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Thema der Woche | 6. Oktober 2016

Stress durch digitale Medien

Schlafmediziner messen Leistungsabfall bei Jugendlichen – Foto: UKGM

Vor dem Fenster des hell erleuchteten Zimmers im Schlafmedizinischen Zentrum am Uniklinikum herrscht Dunkelheit. Drinnen tobt der Krieg, allerdings zum Glück nur virtuell. Die Schlafmediziner haben das Patientenzimmer kurzer­hand zum Spieler­paradies umfunktioniert und vor den bläulich flackernden Bildschirmen sitzen nun jugendliche Probanden mit der "wissenschaftlichen" Lizenz zum ballern. Während an den PCs Feinde vernichtet und virtuelle Welten erobert werden, sind die 18 Spieler nicht nur mit Kopfhörern ausgestattet sondern komplett mit Elektroden aufwendig verkabelt. Was die Marburger Schlafforscher hier interessiert, sind die Auswirkungen des fünfstündigen abendlichen Computer­spiels auf den Stresspegel, die Leistungsfähigkeit und das anschließende Schlafverhalten der männlichen Testpersonen im Alter von 16 bis 18 Jahren.

"Entsprechend den Zahlen internationaler Studien leiden zwischen 20 und 30 Prozent unserer Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter Schlaf­störungen. Insbesondere bei Jugendlichen zeigt sich eine zunehmende Tendenz. Stress ist nicht mehr nur ein Phänomen der Erwachsenen. Seitdem die Medien zunehmend unseren Alltag bestimmen, Smartphones uns mit Nachrichten und Informationen permanent überfluten, ist der digitale Stress auch auf die Kinder- und Jugendgeneration übergesprungen", erklärt Prof. Ulrich Koehler, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums.Auch der Schlaf wirdzunehmend zum Problem. Der gesunde und physiologische Schlaf ist für viele Prozesse, die am Tage ablaufen, eine notwendige Voraussetzung.

"Zunehmender abendlicher Medienkonsum in Form von Fernsehen, Internet und PC-Spielen führt zu späteren Schlafzeiten und einer schlechteren Befind­lichkeit am Folgetag", beschreibt Koehler das eigentliche Problem. Frühe Weckzeiten aufgrund von Schule oder Ausbildung bewirken in Kombination mit späterem Einschlafen ein erhebliches Schlafdefizit. Dieses Schlafdefizit wird in der Jugend noch durch eine Verschiebung des Biorhythmus nach hinten, zugunsten von Wachsein in den Abendstunden und längerem morgendlichen Schlafbedarf, verstärkt.

Digitale Spiele verlangen ein hohes Maß an Konzentration. Die geistige und körperliche Anspannung vor dem Schlafen ist jedoch eindeutig kontraproduktiv: Statt den Körper langsam auf die nächtliche Ruhephase einzustimmen, wird ihm höchste Aufmerksamkeit und Konzentration abverlangt.

Um heraus zu finden, was im Körper genau vor sich geht, haben die Mediziner bei den jugendlichen Testpersonen verschiedene Messungen während des Computer­spielens und während des Schlafs durchgeführt. Gemessen und getestet wurden der Spiegel des Schlafhormons Melatonin und des Stress­hormons Cortisol sowie die Gedächtnisleistung jeweils nach abendlichem fünfstündigem Computerspiel undim Vergleich dazu – eine Woche später – nach gleichlangem Spielen eines Brettspiels.

Direkt nach dem Computerspiel bzw. beim Beginn der Ruhezeit um etwa 23:30 Uhr war der Melatoninspiegel niedriger als nach dem Brettspiel und damit das Einschlafen schwieriger. Dazu passend wurden nach dem Computerspiel unruhigerer Schlaf mit mehr Wachphasen, einer schlechteren Schlafeffizienz und mehr kurzen Aktivierungsreaktionen im Schlaf beobachtet. Die Stress­hormone waren während des Computerspiels um 21:00 Uhr deutlich erhöht und auch in der anschließenden Ruhephase, um etwa 02:00 Uhr,zeigten sich nach Computerspiel noch immer höhere Cortisolwerte.

Der Lerntest, bei dem die Jugendlichen Wortlisten auswendig lernen sollten, ergab sowohl direkt nach dem Computerspiel als auch am Morgen danach schlechtere Lernleistungen als nach dem Brettspiel.Prof. Koehler: "Die beobachteten statistisch bedeutsamen Unterschiede liegen nicht in einem Bereich, der im Einzelfall klinisch bedenklich wäre. Allerdings weisen die Ergebnisse auf einen nachweisbar negativen Effekt längerdauernden Computerspiels auf Schlaf und Gedächtnis hin. Die Tatsache, dass das Schlafhormon Melatonin auch zu später Stunde noch deutlich reduziert war, spricht dafür, dass das langfristige abendliche Fokussieren eines Computer­bildschirms allein durch die Lichteinwirkung einen negativen Einfluss auf die innere Uhr der Probanden ausgeübt hat."

Digitale Medien – vor allem die Smartphones – sind wegen ihres schlaf­feind­lichen Lichtes regelrechte Schlafkiller. "Wer vor dem Schlafengehen mitunter mehrere Stunden vor einem Bildschirm sitzt, trägt ein deutlich höheres Risiko, sehr lange zum Einschlafen zu brauchen" bestätigt auch Werner Cassel, der als Diplom-Psychologe und Somnologe Patienten mit Schlafstörungen am Schlafmedizinischen Zentrum

betreut undverhaltensmedizinisch berät. Grund dafür ist vor allem das blaue Licht, mit dem LEDs Tablets, Laptops oder Smartphones beleuchten. Beim natürlichen Licht nehmen die blauen Anteile am Abend ab. Für den Körper ist dies das Zeichen, Melatonin auszuschütten und zur Ruhe zu kommen.

Dass vor allem junge Menschen in ihrem Schlafverhalten besonders gefährdet sind, liegt daran, dass sich im Alter zwischen 14 und 25 Jahren der Schlaf­rhythmus nach hinten verschiebt, weil die Melatoninproduktion später einsetzt. Smartphones und Co. verstärken diesen Effekt.

"Kinder können oft nicht mehr abschalten und sind deshalb reizüberflutet", so Koehler, "es kann nicht sein, dass sie – übrigens nicht anders als die Erwachsenen – immer "online" sind. Mehr Abstinenz von digitalen Medien und eine Abkehr von der "permanenten Erreichbarkeit" seien also ausgesprochen notwendig und gesundheitlich wünschenswert, mahnt der Mediziner:" Gerade Kinder müssen sich ausgewogen ernähren, sollten sich viel bewegen und aus­reichend schlafen!"

pe/kro

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