. Auch Melanie Brüning wohnt mit einer sehbehinderten Freundin zusammen. Einkauf, Putzen und abendliches Kochen – am liebsten Gemüsepfannen und Aufläufe – managen sie komplett selbst.

Trotzdem schätzt die Lehramtsstudentin die Servicestelle für behinderte Studierende sehr, die ihr hilft, sich im Dschungel von Anträgen zurechtzufinden und bei Schwierigkeiten mit Professoren und Prüfungen vermittelt. Die Einrichtung bietet einen Service zum Umwandeln von Texten in für Blinde lesbare Dateien. Es gibt spezielle Computer mit Sprachausgabe und Braillezeile sowie sieben Studienhelfer, die ihren blinden Kommilitonen bei der Literatursuche in der Universitäts-Bibliothek helfen.

Melanie Brüning hat allerdings – wie die meisten blinden Hochschüler – eine private Studienhelferin, die ihr beim Heraussuchen von Literatur hilft, für sie quer liest, Texte zum Einscannen kopiert oder aufspricht. "Die Masse des Lesestoffs ist oft ein Problem", weiß Visse. Blinde können kaum die gesamte Leseliste eines Seminars abarbeiten. Deshalb rät er dazu, den Dozenten zu fragen, welches das wichtigste Buch ist.

In Marburg hat aber auch fast jeder Professor schon einmal mit Sehgeschädigten zu tun gehabt. Brünings Erfahrung: "Wenn ich ganz normal auf die Menschen zugehe, sehen sie, dass ich nur blind bin, aber nicht total behindert." Es gab auch nur einmal ein Problem mit einer Pädagogikdozentin, die sich zunächst hartnäckig dagegen sperrte, dass sie eine Vorleserin in die Klausur mitbringen durfte, um die grafischen Darstellungen bearbeiten zu können. Alle anderen Professoren ließen sich problemlos darauf ein, abgeänderte oder mündliche Prüfungen abzunehmen.

Sehr erfolgreich verliefen auch ihre Schulpraktika. So unterrichtete sie eine achte Gesamtschulklasse drei Wochen allein. Natürlich hätten die Schüler ausgetestet, ob sie der blinden Lehrkraft auf der Nase herumtanzen könnten, erzählt Brüning. Doch sie verschaffte sich schnell Respekt – vor allem, als eine Schülerin meinte, sich nun im Unterricht die Nägel lackieren zu können. Brüning roch den Nagellack und kassierte das Fläschchen für den Rest der Woche ein.

Wie viel die Unterstützung für die blinden Studierenden kostet, kann die Universität nur annähernd beziffern: 32 000 Euro pro Jahr kosten die Computer und die Studienhelfer, die in der Universitätsbibliothek vor allem denjenigen blinden Hochschülern helfen, die keinen Anspruch auf einen von den sozialen Trägern bezahlten Studienhelfer haben. 264 000 Euro muss für die Servicestelle veranschlagt werden, die sich überwiegend um die blinden Studierenden, aber auch um Rollstuhlfahrer und andere Körperbehinderte kümmert. Strittig waren diese Ausgaben trotz der extremen Geldnot an der Philipps-Universität allerdings nie, berichtet Vizepräsident Lachnit.

Das gilt auch für das Studentenwerk. Jeden Mittag steht eine studentische Hilfskraft in der mit Leitstreifen ausgestatteten Mensa, um die blinden Studierenden zur Essensausgabe zu führen, die richtigen Beilagen aufs Tablett zu stellen und einen freien Platz an den Tischen zu ergattern. Finanziert wird der bundesweit einmalige Service aus Spenden. Auch in den Caféterien der Universität haben die Mitarbeiter selbstverständlich ein Auge auf die blinden Studierenden. Brüning: "Es kommt sofort jemand, um mir das richtige Brötchen herauszusuchen."

Gesa Coordes

Thema der Woche | 24. April 2014

Grün!

Hessische Landesgartenschau startet am 26. April in Gießen – Foto: FGL

Wenn am 26. April die Landesgartenschau Gießen ihre Tore öffnet, dann heißt es 163 Tage lang "Auf zu neuen Ufern!" Durch die Umgestaltung und Aufwertung der beiden zentralen Ufergebiete der Stadt, der Lahn- und der Wieseckaue, soll Wasser mit allen Sinnen erfahrbar gemacht werden – auch über das Jahr 2014 hinaus.

Die Universitätsstadt an der Lahn knüpft mit der Landesgartenschau an eine mehr als 400 Jahre alte Gartentradition an, die mit der Gründung des Botanischen Gartens 1609 begann. Zugleich präsentiert sie in der aktuellen Ausstellung die modernsten Ideen und Trends rund um das Thema Garten. Zu dem gärtnerischen Großereignis werden rund 700.000 Besucher erwartet.

Die Gießener Landesgartenschau umfasst zwei Gelände: Die Wieseckaue bildet den eintrittspflichtigen Bereich mit blühenden Wiesen und gestalteten Gärten, mit regelmäßig wechselnden Blumenschauen, Anregungen für den eigenen Garten und viel Unterhaltung. Die Lahnaue ist frei zugänglich. Dort präsentiert sich auf mehr als zwei Kilometern Länge ein stadtnaher Freizeit- und Erholungsraum für Spaziergänger, Radler und Wassersportler gleichermaßen. Durch die Neugestaltung des Geländes soll der Fluss langfristig für die Stadt zurückgewonnen werden. Die Besucher sind dort eingeladen, die Wasserlandschaft von Hessens wohl romantischstem Fluss über und unter der Oberfläche neu zu entdecken. Etwa mit einem Lahn-Fenster, das Einblicke in die Unterwasserwelt gibt, oder im hochwertig gestalteten Mühlengarten. Für den Bereich Lahnaue ist ein Rahmenplan für die kommenden Jahrzehnte erstellt worden. Die Flussufer sollen Schritt für Schritt den Menschen wieder erreichbar gemacht und so mancher städtebaulicher Wildwuchs beseitigt werden. Einzelne Maßnahmen sind bereits bis zum Beginn der Landesgartenschau realisiert worden, wie zum Beispiel der Christoph-Rübsamen-Steg als dritte Brücke über die Lahn.

Eine Besonderheit dieser Gartenschau ist die Verbindung beider Ausstellungsflächen durch die Innenstadt. An den 163 Tagen der Ausstellung wird die gesamte Stadt zur Gartenschau, denn auch die Wege zwischen den beiden Geländen sind Teil des botanischen Erlebnisses. Drei grüne Korridore durch die Stadt sorgen dafür, dass die Wieseck- und die Lahnaue näher zusammenrücken. Auf den rund 1,3 Kilometern Wegstrecke des zentralen Korridors etwa winken weitere Natur-Erlebnisse im historischen Botanischen Garten oder im neuen Gießkannenmuseum.

Die Wieseckaue als Wissenschafts-Volkspark

Der 35 Hektar großen Park, der 1969 für den Hessentag angelegt wurde, ist in einem "Wissenschafts-Volkspark" weiter entwickelt worden, um die in der Stadt verwurzelte Tradition des Lernens und der Wissensvermittlung mit den Themen Spiel, Sport und Erholung zu kombinieren. Mit seinen ausgedehnten Wasserflächen lädt der Park an vielen Stellen zum Verweilen ein. Ob am Ufer des Schwanenteichs, wo ein neu gestalteter Platz die Besucher empfangen wird, oder am Quellgarten, der durch sein robustes stadträumliches Konzept überzeugt und zugleich die vorgefundene Stadtstruktur sensibel ergänzt. Der zwei Kilometer lange Rundweg um den Teich verspricht zudem immer neue Ausblicke auf das reich blühende und mit beson- deren Blickachsen gestaltete Freiland. Zugleich bietet die Wieseckaue auch vielfältige Schaubeiträge.

Highlights

In sieben von Studierenden der Justus-Liebig- Universität und der Technischen Hochschule Mittelhessen konzipierten Wissenschaftsgärten werden die Besucher dazu angeregt, die Welt um sich herum aus neuen Blickwinkeln zu betrachten. Namen wie "Paradiesgarten", "Grünes Mathematikum" oder "Garten der Biodiversität" verheißen spannende Einblicke in Themen wie Artenvielfalt und Umweltveränderungen.

Nur wenige Schritte weiter reihen sich auf einer Fläche von rund 12.000 Quadratmetern insgesamt 13 kreisrunde Themengärten wie eine Molekularkette aneinander. In ihnen zeigen die hessischen Gärtner die Fülle ihrer Gestaltungsideen, mal asiatisch schlicht und reduziert, mal üppig duftend mit Rosenbögen und Kräutern. Gärten zum Wohnen und Wohlfühlen sollen es sein.

Im Norden der Wieseckaue gibt der Quellgarten Duftpflanzen und Raritäten einen besonderen Rahmen. Gestaltet ist er als klassischer Senkgarten, durch den ein von zwei Quellen gespeister Bach verläuft, der in den Neuen Teich mündet. Durch das Tieferlegen der Beete bietet der Garten besonders für empfindliche Pflanzen einen Wind- und Kälteschutz.

Ein Zelt im östlichen Teil des Geländes beherbergen die wechselnden Blumenschauen. Ins- gesamt 13 Mal wechselt die Ausstellung, um Trends und Neuerungen zu allen Jahreszeiten zu präsentieren.

Kinderfreundlich

Für junge Besucher ist auf dem Gelände mehr als das übliche Spielgerät zu finden. Eigens für Jugendliche wurde ein neuer Skate-Park mit Elementen des urbanen Streetstyle angelegt. Dafür berücksichtigten die Planer die Wünsche der jungen Nutzer. Nebenan laden vier Spielschollen die Kinder ein, sich als Forscher und Entdecker auf den Spuren von Alexander von Humboldt zu betätigen. Die Reise des berühmten Naturforschers nach Südamerika im 19. Jahrhundert stand Pate für die hölzernen Spielgeräte, die mit Krokodil und Einbaum mal an seine Fahrt auf dem Orinoco erinnern und mal eine indianische Ausgrabungsstätte im mexikanischen Acapulco nachbilden.

Volles Programm

Mehr als 1.500 Veranstaltungen runden während der 5. Hessischen Landesgartenschau das vielfältige Angebot an gärtnerischen Themen ab. Die Bandbreite reicht von Auftritten prominenter Künstler wie den hessischen Komikern Bodo Bach, Maddin Schneider und Kaya Yanar bis hin zu zahlreichen Akteuren aus der Region. Neben Musik, Komik und Kleinkunst stehen der Sport ebenso im Mittelpunkt wie ein ausgedehntes Kinderprogramm, Konzerte in der von den Evangelischen Kirchen in Hessen und dem Bistum Mainz gemeinsam bespielten LichtKirche, aber auch immer wieder Angebote rund um das Thema Garten und Umwelt.

Öffnungszeiten
Apr., Mai, Sept., Okt.: täglich von 10 bis 18 Uhr Juni, Juli, August: täglich von 10 bis 20 Uhr. Infos: www.landesgartenschaugiessen.de

pe/kro

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