Dienstag, 11. Mai 2021
Thema der Woche | 5. Mai 2016

Auf Luthers Spuren

Reformationsroute führt zu Keilereien und Disputen

Der berühmte Reformator Martin Luther (1483–1546) kam nur widerwillig. Eigentlich wollte er seinen Standpunkt nicht diskutieren. Nur auf Drängen von Landgraf Philipp ließ er sich zum Marburger Religionsgespräch überreden, dass den trennenden Abendmahlsstreit zwischen Luther und Zwingli befrieden sollte. Rechtzeitig vor dem Jubiläumsjahr, in dem sich die Veröffentlichung der 95 Thesen Luthers zum 500. Mal jährt, hat das Kulturamt der Stadt Marburg eine Reformationsroute vorgelegt. Mit dem Faltblatt in der Hand können Touristen und Einheimische auf den Spuren der Reformation die Universitätsstadt entdecken. Neben einem Stadtplan enthält es zahlreiche Informationen und Anekdoten rund um das Thema.

Startpunkt ist die Alte Universität an der Weidenhäuser Brücke, über die Luthers Reisekutsche am 30. September 1529 nach Marburg kam. Geschützt von 40 hessischen Reitern wurde er von Bürgern und Studenten begeistert begrüßt. Seine Gegenspieler, Huldrych Zwingli aus Zürich und Martin Bucer aus Straßburg, waren zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Tage da. Zwingli war vier Wochen lang unterwegs. Um den katholischen Häschern zu entgehen, musste er auf geheimen Wegen quer durch das Reich reiten.

Im Marburg hatten sich die Ratsherren schon vier Jahre zuvor darüber beschwert, dass die Stadt zu viel mit "geistlichen Personen belestigt" sei, die keine Steuern zahlten, aber regelmäßig Wein forderten. 1527 bekamen sie den ersten evangelischen Pfarrer. Unterdessen mussten Dominikaner, Franziskaner und Kugelherren ihre Klöster für die von Landgraf Philipp gegründete Universität räumen, die hier stattdessen lutherische Theologen und Beamte ausbildete.

Die Route führt an dem angeblichen Wohnort Luthers während des Religionsgespräches vorbei bis hinauf zum Landgrafenschloss, wo die Kontrahenten wohnten. Vier Tage lang rangen sie um das richtige Verständnis des Abendmahls. Dabei ging es vor allem um die Frage, wie die Worte "Das ist mein Leib" zu verstehen seien. Huldrych Zwingli sah in Brot und Wein lediglich symbolische Zeichen. Dagegen lehrte Luther, dass das Brot im Abendmahl zwar wie Brot schmecke und Brot sei. Es handele sich aber dennoch zugleich um den Leib Christi, der in Brot und Wein gegenwärtig sei.

Mal in Zweier-, mal in Vierergruppen, vor allem aber in From einer "Podiumsdiskussion" versuchten insgesamt mehr als 30 Geistliche, Staatsbeamte und Professoren den Streit zu klären. Doch in der Grundsatzfrage konnten sich Luther und Zwingli nicht einigen. Immerhin unterzeichneten sie auf Vermittlung von Melanchthon, Bucer und Landgraf Philipp 14 Konsenspunkte. Es blieb die einzige persönliche Begegnung zwischen Luther und Zwingli.

Heute können Gäste den Ort des berühmten Marburger Religionsgesprächs quasi unter ihre Füße nehmen. Die früheren Privatgemächer des Landgrafen liegen ein Stockwerk unter dem Museumsrundgang, auf dem auch die kleine Schlosskapelle mit ihren glasierten Tonfliesen und dem Kreuzrippengewölbe zu sehen ist. Hier predigten sowohl Luther als auch Zwingli – allerdings ohne Abendmahl.

Auf dem Weg zum Schloss macht die Route Station an der Lutherischen Pfarrkirche, die damals als Musterkirche der Reformation für ganz Hessen galt. Sie war allerdings 1605 – knapp 40 Jahre nach Philipps Tod – Schauplatz eines heftigen Kampfes zwischen Calvinisten und Lutheranern. Unter dem calvinistischen Landgraf Moritz von Hessen sollte die calvinistische Glaubenspraxis in Marburg eingeführt werden. Doch die Bürger wollten sich das nicht gefallen lassen. Als am 6. August 1605 ein Theologe im Auftrag des Landgrafen vier "Verbesserungspunkte" im Sinne der Calvinisten in der Pfarrkirche verkündete, wurde der Pfarrer niedergeschrien. Die Marburger läuteten die Sturmglocke und stürmten die Empore, wo die Delegation des neuen Landgrafen saß. Ein Pfarrer rettete sich mit einem beherzten Sprung aus der Höhe. Ein anderer wurde im Chor zwischen den Altären zusammengeschlagen und derart zugerichtet, dass er wie tot auf dem Kirchplatz liegenblieb. Studenten retteten den Schwerverletzten. Ein weiterer Geistlicher versuchte, sich ins Pfarrhaus zu flüchten. Doch die lutherische Pfarrfrau, deren Ehemann am Vortag abgesetzt worden war, wies ihm die Tür.

Um für Ordnung zu sorgen ritt Moritz der Gelehrte persönlich an der Spitze einer Söldnertruppe nach Marburg ein. Angesichts der Machtverhältnisse unterwarf sich die Stadt. Bilder, Altartafeln, Kruzifixe und das goldene Triumphkreuz wurden zerschlagen und verbrannt. Doch auf Dauer siegte die Stadt – schon eine Generation später setzte sich das lutherische Bekenntnis wieder durch.

Info
Das Faltblatt zur Reformationsroute ist beim Marburger Tourismusbüro (Tel. 06421-99120, info[at]marburg-tourismus.de) und im Rathaus kostenfrei erhältlich.
Der goldene Schrein ist leer
Ein Abstecher der Reformationsroute führt zur Elisabethkirche, der Landgraf Philipp zehn Jahre nach dem Religionsgespräch einen folgenschweren Besuch abstattete. Der Reliquienkult um die Gebeine der heiligen Elisabeth war dem Landgrafen nämlich ein Dorn im Auge – vor allem, weil die über dem Grab der heiligen Elisabeth errichtete Kirche dadurch zahlreiche Pilgernde anzog. Aufbewahrt wurden die Gebeine in einem mit Hunderten von Edelsteinen besetzten, goldenen Schrein, der bis heute in der Sakristei zu bewundern ist. Die Kirche hatte sich der Reformation widersetzen können, weil sie zum Deutschen Orden gehörte, der als reichsunmittelbare Einrichtung dem Kaiser unterstand.
Um die Pilger aus dem protestantischen Marburg zu vertreiben, ließ der Landgraf am 18. Mai 1539 den kostbaren Schrein aufbrechen. Sein Statthalter sollte die darin enthaltenen Knochen eigentlich auf dem nahe gelegenen Pilgerfriedhof am Michelchen verstreuen. Er versteckte sie jedoch auf seiner Wasserburg in Wommen. Als Landgraf Philipp nach der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg 1547 in kaiserliche Haft geriet, half ihm dies. Um wieder freizukommen, ordnete Philipp nämlich die Rückgabe der Gebeine an. Sie blieben allerdings nur kurz in Marburg. Bereits 1588 kamen sie zu den Klarissen nach Wien. Und heute liegen sie in einer Kapelle der Elisabethinen, einem Wiener Krankenpflegeorden.
Der wertvolle Schrein – ein Meisterwerk der Goldschmiedekunst – ist bis heute der größte Schatz der Kirche. Als älteste gotische Hallenkirche Deutschlands ist das Gotteshaus mit den 80 Meter hohen Türmen ein Touristenmagnet. Innen beeindruckt sie mit Elisabethmausoleum, Elisabethfenster, den Grabmälern hessischer Landgrafen sowie dem Barlach-Kruzifix.
gec

Gesa Coordes

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