Sonntag, 16. Mai 2021
Thema der Woche | 12. Mai 2016

Sägemehl und Poesie

Circus Roncalli lädt vom 20. bis 29. Mai zur Zeitreise auf den Messeplatz Marburg – Foto: Circus Roncalli

Buntes Konfetti ebnet den Besuchern den Weg in eine phantastische Welt. Im Vorzelt des Circus Roncalli werden sie begrüßt vom süßen Duft der Zuckerwatte und dem Rhythmus mitreißender Swing-Klänge eines Jazz-Quintetts, das auf einer kleinen Bühne inmitten der Szenerie seine Instrumente bedient. Noch bevor die Show beginnt, spürt man die Magie, die dieser Ort in sich trägt: Hier gelten nicht die üblichen Regeln des Alltags. Für Ernsthaftigkeit hat diese edle Kulisse keinen Platz. Rot bemalte, historische Zirkuswägelchen, die liebevoll gülden verziert sind und mit allerhand Köstlichkeiten locken, faszinieren nicht nur die kleinen Besucher. Auch die Erwachsenen werden schon vor der Show auf eine Zeitreise eingeladen, die sie zurück in ihre Kindheit versetzt. Ebenso wie die Kinder heute haben wohl auch sie damals an den Händen ihrer Großeltern eine solche Kulisse betreten und mit den gleichen, von Vorfreude gefüllten, leuchtenden, Augen dem Spektakel in der Manege entgegengefiebert.

Vom 20. bis 29. Mai können Kinder und Erwachsene das Geburtstags­programm "Salto Vitale" des Circus Roncalli in Marburg bestaunen und sich von fesselnden Momenten in einem märchenhaften Ambiente in den Bann ziehen lassen. Für das Geburtstagsprogramm bringt Direktor Benhard Paul bisherige Showhöhepunkte und außergewöhnliche junge Talente zusammen und präsentiert ein "Best of". Über 19 Millionen Menschen haben sich schon von Roncalli verzaubern lassen, 40 Jahre gibt es den Circus inzwischen. Roncalli ist Kult in Europas Metropolen und wird nun erstmals auch in Marburg zu bestaunen sein.

"Wir sind alle sehr glücklich, in dieser wunderschönen, idyllischen Stadt gastieren zu dürfen. Die malerische Atmosphäre passt szenisch perfekt zu unserem Showkonzept", erklärt Pressesprecherin Meike Hesse. Da es um eine Studentenstadt handelt, könne man auch das Publikum erweitern und die junge Erwachsenen-Generation stärker ansprechen. "Beim Besuch im Circus handelt es sich um eine Live-Veranstaltung, deren Reiz darin besteht, dass die Akteure mit dem Publikum agieren. Unser Entertainment ist multimedial: man kann die Manege riechen, Konfetti spüren, Kunst bestaunen und Live-Musik hören. Wir bedienen eindeutig mehr Dimensionen als das 3D-Kino."

Pfeilschneller Quick Change mit dem Duo Minasov – Foto: Circus Roncalli

Langsam wird es still, die anfängliche Aufregung geht in eine ruhige Spannung über. Die Clowns, die soeben noch jeden einzelnen Besucher mit einem kleinen Trick empfangen haben, ziehen sich langsam zurück. Alle Kinder, die mit Konfetti bestreut wurden, sind wieder sauber, und die Popcorn-Verkäufer verteilen ihre letzten Tüten. Die Manege ist in Nebel gehüllt, die Wirklichkeit scheint verschwommen, und das rot gedimmte Licht gibt geheimnisvoll Hinweis darauf, dass es bald losgeht. Plötzlich ertönt ein musikalisches Feuerwerk und sowohl Sängerin als auch Artisten, Clowns und Musikanten eröffnen die Show mit den Worten "Auf und davon, zu einer Liasion".

Es folgt ein Programm, das so spannend wie auch vielseitig, beeindruckend wie auch amüsant ist und das vor allem durch seinen poetischen Charakter besticht. Direktor und Regisseur Bernhard Paul, gelernter Graphiker, möchte mit seiner Show "Bilder malen und so das Publikum einfangen". Daher hat er bewusst die Optik der Jahrhundertwende in der Gestaltung seiner Manege gewählt. Roncalli orientiert sich größtenteils am klassischen Trio von Artisten, Clowns und Tieren. Allerdings legt er seinen Fokus auf die Artisten- und Clown-Nummern, wilde Tiere sind schon seit über 25 Jahren nicht mehr im Showrepertoire vorhanden.

"Mein Circus war damals am Reißbrett entstanden. Ich wollte ihn so romantisch und so authentisch haben wie ein Circus in seiner Glanzzeit einmal war", erinnert sich Bernhard Paul rückblickend an die Anfänge seines nostalgischen Künstlerzuges auf Rädern. "Sägemähl musste in der Manege liegen und der Geist der Poesie die Seele streicheln." Es galt nicht unbedingt, die weltbesten Sensationen und neue Rekorde ins rote Rund zu holen. Vielmehr sollten Kleinkunst, Theater, Komik und klassische Circusartistik eine ganz neue, bisher ungekannte Symbiose eingehen. Diese Idee setzt der Österreicher nun seit über 40 Jahren um. Sein Mut, Neues auszuprobieren, Nostalgie mit Moderne zu verknüpfen, gilt als das Erfolgsrezept von Roncalli.

Rhönradkünstler Konstantin Mouraviev – Foto: Circus Roncalli

In der derzeitigen Tournee sind besonders die Künstler Gabor Vosteen und Andrey Ivakhnenko wahre Höhepunkte. Gabor Vosteen, der an der Hochschule für Kunst und Theater in Hannover ein Diplom im Hauptfach Blockflöte erworben hat, scheint sein Instrument gänzlich neu zu interpretieren. Der Blockflötist und Komiker ist eine feste Größe in Varietes, im Circus oder auf Kleinkunstfestivals. Bis zu fünf Flöten kann er gleichzeitig zum Klingen bringen. So kommen mehrere Körperteile zum Einsatz: die Nase, wie auch die Knie werden spontan umfunktioniert. Bei Andrey Ivakhnenko handelt es sich ebenfalls um einen Exoten, der im Roncalli, seine Phantasie frei entfalten kann. Der russische Künstler macht das Schlappseil zu seinem Eigen: Durchchoreographiert, perfekt gestylt und hochtalentiert zeigt er sensationelle Höchstleistungen. Neben seiner meisterhaften Mimik und seinen makellosen Bewegungen, sorgt sein rotes Stachelkostüm für Aufsehen.

Neben den beiden derzeitigen Stars der Show verleihen viele weitere Talente dem Programm sein vielfältiges Flair. So sind mit dem russischen Urgestein Sergej Maslennikov, dessen Jonglage mit einer halben Orchesterausrüstung ebenso legendär ist wie sein Stepptanz, und dem Clown-Team "Les Rossyann" bereits wichtige Positionen in Sachen Clownerie besetzt. Hinzu kommt mit Konstantin Mouraviev ein Rhönradkünstler, der die gute Laune gepachtet hat.

Neben den Komik-Elementen bietet das Programm auch Momente sinnlicher Magie, für die Akrobaten wie Ambra und Aves sorgen, die in graziler Leichtigkeit den Circushimmel zu ihrer Bühne machen. Ergänzt wird die Exotik der Auftritte durch die musikalische Begleitung einer Live Band und Sängerin Bluma . Mit ihrer Stimme und ihrem temperamentvollen Auftreten versprüht sie einen Hauch von Freiheit, Fernweh und unbändiger Lebenslust.

"Genau dieses Gefühl wollen wir unserem Publikum mitgeben. Nach dem Besuch unserer Show soll man sich fühlen wie nach einer Frischzellenkur: einfach gut. Nur gibt es diesen Effekt bei uns rezept- und drogenfrei", erklärt Meike Hesse lachend.

Kim-Sarah Marienfeld

Thema der Woche | 12. Mai 2016

Manege frei

Großes Programm der Gesellschaft der Circusfreunde

Die Liebe zur Welt der Manege verbindet die rund 2000 Mitglieder der Gesellschaft der Circusfreunde (GCD). Die Geschichte der Gesellschaft begann 1955 mit einem Zusammenschluss von sieben Circusbegeisterten in Berlin. Heute leben die Mitglieder nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Österreich, Skandinavien, den USA, Südafrika und Australien. Das Interesse des Vereins gilt der aktuellen Circus-Szene ebenso wie der Circus-Geschichte.

Allein in Deutschland reisen nach Angabe der GCD immer noch mehrere hundert Circusunternehmen. Das Spektrum reicht kleinen Familiencircus über den mittlerweile zum Klassiker avancierten einstigen Alternativ-Circus Roncalli bis zum größten Circus Europas, dem Circus Krone.

Das Gipfeltreffen der Manegenfans und ein jährlicher Höhepunkt im Terminkalender vieler Circusfreunde ist die GCD-Jahrestagung, die diesmal vom 27. bis 29. Mai in Marburg veranstaltet wird. Über hundert Circusfreunde kommen im Schnitt bei diesem Treffen zusammen. Gemeinsam plaudern und fachsimpeln, Gleichgesinnte kennen lernen und natürlich Circus- und Varietévorstellungen besuchen – all das gehört zum Programm der Jahrestagungen.

"Wir wollten ein Wochenende gestalten, an dem die Kultur des Circus' an mehr Popularität gewinnen soll", sagt der Vorsitzende der mittelhessischen Circusfreunde, Prof. Heinz Stoffregen: "Gerne möchten wir auch junge Menschen wieder daran erinnern, dass es sich bei akrobatischen Kunststücken und Schaustellerei um eine Kunst handelt, die nicht von den neuen Medien verdrängt werden sollte, sondern eine Tradition aufweist, an der es festzuhalten gilt."

Zu den Veranstaltungen ist jeder Interessierte herzlich eingeladen. Neben den Circusvorführungen zeigt das Marburger Filmkunsttheater etwa am 26. und 29.5. mehrere klassische Circusfilme aus der Stummfilmzeit. Außerdem wird das Thema der Schaustellerei auch aus einer kontroversen Perspektiven betrachtet: Ein Vortrag beschäftigt sich mit der Schule beruflicher Reisender in Hessen und dem "open distance learning", das auch eine Schulbildung von Kindern ohne festen Wohnsitz garantiert. Daraufhin folgt ein Besuch des Lernmobils, in dem Kinder von Schaustellern teilweise unterrichtet werden.

Infos: www.circusfreunde.org

Parallel zur Jahrestagung gastieren zwei Cirkusse in Marburg:

Mit seiner Show "Salto Vitale" gastiert der Circus Roncalli vom 20. bis 29. Mai in Marburg. Über 19 Millionen Menschen haben sich schon von ihm verzaubern lassen, 40 Jahre gibt es ihn inzwischen, – jetzt kommt Roncalli erstmals nach Marburg. Das von den Wienern Bernhard Paul und André Heller 1976 gegründete poetische Circustheater gastiert auf dem Messeplatz Afföllerstraße. Für das Geburtstagsprogramm "Salto Vitale" bringt Prof. Bernhard Paul bisherige Roncalli Show Höhepunkte und außergewöhnliche junge Talente zusammen und präsentiert ein "Best of" des erfolgreichsten Circus Europas: "Salto Vitale ist, wie alle unsere Inszenierungen, ein Gesamtkunstwerk, in dem Ambiente, Atmosphäre und Artisten perfekt zusammenwirken", sagt der Direktor und Regisseur.

Auf dem Gelände der Waggonhalle gastiert in Marburg außerdem vom 20. bis 29. Mai in einem kleinen Zirkuszelt der Convoy Exceptionell. Dort erwachen romantische Zirkusträumereien zum Leben, schon wenn man den Platz betritt. Sechs große, zwei kleine Menschen und zwei Hunde bilden das Ensemble, das mit vier LKWs durchs Land zieht, im Stil eines verwunschenen Wandertheaters aus einer anderen Dimension. In einem alten Möbelwagen gibt es Kaffee und Kekse, Eintrittskarten und tagsüber die Möglichkeit zum gemütlichen Verweilen, abends öffnen sich die magischen Zelte.

Die junge Compagnie geht dieses Jahr zum zweiten Mal mit ihrem Stück "Am Anfang war das Nichts" auf Tour, eine wilde, skurile und poetische Mischung aus Tanz, Theater, Circus und handgemachter Musik.

KiM/kro

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