Mittwoch, 19. Mai 2021
Thema der Woche | 26. März 2015

Professor Galewskys Gruselkabinett

Marburger Wachsmoulagen-Sammlung – Foto: Coordes

Am so genannten "Tierfell-Naevus" sind sogar kleine Härchen eingearbeitet. "Badeanzug-Pigment-Mal" sagen die Dermatologen heute zu der sehr seltenen Krankheit, bei der sich ein riesiges Muttermal wie ein Kleidungsstück über einen ganzen Körperteil zieht. In der Wachsmoulagen-Sammlung der Marburger Philipps-Universität gehört die gut 100 Jahre alte Nachbildung zu den bemerkenswertesten Ausstellungsstücken. Ein Moulageur fertigte das Babybein nach Gipsabdrücken, um Medizinstudenten besseres Anschauungsmaterial zu bieten. Bis heute wird die Sammlung gelegentlich im Unterricht benutzt. Ihr Ursprung war jedoch viele Jahre unbekannt.

Erst 2010 deckte die Dermatologin Dr. Hannelore Mittag die ungewöhnliche Geschichte der Marburger Wachsmoulagen-Sammlung auf. Beim Umzug der Hautklinik vom Lahntal auf die Lahnberge fiel der Oberärztin nämlich ein antiquarisches Buch über "Hautkrankheiten und Syphilis im Säuglings- und Kindesalter" in die Hände, geschrieben von Prof. Eugen Galewsky (1864-1935) – mit Bildern aus der Marburger Wachsmoulagensammlung. Mittag ging der Sache nach und fand heraus, dass die Marburger Wachsmoulagen alle aus der Kollektion des Dresdener Professors stammen, der die täuschend echten Reproduktionen sammelte: "Das war damals ganz aktuell und modern", erläutert Mittag. "Professor Galewskys Gruselkabinett", nannten manche die Nachbildungen erkrankter Körperteile. Seit dem Internationalen Kongress für Hautkrankheiten in Paris galten Moulagen als die idealen Lehrmittel im dermatologischen Unterricht.

Doch Galewsky – ein Pionier bei der Behandlung der Schuppenflechte – war Jude. Mit Beginn des Nationalsozialismus hatte er zunehmend unter Anfeindungen zu leiden. 1935 starb er an einem Herzinfarkt – und ein kleiner Teil der Sammlung kam nach Marburg. Ob die Hautklinik damals die Situation der jüdischen Familie ausnutzte, lässt sich heute nicht mehr klären. Doch der zuständige Marburger Professor – Alfred Ruete (1882-1951) – war selbst mit einer Jüdin verheiratet. Mittag vermutet, dass ihm die Wachsmoulagen von der Familie Galewskys angeboten wurden.

Heute ist nur noch ein kleiner Teil der Reproduktionen in zwei Vitrinen in der Hautklinik auf den Marburger Lahnbergen zu sehen. Ein großer Teil der Wachsmoulagen ist im Laufe der Jahre verloren gegangen. Dabei handelt es sich umKunstwerke, so Mittag. Sie stammen aus der Zeit vor Einführung von qualitativ hochwertigen Farbfotografien. Von Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1950er Jahre hinein wurden sie in der Medizin verwendet, um Krankheiten plastisch nachzubilden. "Moulageur" war ein eigenständiger Beruf. Die Fachleute nahmen Abdrücke, die dann mit Wachs ausgegossen und täuschend echt bemalt wurden. Nässende Wunden wurden durch glänzenden Lack oder Glassplitter dargestellt, Körperbehaarung und Schuppen eingearbeitet. Bis heute gibt es auf diese Weise Moulagen, die dem Originalbefund fast gleichkommen. Die Marburger Dermatologie hat zwei signierte Wachspräparate des berühmten Moulageurs Fritz Kolbow (1878-1946).

Heute werden sie als wertvolle medizinhistorische Dokumente geschätzt, weil sie Krankheiten zeigen, die es kaum noch gibt – etwa die Spätfolgen der Syphilis, Hauttuberkulose oder Pocken. Dazu zählt auch die Formalin-Krankheit, ein Ekzem, das durch Formalin in hoher Konzentration verursacht wurde. Wie dies die Fingernägel verformt, kann man an einem Marburger Präparat detailliert sehen. Nachgeahmt wurde auch das Gesicht eines jungen Mannes, der an schwerer Akne litt, am ganzen Körper auftretende rote Haut (Erythrodermie), schuppende Krankheiten sowie ein vermutlich durch Medikamente ausgelöster Ausschlag an einer Hand.

Weitere Themen der Wachsmoulagen sind Hautreaktionen auf halogenhaltige Medikamente, Pilzkrankheiten, Dellwarzen, Reaktionen auf Pockenimpfungen, Entzündungen, Ekzeme, Tumore und Verhärtungen auf der Haut. Freilich ist der Erhaltungszustand der Modelle bedenklich. Die Kunstwerke müssten restauriert werden.

Info
Die Wachsmoulagen-Sammlung ist wochentags von 8 bis 18 Uhr vor dem Konferenzraum der Klinik für Dermatogie auf den Lahnbergen zu besichtigen. Weitere Informationen: 06421-5862959

Gesa Coordes

Thema der Woche | 26. März 2015

"El Niño" korrekt vorhergesagt

Deutsche und israelische Forscher prognostizierten das Wetterphänomen über ein Jahr im Voraus – Foto: Geraint Rowland (Flickr, Lizenz: CC-BY 2.0)

Das aktuelle Wetterphänomen "El Niño"ist von einem Team aus deutschen und israelischen Wissenschaftlern über ein Jahr im Voraus angekündigt worden – so früh wie nie zuvor. Dieser Durchbruch in der Vorhersage des wichtigsten natürlichen Klimaphänomens gelang mit Hilfe eines neuen Algorithmus, der auf einer Netzwerk-Analyse der Lufttemperaturen im Pazifikraum beruht. Solche langfristigen Vorhersagen können Bauern in Brasilien, Australien oder Indien helfen, sich vorzubereiten und die Aussaat entsprechend anzupassen. Die Wissenschaftler vom Institut für Theoretische Physik der Justus-Liebig-Universität (JLU), dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv hatten sich dazu entschieden, die Frühwarnung vor über einem Jahr in dem renommierten Wissenschaftsmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) zu publizieren – dabei waren sie sich des Risikos eines Fehlalarms und des damit verknüpften Reputationsrisikos bewusst.

"Während konventionelle Methoden offenbar nicht zu einer verlässlichen 'El Niño'-Prognose mehr als sechs Monate im Vorausin der Lage sind, können wir mit unserer Methode die Vorwarnzeit mindestens verdoppeln", betonte JLU-Physiker Prof. Armin Bunde, der mit seinem Kollegen Dr. Josef Ludescher die Studie leitete. "Auch bei einem Prognosezeitraum von sechs Monaten schneidet sie deutlich besser ab."

Während die anderen Vorhersagen immer wieder um Wahrscheinlichkeiten von rund 60 Prozent schwankten – noch im November lagen sie bei nur 58 Prozent –, blieb die neue Methode über den gesamten Prognosezeitraum stabil bei rund 75 Prozent. Der US-amerikanische Wetterdienst NOAA hat erst vor wenigen Tagen die Ankunft von "El Niño" bestätigt. Japanische Vorhersagen sahen die Bedingungen im letzten Dezember erfüllt. Die korrekte Vorhersage war dieses Mal offenbar noch schwieriger, da die Auswirkungen des Wetterphänomens in diesem Winter ungewöhnlich schwach ausgeprägt sind. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Prognose der Physiker trotzdem korrekt war. Eine Aussage über die Stärke von "El Niño" ist mit dem Algorithmus derzeit noch nicht möglich.

Mit einer Vorwarnzeit von bislang höchstens einem halben Jahr haben die Menschen vor allem in den Tropen und Subtropen in unregelmäßigen Abständen um die Weihnachtszeit herum mit den oftkatastrophalen Folgen von "El Niño" (spanisch für das "Christkind") zu kämpfen – leere Fischernetze und sturzbachartige Regenfälle in Peru sowie ausgedehnte Dürreperioden in Teilen Südamerikas, Indonesiens, Australiens und Afrikas. Darüber hinaus kann es über dem indischen Subkontinent zu einer Änderung des Monsunsund in Kalifornien zu mehr Niederschlag kommen.

Diese Auswirkungen sind wegen der Schwäche des Phänomens in diesem Jahr weitgehend ausgeblieben.

Die Forscher nutzten für ihre Untersuchungen ein Netzwerk aus atmos­phärischen Temperaturdaten im tropischen Pazifik, das aus14 Gitterpunkten im"El Niño"-Kerngebiet am Äquator und 193 Punkten außerhalb dieses Kerngebietesim Pazifikraum besteht. Die Physiker hatten herausgefunden, dass schon im Jahr vor dem Ausbruch eines "El Niño" die Fernwirkung zwischen den Lufttemperaturen inner- und außerhalb des Kerngebiets deutlich stärker wird. Diesen Effekt nutzten sie für die Festlegung ihres Prognose-Algorithmus.

"Die Ursachen für die Entstehung von 'El Niño' waren bislang weitgehend unklar – unsere Methode könnte jetzt die Tür öffnen für einen Einblick in die Mechanismen dieses so wichtigen Klimaphänomens", betonte Prof. Hans Joachim Schellnhuber (PIK). "In den Daten von mehr als 200 Stellen im Pazifik baut sich vor einem kommenden 'El Niño' ein Zusammenspiel auf, ähnlich wie in einem Orchester, und das benutzen wir zur Vorwarnung. Spielen verschiedene Regionen im Pazifik dagegen eher wie einzelne Solisten unabhängig vor sich hin, entwickelt sich kein 'El Niño'. Physikalisch gesehen könnte es sich also um ein Resonanzphänomen handeln."

Für die Untersuchungen standen den Forschern zuverlässige Daten aus dem Zeitraum zwischen Anfang 1950 und Ende 2011 zur Verfügung. Der Zeit­ab­schnitt zwischen 1950 und 1980 diente ihnen als Lernphase für die Festlegung eines Algorithmus für die Bestimmung der Alarmschwellen. Mithilfe dieses Algorithmus konnten dann die "El Niño"-Ereignisse in der zweiten Periode prognostiziert und mit den tatsächlichen Ereignissen verglichen werden. So war es möglich, die Quote falscher Alarme auf unter zehn Prozent zu senken und 70 Prozent der "El Niño"-Ereignisse zutreffend zwölf bis 18 Monate vor ihrem Eintritt anzukündigen. Das Forscherteam möchte jetzt die Methode verfeinern. Ziel soll sein, künftig auch die Dauer und die Stärke eine "El Niño"-Ereignisses korrekt vorherzusagen.

El Niño
Ein "El Niño"-Ereignis löst zunächst eine auffällige Erwärmung des Ober­flächen­wassers im Bereich der südamerikanischen Pazifikküste aus. Unmittelbare Folge: Die mit dem kalten Humboldt-Strom von Süden heranziehenden Fischschwärme meiden die peruanische Küste. Die Netze der Fischer bleiben leer. Weiter oben im Bergland von Peru und Ecuador kommt es zu sturzbachartigen Regenfällen, die den armen Bauern zu schaffen machen. Doch damit nicht genug. Auf der gesamten Südhalbkugel der Erde ändert sich das Wettergeschehen in auffälliger Weise: In Teilen Südamerikas, Indonesiens und Australiens kommt es zu ausgedehnten Dürreperioden, in der Karibik entstehen Wirbelstürme, über dem indischen Subkontinent ändert sich das Regime des Monsun, und selbst in Nordamerika und Europa sind die Auswirkungen von "El Niño" noch in Form strengerer Winter spürbar, mit bisweilen katastrophalen Folgen: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts haben durch "El Niño"-Ereignisse ausgelöste Dürren in Brasilien, Indien und China zwischen 30 und 50 Millionen Todesopfer gefordert.

pe/kro

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