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Thema der Woche | 24. Dezember 2015

Literatur aus der Hölle

Texte gegen das Vergessen – Foto: Coordes

Es sind die Menschen hinter den Texten, die Sascha Feuchert am meisten berühren: Ervin Singer etwa, der 2014 verstorbene Sohn eines Chronisten aus dem Getto von Lodz (Litzmannstadt), wurde ihm ein guter Freund. Oder Lucille Eichengreen, die mit der Ehrendoktorwürde der Justus-Liebig-Universität ausgezeichnete Holocaust-Überlebende, die ihn erst nach seinem Jahrgang und dem seiner Eltern fragte, bevor sie weiter mit ihm korrespondierte.

Honorarprofessor Sascha Feuchert gehört zu den drei Gründern der Gießener Uni-Arbeitsstelle Holocaustliteratur: Gemeinsam mit den Germanisten Erwin Leibfried und Jörg Riecke rief er die bundesweit einmalige Einrichtung 1998 – damals war er noch Student – ins Leben. Erstes Ziel: Eine Edition der Chronik des Gettos von Lodz.

Auf das 3000 Seiten starke kollektive Tagebuch war Feuchert noch während seiner Zeit als Austauschstudent an der JLU-Partneruni in der polnischen Stadt gestoßen. Obgleich das Getto von Lodz das zweitgrößte Getto der Nazis war, spielte es vor Ort kaum eine Rolle. "Als ich das ehemalige Gettogebiet suchte, schickte man mich in den falschen Stadtteil", erzählt Feuchert. Im Staatsarchiv entdeckte er die aufpolnisch, deutsch und jiddisch geschriebene Chronik aus den Jahren 1941 bis 1944. "Ich war absolut fasziniert", sagt der Germanist. Doch zurück in Gießen stellte er zu seiner Überraschung fest, dass es keine Edition gab. Abgesehen von einer Teilveröffentlichung in englischer Sprache konnte man das erschütternde Dokument praktisch nur vor Ort lesen.

Seit 2007 liegt das gemeinsam mit polnischen Kollegen erarbeitete Werk vor: Fünf editierte Bände, die das Leben und Sterben der 200 000 Juden dokumentieren, die hier unter extremsten Bedingungen um ihr Überleben kämpften. Die von mehreren Autoren geschriebene Chronik begann täglich mit dem Wetterbericht, berichtete akribisch vom Sterbefällen, Epidemien, Festnahmen und Essensrationen, schilderte kursierende Gerüchten und hatte sogar eine Rubrik "Getto-Humor". In kleinen Kolumnen wurden Einzelschicksale festgehalten: Dazu gehört das der elfköpfigen Familie, nach der die Kripo fahndet und zu spät kommt – es sind bereits alle im Getto gestorben oder in Vernichtungslager deportiert worden. "Sie haben im Prinzip eine Zeitung ohne Leser gemacht", erläutert Feuchert.

Der Judenälteste hatte die irrige Vorstellung, dass man überleben könne, wenn man sich den Deutschen nützlich macht – die Juden in Lodz produzierten Soldatenuniformen und Munition. Dabei gab es entsetzliche Kompromisse. So musste er eine Liste der "unnützen Esser" liefern – insgesamt 12.000 Juden, darunter alleKinder unter zehn Jahren sowie Kranke und Ältere über 65 Jahren, wurden im September 1942 deportiert. Die Chronik-Aufzeichnungen enden mit der Auflösung des Gettos im August 1944. Die noch dort lebenden Juden wurden nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Nur etwa 7.000 von ihnen überlebten.

Die Edition wurde nicht nur von der Deutschen Forschungsgemeinschaft sondern auch von der "Jewish Claims Conference" gefördert, die damit erstmals ein deutsches Forschungsprojekt unterstützte. Bis heute trägt sich die Arbeitsstelle Holocaustliteratur vor allem durch Drittmittel. Nur die Stelle von Leiter Sascha Feuchert wird zur Hälfte von der Universität, zur Hälfte von der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung dauerhaft bezahlt. Daher schwankt die Zahl der Beschäftigten zwischen vier und 15. Aber die meisten Mitarbeiter arbeiten auch ohne Honorar ehrenamtlich weiter, so überzeugt sind sie von ihrer Arbeit, berichtet Feuchert: "Die Sinnfrage stellt sich bei uns nicht."

Die interdisziplinäre Einrichtung, mit der auch Historiker und Geografen arbeiten, will dafür sorgen, dass die Holocaust- und Lagerliteratur erhalten und kritisch diskutiert wird. Bis heute gibt es jedoch keine Gesamtbibliographie. Dabei sind die Texte viel zahlreicher. als in der Vergangenheit angenommen. Für die Zeit unmittelbar nach 1945 hieß es lange auch in der Forschung, dass die Opfer sich nicht zu Wort gemeldet hätten. "Das ist falsch", weiß Feuchert: "Es gibt hunderte von Texten. Sie wurden nur kaum gelesen."

15 Titel hat die Arbeitsstelle bis heute ediert, darunter einzelne Bücher, aber auch Werke mit mehreren Bänden. 2016 werden die Erinnerungen von Lucie Bialer erscheinen, die das Getto Lodz, Auschwitz, Stutthof und den Todesmarsch überlebte. Der Auslöser für die Aufzeichnungen war nicht der Holocaust selbst, sondern der tragische Tod ihrer Tochter Nelly, die im Alter von 40 Jahren an einem Hirntumor starb. Um den Eltern – beide Überlebende – keine zusätzlichen Leiden zu bereiten, verschwieg Nelly sogar ihre Erkrankung. Erst in den letzten Tagen vor ihrem Tod erfuhren die Eltern die Wahrheit.

Veröffentlicht wurden bisher die Aufzeichnungen eines Fünfzehnjährigen aus dem Holocaust, Lyrik und Prosa der Überlebenden Hilda Stern Cohen und die"atemberaubende Reportage", die der Journalist Konrad Heiden direkt nach dem Novemberpogrom 1938 schrieb.

Jüngst begonnen wurde mit den Editionsarbeiten an der 1944 entstandenen "Enzyklopädie" des Gettos von Lodz. Darin werdentypische Getto-Begriffe erläutert – die "Macht" etwa, das Synonym für die Deutschen, oder das "Ressort" als Wort für die Fabriken, in denen die Juden arbeiteten.

Gerade abgeschlossen wird das Forschungsprojekt über die frühe Holocaust- und Lagerliteratur aus den Jahren von 1933 bis 1949, das im Herbst als georeferenzierte Bibliographie online gehen soll. Dabei lässt sich auch nachvollziehen, welcher Ort in welchen Texten eine Rolle spielt oder dass besonders viele Texte in der amerikanischen Besatzungszone entstanden.

Darunter sind sehr viele kurze Schriften, die man einst an Kiosken kaufen konnte. Doch schon damals haderten die Alliierten mit der Tatsache, dass die Deutschen sie nicht lesen wollten. Und heute sind sie weitgehend vergessen. Die Arbeitsstelle suchte die Texte mühsam in Archiven, Antiquariaten, Bibliotheken und Gedenkstätten.

Die Bände zeichnen sich durch eine drastische Sprache und detailgenaue Schilderungen aus. Die Autoren wollen Zeugnis ablegen und benennen die Namen zahlreicher Täter. Die sollen dingfest gemacht werden. "Diese Texte sind von einer solchen Kraft, dass sie in der Schule eine größere Rolle spielen könnten", sagt Feuchert.

Schließlich sterben die Zeitzeugen. Doch die Gedenkstättenpädagogik basiert vor allem auf Gesprächen mit Zeugen der NS-Verbrechen. Übrig bleiben dann "nur" noch die Texte, die von der Katastrophe zeugen. Aber dafür braucht es verlässliche Editionen, didaktische Materialien und gut ausgebildete Lehrer. Dies gehört zu den zentralen Aufgabengebieten der Arbeitsstelle, die eng mit Schulen zusammenarbeitet. Als Reclam-Bände wurden mehrere Unterrichts­hilfen veröffentlicht, unter anderem der Band "Holocaust-Literatur. Auschwitz" sowie Lektürehilfen zu Ruth Klügers "weiter leben", Bernhard Schlinks "Der Vorleser" und dem "Tagebuch der Anne Frank". Für die Studierenden bietet die Arbeitsstelle regelmäßig Lehrveranstaltungen undExkursionen nach Auschwitz und Buchenwald, um sie zu Gedenkstätten-Teamern für ihre spätere Tätigkeit in Schulen auszubilden. Feuchert ist sich sicher: "Anschließend wissen sie, dass eine Halbtagesfahrt nach Buchenwald viel zu kurz ist."

Gesa Coordes

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