Mittwoch, 19. Mai 2021
Thema der Woche | 15. Mai 2014

Ein Mann des Friedens

Amnon Orbach zum Marburger Ehrenbürger ernannt – Foto: Coordes

Die Liebe hat den Israeli Amnon Orbach vor mehr als 30 Jahren nach Marburg verschlagen – damals der einzige Jude der Universitätsstadt. Heute ist er der dienstälteste Vorsitzende einer jüdischen Gemeinde in Deutschland. Die Stadt hat ihn am Sonntag zum Ehrenbürger gemacht.

Als "Mann des Friedens und der Religion" bezeichnet ihn Oberbürgermeister Egon Vaupel. Mit viel Humor und Offenheit habe er die jüdische Gemeinde wieder aufgebaut und zum Blühen gebracht.

Der in Jerusalem geborene Orbach hat mit seinen 84 Jahren kaum etwas von seiner Energie eingebüßt. Bis heute hört man seinen weichen, israelischen Akzent. Systematisch deutsch zu lernen, dazu hatte er nie Zeit, erzählt er mit schalkhaftem Lächeln. Als er 1982 nach Deutschland kam, konnte er die Sprache nicht. Mit Hannelore, der jungen Englisch- und Französischlehrerin aus Marburg, in die er sich verliebt hatte, sprach er Englisch. Kennengelernt hatte er sie am 7. Oktober 1981, einen Tag nach der Ermordung des früheren ägyptischen Staatspräsidenten Anwar El Sadat. Ein Freund hatte ihn gebeten, die deutsche Touristin mit dem großen Rucksack vom Flughafen in Tel Aviv abzuholen.

Ein Jahr später kam er zunächst probeweise nach Marburg. Viel sprach gegen das Paar – die Sprache, die Kultur, der Altersunterschied von 19 Jahren und die Entfernung von mehr als 3000 Kilometern. Amnon Orbach, Vater zweier Kinder aus erster Ehe, war zu diesem Zeitpunkt bereits 52 Jahre alt.

Als Sohn eines jüdischen Geschäftsmannes ist er in Jerusalem aufgewachsen, war wie sein Vater Mitglied der zionistischen Untergrundbewegung Hagana. Er hat in Haifa und New York studiert, als Diplom-Ingenieur zunächst in der Rüstungsindustrie, dann für die Spielzeugindustrie gearbeitet, für die er Lehrmaterial und Spielgeräte für Kindergärten und Schulen entwickelte.

In Deutschland gelingt es ihm, sich als Repräsentant einer israelischen Firma eine Existenz aufzubauen. Er heiratet Hannelore, die heute fließend Hebräisch spricht, auf Englisch. Schmerzlich vermisst er jedoch Judentum, das für ihn nicht nur Religion ist. Zunächst findet er keine weiteren Juden – "als ob sie von der Landkarte der Stadt radiert worden wären", sagt er. Mit Mühe trommelt er Überlebende jüdischen Glaubens aus der Umgebung zusammen, mit denen er sich jede Woche trifft. Mit Energie und Hartnäckigkeit baut Orbach wieder eine jüdische Gemeinde in Marburg auf, besucht selbst Vorbeterkurse. Auf seine Initiative zieht die wachsende Gemeinde 1989 zunächst in ein Fachwerkhaus am Fuß der Oberstadt. Doch mit den Zuwanderern aus Osteuropa reicht der Betraum nicht mehr aus.

Die 2005 geweihte neue Synagoge im Südviertel – nur einen Steinwurf von der 1938 abgebrannten Synagoge entfernt -bezeichnet Amnon Orbach als sein Lebensprojekt: Über jedes Detail wurde intensiv diskutiert und nachgedacht – etwa die Treppen aus der protestantischen Elisabethkirche, die lichte Kuppel und die breiten, bequemen Stühle, die inzwischen als "Marburger Synagogenstühle" bekannt sind. Heute hat die Gemeinde 340 Mitglieder. Es gibtBibel-, Judentums- und Hebräischunterricht, Konzerte, Vorträge und Lesungen.

Amnon Orbach freut sich aber auch, dass es keinen Streit in der Gemeinde gibt und dass Überwachungskameras am Eingang unnötig sind. Nie wurde ein Stein gegen die neue Synagoge geworfen. Stattdessen führt der Israeli jedes Jahr Hunderte von Schülern und anderen Gästen durch die "Perle Marburgs", wie er die Synagoge nennt. Antisemitismus habe er in Deutschland zwar nie erlebt, sagt er, wohl aber erstaunliches Unwissen über die jüdische Religion.

Amnon Orbach ist gut befreundet mit dem Vorsitzenden der islamischen Gemeinde Marburgs, Bilal El-Sayat. Orbach geht jedes Jahr zum Ramadanfest, El-Sayat kommt zu den hohen Festen in die Synagoge. Orbach unterstützt die Marburger Moslems beim Bau ihrer neuen Moschee. "Über Politik sprechen wir nicht", sagt er.

Orbach ist erst der fünfte noch lebende Ehrenbürger Marburgs. "Das berührt mich tief", sagt der 84-Jährige, der vor mehr als 30 Jahren als Nobody kam: "Ich wollte Judentum hier verewigen."

Gesa Coordes

Thema der Woche | 15. Mai 2014

Das erste Mal der Kinogrößen

Uni-Filmreihe mit Erstlingswerken berühmter Regisseure – Foto: Zorro Film

Joel und Ethan Coen, Christopher Nolan, Darren Aronofsky und Fatih Akin – alle sind sie Meister ihres Faches. Hoch geschätzt von Publikum und Kritik, mit zahlreichen Preisen geehrt, haben die Regisseure sich im Laufe der Jahre zu wahren Meistern hinter der Kamera entwickelt. Mittlerweile produzieren viele von ihnen anspruchsvolle Blockbusterformate- man denke an Nolans Batman-Trilogie oder Aronofskys Black Swan –, Filme mit großen Budgets und großen Studios im Rücken. Aber das war nicht immer so. Jeder muss einmal klein anfangen. Nicht selten sind die Erstlingswerke unbekannte Studentenfilme, Lowbudget-Produktionen, die, wenn überhaupt, erst retrospektiv nach größeren Erfolgen vermarktet werden. Was nicht heißen soll, dass die Debüts geringzuschätzen sind. Im Gegenteil, handelt es sich dabei oft um innovative Erstlingswerke von "unverbrauchten" und kreativen jungen Köpfen, die ihren eigenen Stil zu entwickeln suchen.

In der Filmreihe für Studierende "Das erste Mal – Langfilmdebüts von Kinogrößen" des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) der Justus-Liebig-Universität werden die Debüts hinsichtlich inhaltlicher und formal Tendenzen betrachtet, die das spätere Werk so charakteristisch werden lassen. Dabei wird das ZMI von Experten der Filmkritik und Filmwissenschaft unterstützt. Die renommierten Gästegeben jeweils zu Beginn jeder Vorführung eine fachkundige Einführung, die die Sinne der Zuschauer für den Film schärfen wird.

Nach dem Auftakt der Filmreihe am 14.Mai mit dem Erstlingswerk "Blood Simple" der Coen-Brüder geht es weiter am 28. Mai mit dem ersten Langfilm des britischen Filmemachers Christopher Nolan. "Following" kam 1998 in die Kinos und zählt mit 6000 US-Dollar Produktionskosten eher zu einem Low-Budget-Film. Dass low-budget nicht immer mit low-quality gleichzusetzen ist, beweist dieser Film eindrucksvoll. Die Geschichte handelt vom erfolglosen Schriftsteller Bill, der willkürlich Menschen durch London verfolgt und so an den Einbrecher Cobb gerät. Dieser stiehlt nicht nur, sondern genießt es, bei seinen Streifzügen in die Welten der unwissenden Bewohner einzudringen. Schon in seinem ersten Langfilm beweist Nolan sein Gespür für komplexe Erzählstrukturen sowie düstere Atmosphäre. Einen einführenden Kommentar gibt der Journalist und Filmexperte Urs Spörri.

Der dritte Film der Reihe, der am 11. Juni gezeigt wird, ist der des amerikanischen Filmemachers Darren Aronofsky. In "Pi" (1998) geht es um den genialen Mathematiker Max Cohen, der kurz vor der Entschlüsselung des Zahlensystems steht, das die Struktur unseres Universums offenbart. Mit Hilfe seines Supercomputers Euclid versucht er zudem, die Entwicklung des Aktienkurses vorherzusagen. Doch zunehmende Paranoia sowie heftige Anfälle erschweren seine Arbeit und Geheimdienste, religiöse Sekten und Aktienhaie verfolgen ihn. Bereits mit diesem Film bezeugt Aronofsky sein Interesse an vielschichtigen Charakteren, originellen Einstellungen und der auch später oft genutzten subjektiven Erzählweise. Eine Einführung wird die renommierte Filmkritikerin Barbara Schweizerhof geben.

Den Abschluss der ZMI-Filmreihe bildet am 25. Juni Fatih Akins Debütfilm "Kurz und schmerzlos" (1998). Er handelt von dem ehemaligen Gangmitglied Gabriel, der nach seiner Haftentlassung mit seiner kriminellen Vergangenheit abschließen möchte. Dies erscheint angesichts seiner immer noch kriminell aktiven Freunde allerdings als schwieriges Unterfangen und so wird auch er erneut in zwielichtige Angelegenheiten hineingezogen. Fatih Akin schafft schon mit seinem Erstling authentische Charaktere, die nicht in Heimweh und Resignation vergehen, sondern ihre Identitäten leben. Er distanziert sich damit vom "Kino der Fremdheit", das sehr stereotyp von Problemen der Migration und kulturellen Abgrenzungen handelt. Die Einführung zum Film übernimmt der renommierten Prof. Malte Hagener vom Institut für Medienwissenschaften der Universität Marburg.

Die vierteilige universitäre Veranstaltungsreihe für Studierende und Filminteressierte findet jeweils im Abstand von zwei Wochen im Margarete-Bieber-Saal in der Ludwigstraße 34 in Gießen statt. Beginn ist jeweils um 19 Uhr.

pe/kro

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