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Thema der Woche | 17. Dezember 2015

Korruptions-Wächter nehmen Unis ins Visier

Checkliste für die Unis von Transparency International – Foto: Coordes

Aldi-Hörsäle, Geheimverträge mit der Pharmaindustrie und bestochene Doktorväter – auch die Hochschulen sind anfällig für Filz, Mauscheleien und dubiose Verbindungen. Die Korruptions-Wächter von Transparency International haben deshalb eine Checkliste für die Unis herausgegeben. Die mittelhessischen Universitäten arbeiten zwar nicht damit, sind aber überzeugt: "Geheimverträge gibt es bei uns nicht", so die Kanzlerin der Gießener Uni, Sabine Kraus.

"Mit der Liste wollen wir das Bewusstsein für Interessenkonflikte und Korruptionsrisiken schärfen", sagt Arne Semsrott, der die AG Wissenschaft der Organisation bei der Nichtregierungsorganisation Transparency leitet. Schließlich steige die Zahl der undurchsichtigen Sponsoring-Fälle Jahr für Jahr. Zugleich ist das Thema aber noch relativ neu für die Universitäten.

Kritisch betrachtet Semsrott die öffentliche Werbung beim Raum-Sponsoring. So hat die Uni Erlangen-Nürnberg hat einen "Easy-Credit-Hörsaal", mit dem die Teambank für ihren Ratenkredit wirbt. Aldi-Süd-Hörsäle mit Logo am Eingang gibt es an den Hochschulen Rhein-Main, Kempten und Würzburg. "Ob man in einem Aldi-Hörsaal wirklich gut über Marx nachdenken kann, ist die große Frage", kommentiert Semsrott.

An der Marburger Philipps-Universität hat es zumindest für zwei Jahre einen Dr. Reinfried Pohl-Saal bei den Juristen gegeben. Der verstorbene Marburger Milliardär und Gründer der Deutschen Vermögensberatung (DVAG) hatte den größten Hörsaal im Landgrafenhaus 2007 gründlich renovieren lassen und 400 neue Stühle finanziert. Pohl hatte einst selbst an diesem Fachbereich studiert. Das Glasschild am Eingang des Hörsaals hing allerdings nur etwa zwei Jahre. Dann hat es ein Unbekannter abgeschraubt. Warum, weiß auch der frühere Dekan Gilbert Gornig nicht zu sagen. Er geht aber davon aus, dass dabei keine Studierenden aktiv waren. Und er betont, dass sich der Unternehmer auch bei der von ihm initiierten Forschungsstelle für Finanzdienstleistungen nie eingemischt habe. Die Forschungsstelle hat keinen eigenen Mitarbeiter und wird jährlich mit etwa 20000 Euro aus der Pohl-Stiftung gefördert. Die Gelder werden vor allem für die Bibliothek verwendet.

Eher als einen Fall von klassischem Mäzenatentum betrachtet Semsrott das Anneliese Pohl Krebszentrum und das Dr. Reinfried Pohl-Zentrum für medizinische Lehre, in dem angehende Mediziner mit Hilfe von Simulations­patienten und Amateurschauspielern lernen, ihre zukünftigen Patienten korrekt zu untersuchen, Krankheiten zu diagnostizieren und schwierige Gespräche zu führen. Trainiert wird auch das richtige Vernähen von Operationswunden. Zum Zentrum gehört auch eine Kindertagesstätte. In Gießen existieren nach Angaben von Uni-Kanzlerin Sabine Kraus keine Hörsäle, die nach Firmen benannt wurden.

An beiden Hochschulen gibt es – wie von Transparency gefordert – Musterverträge für Drittmittel. Allerdings bringen auch private Unternehmen ihre eigenen Vertragsentwürfe mit. "Es ist dann die Kunst, die Interessen überein zu bringen", sagt die Giessener Kanzlerin Kraus. Die Verwertungsrechte blieben mitunter bei den Unternehmen. Es werde aber auf jeden Fall dafür gesorgt, dass die Forschungsergebnisse publiziert werden könnten.

Geht es nach den Korruptionswächtern von Transparency, müssten Kooperationsverträge mit Geldgebern aus der Wirtschaft öffentlich gemacht werden. Das tut aber bislang kaum eine Hochschule. Auch die mittelhessischen Universitäten machen diese Verträge nicht öffentlich: "Da geht es um Betriebsinterna. Das ist per se nicht öffentlich", erläutert der Justitiar und Antikorruptionsbeauftragte der Philipps-Universität, Rainer Viergutz.

Kritisch unter die Lupe nehmen möchte Transparency die von Unternehmen gesponserten Lehrstühle, deren Zahl auf rund 1000 in Deutschland geschätzt wird. So gibt es an der Uni Köln eine Stiftungsprofessur für Energiewirtschaft, die von Energiekonzernen finanziert wird. Google unterstützt das Institut für Internet und Gesellschaft an der Humboldt-Universität Berlin. Für Gießen listet die Organisation eine Stiftungsprofessur für vaskuläre Lungenforschung auf, die vom Pharmakonzern Pfizer finanziert wird. Möglicherweise sei diese aber bereits ausgelaufen, so Semsrott. In Marburg gibt es eine Stiftungsprofessur für kardiovaskuläre Prävention, die von der Pohl-Stiftung finanziert wird, sowie eine Professur für Pneumologische Rehabilitation, die von den Schön-Kliniken im Berchtesgadener Land finanziert werden.

Großen Einfluss hat die Wirtschaft auch in den Hochschulräten: Bundesweit kommt ein Viertel aller Hochschulräte aus Unternehmen – aber nur ein Prozent aus den Gewerkschaften. Dieses Verhältnis wird auch in Marburg und Gießen nicht verbessert.

Transparency setzt darauf, dass sich Hochschulleitungen für klare Regeln stark machen. Um dem Thema noch mehr Nachdruck zu verleihen, haben die Korruptionswächter ein Online-Portal eingerichtet, in dem Wissenschaftler und Studenten über Beispiele berichten, die ihnen fragwürdig erscheinen. 400 Hochschulen sind bereits gelistet.

Infos ...
... zum Online-Portal gibt es unter www.hochschulwatch.de

Gesa Coordes

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