Dienstag, 11. Mai 2021
Thema der Woche | 19. November 2015

Viele hoffen auf Ionenstrahlen

Gutes Ende nach jahrelangem Gezerre

Die lange Geschichte um die Partikeltherapieanlage des Universitätsklinikums Gießen und Marburg hat ein gutes Ende. Mit mehrjähriger Verspätung ist das bereits totgesagte, 120 Millionen Euro teure Ionenstrahl-Therapiezentrum auf den Marburger Lahnbergen offiziell eingeweiht worden. "Das ist ein wichtiges Signal an die vielen schwerkranken Menschen, die sehr große Hoffnungen in eine faszinierende Technik setzen", sagte Hessens Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU). Die Federführung hat allerdings die Universitätsklinik Heidelberg, die 75,1 Prozent der Anteile hält. Es handelt sich erst um die zweite Anlage in Deutschland und die achte weltweit, an der die Patienten mit dieser Technik bestrahlt werden.

Seit wenigen Tagen werden die ersten vier Krebspatienten im Marburger Ionenstrahltherapiezentrum (MIT) behandelt. Sie leiden unter seltenen Hirn- sowie Hals-Kopf-Tumoren. Die ersten Bestrahlungstage seien "völlig störungsfrei" verlaufen, so der wissenschaftlich-technische Leiter des MIT, Prof. Thomas Haberer. Geht es nach Plan, werden die Patientenzahlen in den kommenden Jahren auf mehr als 750 Patienten pro Jahr steigen. 2016 sollen bereits mehrere Hundert Krebskranke bestrahlt werden.

Die Behandlungsform verspricht Hoffnung für Krebstumore, die man auf "normalem" Weg nicht erreichen kann, weil sie zu tief im Körper oder zu nah an gesundem Gewebe wie dem Sehnerv, dem Hirn oder dem Rückenmark liegen. Dazu gehören klar abgrenzbare und schwer zugängliche Tumore am Kopf, an der Wirbelsäule, in Speicheldrüsen, Leber oder Prostata. Zudem nutzen die Ionenstrahlen bei einigen Krebsarten von Kindern sowie bei inoperablen Tumoren von Knochen und Enddarm. Insgesamt könnten etwa 15 Prozent der Strahlentherapiepatienten von der Methode profitieren, schätzt Haberer. In der Regel werden sie vier Wochen lang fast täglich bestrahlt. Dabei hinterlässt das Verfahren kaum Schäden in der Umgebung des Tumors.

Das Herzstück des futuristischen Gebäudes auf den Marburger Lahnbergen, das mit einem Architekturpreis ausgezeichnet wurde, ist das sogenannte Synchrotron. In dem 250 Tonnen schweren Teilchenbeschleuniger, der einen Durchmesser von 20 Metern hat, wird der Strahl mit Magneten auf einer Kreisbahn gehalten. Gemeinsam mit dem vorgeschalteten Linearbeschleuniger ist die Anlage der Hauptgrund, warum das Zentrum den Stromverbrauch einer Großgemeinde mit 3000 Haushalten hat. Mehrere Millionen Mal muss der Strahl durch das Synchrotron fliegen, um die bis zu 75 Prozent der Lichtgeschwindigkeit zu erreichen, die nötig sind, damit die Strahlen präzise auf den Tumor treffen.

Auf den vier Behandlungsplätzen, von denen bislang zwei im Einsatz sind, berechnen Computer die optimale Strahlendosis für jeden einzelnen Punkt im Tumor. Bei Bestrahlungen des Kopfes werden Kunststoffmasken für die Patienten eigens angefertigt, die so mit der robotergesteuerten Patientenliege verschraubt sind, dass der Kopf völlig unbeweglich ist.

Das alles hat seinen Preis: Die Behandlung im MIT ist etwa dreimal so teuer wie eine konventionelle Strahlentherapie. Dafür wurden mit den meisten Krankenkassen bereits Vereinbarungen geschlossen. Die ärztliche Direktorin der Marburger Uni-Klinik für Strahlentherapie, Rita Engenhart-Cabillic, hält dies trotzdem für eine günstige Therapie: "Ein neues Krebsmedikament kostet ein Vielfaches", sagt die Expertin.

Insgesamt geht der wissenschaftlich-technische Leiter Thomas Haberer von schwarzen Zahlen aus: "Eine Ionenstrahl-Therapieanlage kann wirtschaftlich betrieben werden", sagt er. Dabei stehe die Entwicklung von innovativen Methoden für die Krankenversorgung im Vordergrund.

Lange Vorgeschichte
Eigentlich sollte das Ionenstrahl-Therapiezentrum schon vor vier Jahren eröffnet werden. Doch das "Leuchtturmprojekt" des privatisierten Marburger Universitätsklinikums wurde von Krankenhausbetreiber Rhön 2011 unerwartet gestoppt, obgleich der 120 Millionen Euro teure Bau auf den Marburger Lahnbergen bereits stand. Hauptgrund: Es stellte sich heraus, dass die Anlage nicht so viele Patienten behandeln kann, um sich zu rechnen. Rhön hatte auf bis zu 2000 Patienten pro Jahr gehofft.
Es folgte ein jahrelanges Gezerre mit Vorwürfen, Klageandrohungen und Rückverkauf an den Hersteller, bis schließlich nach 50 Verhandlungsrunden die Lösung durch die Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum (HIT) gefunden wurde. Die 2009 mit öffentlichen Geldern eingerichtete Anlage war die erste in Europa, an der Patienten sowohl mit Protonen als auch mit Kohlenstoffionen bestrahlt werden konnten. Dort werden 750 Patienten pro Jahr behandelt, wobei die Kranken auch abends und am Wochenende einbestellt werden müssen. Die Heidelberger erhoffen sich durch die Beteiligung in Marburg mehr Spielräume und Kapazitäten. Zudem hätten sie die Chance, mehr klinische Studien zu machen, so der wissenschaftlich-technische Leiter, Prof. Thomas Haberer. In Marburg wird ein Team aus 60 Technikern, Ingenieuren, Physikern und medizinischem Personal rund um die Uhr in der Anlage arbeiten. "Es haben alle gekämpft", kommentiert die ärztliche Direktorin der Klinik für Strahlentherapie an der Uniklinik Marburg und Gießen, Prof. Rita Engenhart-Cabillic, den erfolgreichen Ausgang.
gec

Gesa Coordes

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