Sonntag, 16. Mai 2021
Thema der Woche | 4. Februar 2016

Das "Pharmadorf" macht Marburg wohlhabend

Pharmastandort Marburg – Foto: Kronenberg

"Pharmadorf" sagen manche leicht ironisch, "hochmoderner Biotech-Standort" heißt es offizieller: Der Pharmastandort im Nordosten Marburgs zieht sich vom Hauptgebäude in der Marbach über rund drei Kilometer quer durch den Wald bis hinauf zum so genannten Mars-Campus. Ein eigener Werksbus pendelt alle 15 Minuten zwischen den 150 Gebäuden. 5300 Menschen arbeiten in Labors, Produktionshallen und Büros. Damit sind die Nachfolgeunternehmen der ehemaligen Behringwerke der größte industrielle Arbeitgeber Marburgs.

Der langjährige Oberbürgermeister Egon Vaupel weiß um die herausragende Bedeutung des Pharmastandorts: "Das ist eine der Säulen Marburgs", sagt er. Die gute finanzielle Ausgangsposition der Stadt sei zum großen Teil dieser Branche geschuldet. Zwei Drittel der Gewerbesteuern der Universitätsstadt stammen aus dem Hinkelbachtal und Görzhausen. "Ohne den Pharmastandort wäre Marburg ein reiner Zahlungsempfänger des Landes", so Vaupel.

Bereits vor mehr als 110 Jahren legte Medizinnobelpreisträger Emil von Behring den Grundstein für diese Entwicklung. Der Erfinder des Serums gegen die Diphtherie richtete mit dem Nobelpreisgeld die ersten Laboratorien auf dem Marburger Schlossberg ein. Schon 1913 zog die Firma in die ehemalige Ziegelei in Marburg-Marbach, wo bis heute das Hauptgebäude steht. Die Behringwerke gingen 1936 an die I.G. Farben. Nach 1951 wurden sie eine hundertprozentige Tochter von Hoechst.

Ein massiver Einschnitt folgte in den 90er Jahren, als die Behringwerke aufgegliedert und verkauft wurden. Die Impfstofftradition der ehemaligen Behringwerke führt nach Chiron und Novartis seit Anfang 2015 der Pharmariese GlaxoSmithKline fort. Damit geht ein empfindlicher Rückschlag einher. Um die Produktionskosten zu senken, wollen die neuen Eigentümer 270 der 1300 Stellen in Marburg abbauen. Es wird versucht, dies mit einem Freiwilligenprogramm ohne betriebsbedingte Kündigungen zu schaffen.

Noch 2014 wurde eine europaweit einzigartige Produktionsstätte für Impfstoffe eröffnet, der 240 Millionen Euro teure so genannte Mars-Campus, wobei Mars für "Marburger Standort" steht. Hier werden vor allem Vakzine gegen Tollwut, die Frühsommer-Hirnhautentzündung FSME und Wirkverstärker hergestellt. Zudem produzieren die insgesamt 1300 Mitarbeiter Impfstoffe gegen Tetanus, Meningitis, Diphtherie und Keuchhusten. Die Grippesparte wird inzwischen von CSL Limited gehalten.

Zum CSL-Konzern gehört heute auch das Plasma-Geschäft mit seinen Präparaten für Bluter, Verbrennungsopfer und die Wundheilung, das zwischenzeitlich von Centeon und Aventis betrieben wurde. Unter dem Namen CSL Behring arbeiten heute 2200 Mitarbeiter an den Blutprodukten, mit denen das Unternehmen etwa ein Viertel des globalen Marktes bedient. Das Blutplasma erfordert höchste Sicherheitsvorkehrungen. Kein Außenstehender darf die hermetisch abgeschlossenen Produktionsbereiche betreten.2009 wurde eine neue Abfüll- und Gefriertrocknungsanlage errichtet, mit der die Kapazität um 50 bis 60 Prozent erhöht wurde. 2010 folgte eine neue Produktionsanlage, in der das Medikament für Bluterkranke mit Hämophilie B gentechnisch hergestellt wird. 2014 eröffnete CSL Behring einen Gebäudekomplex mit Büros, Werkstätten und modernen Laboren. Insgesamt wurden 180 Millionen Euro investiert.

Ein weiterer großer Anbieter am Standort ist Pharmaserv, der sich um die Dienstleistungen kümmert. Zurzeit baut der Standortbetreiber das Logistik-Zentrum aus. Das Geschäft mit den Diagnostika wird unter dem Dach von Siemens Healthcare Diagnostics betrieben. Sie alle eint die Nachfrage nach qualifiziertem Personal, das in Marburg und Umgebung gut zu finden ist.Und auch wenn die Marburger Pharmaunternehmen heute fast alle zu Weltkonzernen gehören – für die Marburger heißt der Standort immer noch Behringwerke.

Gesa Coordes

Thema der Woche | 4. Feburar 2016

So heiß wie seit 2000 Jahren nicht

Gießener Klimaforscher Luterbacher veröffentlicht internationale Studie

Über die vergangenen Jahrzehnte haben sich die Sommer im größten Teil Europas immer stärker erwärmt, begleitet von extremen Hitzewellen wie in 2013, 2010 und 2015. Neueste Forschungen unter der Leitung des Gießener Geographen und Klimaforschers Prof. Jürg Luterbacher setzen die aktuelle Erwärmung in einen historischen Kontext, der eine Spanne von 2100 Jahre umfasst. Mit Hilfe von Baumring-Daten und historisch dokumentierten Hinweisen konnte eine neue Rekonstruktion der europäischen Sommer­temperaturen erstellt werden. Die Arbeit von 45 Wissenschaftlern aus 13 Ländern wurde jetzt im Forschungsmagazin "Environmental Research Letters" veröffentlich.

Zur Römerzeit bis ins dritte Jahrhundert hinein waren die Sommer warm, vom vierten bis siebten Jahrhundert herrschten etwas kühlere Wetterbedingungen. Nach einem eher warmen Mittelalter lagen die mittleren Sommer­temperaturen vom 14. bis 19. Jahrhundert wieder tiefer. Die anschließende ausgeprägte Erwärmung im frühen 20. Jahrhundert sowie in den letzten drei Jahrzehnten lässt sich aus den Baumring-Daten und den historischen Belegen ableiten, auf die die neue Rekonstruktion aufbaut.

Die Belege deuten drauf hin, dass die natürliche Veränderung der Sommer­temperaturen größer ist als bislang angenommen, so dass Klima­modelle das volle Ausmaß von zukünftig eintretenden Extremen, einschließlich Hitzewellen, unterschätzen könnten. Die Schwankungen des Klimas in der Vergangenheit hängen mit starken tropischen Vulkanausbrüchen und Veränderungen in der Sonnenenergie zusammen. Die nun neu gewonnene Erkenntnis, dass die Temperaturen der letzten 30 Jahre außerhalb des Umfangs dieser natürlichen Veränderungen liegen, unterstreicht die Schlussfolgerung des Inter­govern­mental Panel on Climate Change (IPCC), dass die gegenwärtige Erwärmung auf vom Menschen herbeigeführten Veränderungen basiert.

"Wir haben jetzt eine detaillierte Vorstellung davon, wie sich die europäischen Sommertemperaturen in über 2100 Jahren verändert haben und können diese Informationen nutzen, um Klimamodelle zu testen, die die Auswirkungen der globalen Erwärmung vorhersagen sollen", erklärt JLU-Professor Jürg Luter­bacher.

Die interdisziplinäre Studie wurde in Kooperation mit Forschern des Netzwerks Past Global Changes (PAGES) durchgeführt. PAGES ist ein Kernprojekt des International Geosphere-Biosphere Programms und Future Earth und wird von der U.S. and Swiss National Science Foundation und der U.S. National Oceanic and Atmospheric Administration gefördert.

kro/pe

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