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Thema der Woche | 1. September 2016

"DISPLACED – Fremd ist der Fremde nur in der Fremde"

Interview mit Katrin Hylla und Rolf Michenfelder von german stage service – Premiere 8. September 2016, 20.00 Uhr – Foto: german stage service

EXPRESS: Wie kam die Idee zu "DISPLACED – Fremd ist der Fremde nur in der Fremde" zustande?

Rolf Michenfelder: Dafür gibt es auf jeden Fall mehrere Gründe. Zum einen fragen wir uns als KünstlerInnen immer, ob wir auf das, was in unserer Gesellschaft oder der Welt geschieht, künstlerisch reagieren wollen oder nicht. Und wenn ja, wie.

Dann sind wir bei german stage service ein ziemlich neues Team, außer uns beiden gibt es noch Laurenz Raschke, Sarah Timm und Siggi Ulm, und ein gemeinsamer Findungsprozess setzt auch viele Gespräche voraus und in denen hat sich das Thema Flucht als eines herauskristallisiert, mit dem wir arbeiten wollen.

Katrin Hylla: Ich habe im letzten Jahr mit geflüchteten und nicht-geflüchteten Jugendlichen die Performance DEINE WELT erarbeitet. Dabei fiel uns auf, dass es den Jugendlichen aus Eritrea und Afghanistan, Syrien und Iran überhaupt nicht klar war, dass es schon in früheren Zeiten Flucht nach Deutschland gegeben hat. Und erst recht nicht, dass man auch schon aus Deutschland fliehen musste. Das hat dann zu der Idee geführt, eine Produktion zu erarbeiten, die sich mit Flucht, Migration und Vertreibung zu den verschiedenen Zeiten beschäftigt und in der die sogenannte Flüchtlingskrise" nicht nur als ein Phänomen der Gegenwart betrachtet wird.

Rolf Michenfelder: DISPLACED ist im übrigen nicht die einzige Produktion zum Thema. Unsere Koproduktion mit unitedOFFproductions aus Berlin beschäftigt sich mit den Grenzgängen zwischen Legalität und Illegalität, in die Menschen ohne Pass oder sagen wir ohne den richtigen" Pass gezwungen werden. Das Stück spielt in der leerstehenden Express-Reinigung in der Schulstraße. Premiere ist am 22. September. Sehr empfehlenswert übrigens.

EXPRESS: Was macht Marburg zu einem besonderen Ort hinsichtlich Fluchtbewegungen?

Katrin Hylla: Ich weiß jetzt nicht, ob man Marburg da als einen besonderen Ort bezeichnen kann. Für uns war es interessant, in Marburg und Umgebung Menschen zu finden, die durch Tunnel oder in Kofferräume gequetscht aus der DDR geflohen sind, die in Viehwaggons aus Mähren abtransportiert wurden, die auf LKWs durch die Sahara gefahren sind und auf Schlauchbooten durch das Mittelmeer oder die nach 1933 aus Deutschland emigrieren mussten und wieder zurück gekehrt sind.

Rolf Michenfelder: Und dann gab es eben dieses Foto, das wir im Bildarchiv gefunden haben und das die Baracken zeigt, die im Zweiten Weltkrieg als Heeresbekleidungsamt gedient haben und danach als Unterkünfte für geflüchtete Menschen. Die standen dort, wo heute der Mediamarkt ist. Und wenn man im Camp in Cappel ist und das Foto kennt, kommt man um die Parallelen nicht herum.

EXPRESS: Wie gestaltete sich die Vorarbeit des Projekts?

Rolf Michenfelder: Fragen stellen. An Geflüchtete, an Zeitzeugen, immer wieder auch an uns, an öffentliche Reden, an Willkommensrituale usw.

Katrin Hylla: Das ist so die Frage, wann die Vorarbeit eigentlich anfängt. Dann, wenn die ersten Gespräche geführt werden? Mit aus der Ex-DDR Geflüchteten? Oder bei der Begehung eines riesigen leerstehenden Supermarktes? Das ist alles Vorarbeit. Im Prinzip schon die Performance DEINE WELT, in der wir angefangen haben, uns mit dem Phänomen nationalistischer Regression, Rechtsruck und dem traurigen Trend des Mauern- und Zäunebauens zu beschäftigen.

Rolf Michenfelder: Wir haben geschaut, wer da wie über wen spricht, wir haben schlechte Musik gehört und uns schlechte Witze erzählt.

EXPRESS: Was erwartet die Zuschauer und Darsteller der Inszenierung?

Rolf Michenfelder: Die Zuschauer erwartet auf jeden Fall ein besonderes Erlebnis. Das Stück spielt ja nicht nur in unserem Theater, sondern an verschiedenen Orten.

Katrin Hylla: Es beginnt im Erlenringcenter und damit in gewisser Weise an einem historischen Ort. Hier war früher die sogenannte Bürgerwiese und in den Baracken, die dort standen, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Displaced Persons und jugendliche Flüchtlinge beherbergt und verpflegt.

Rolf Michenfelder: Und da mit Niyat Mebrahtom ein aus Eritrea geflüchteter Jugendlicher zu unserem Ensemble gehört, ist das der erste Ort, an dem sich Fluchtbewegungen verschiedener Zeiten überlagern. Anschließend fahren wir dann gemeinsam mit einem von uns gemieteten Bus zum Theater. Wir können jetzt natürlich nicht verraten warum, aber ich glaube, es wird eine interessante Fahrt.

Katrin Hylla: Naja, und im Theater werden die Zuschauer dann einen Ort vorfinden, der nichts mit vertrauten Vorstellungen davon, wie ein Theater aussieht, zu tun hat. Damit die Zuschauer aus den verschiedensten Blickwinkeln auf die unterschiedlichen Perspektiven des Stückes und des Themas schauen können, haben wir das Theater komplett umgebaut.

Rolf Michenfelder: Wir sind ja hoffentlich dafür bekannt, dass es uns nicht interessiert, das traurige Schicksal einer Flüchtlingsfamilie nachzuspielen.

Katrin Hylla: Es gibt keine klassischen Figuren und kein Drama, sondern nur Stimmen und Bilder.

EXPRESS: Welchen Beitrag will die Produktion zur Flüchtlingsdebatte leisten?

Katrin Hylla: Wir wollen erreichen, dass nach der Vorstellung unsere geflüchteten Freunde alle einen Ausbildungsplatz haben. Nee, Quatsch, das wäre natürlich super, aber ich frage mich, ob wir als KünstlerInnen überhaupt einen Beitrag leisten müssen, ob wir uns da nicht zu sehr in eine Funktion drängen lassen. Ich sehe diese Arbeit ja nicht als theaterpädagogisches Erfahrungsspektakel oder moralischen Theaterzeigefinger oder so was. Ich selbst finde als Zuschauerin immer gut, wenn Theater höchst seltsam ist und womöglich erst am nächsten Tag denke: Dieses Bild, das bleibt in meinem Kopf. Warum eigentlich?. Und dann gehe ich vielleicht nochmal hin.

Rolf Michenfelder: Wir haben die Pädagogik ausgelagert, indem wir mit ROTE LINIE e.V. zusammenarbeiten, die kostenlose Anti-Rassismus-Workshops in den Schulklassen anbieten, die zu unseren Schulaufführungen kommen.

Interview: Michael Arlt

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