Montag, 20. Mai 2019
Thema der Woche | 24. Mai 2018

"Symbol für das Lebensgefühl in Marburg"

Das größte und älteste Ramadanzelt Hessens feiert zehnjähriges Jubiläum
Foto: Gesa Coordes

Die Islamische Gemeinde in Marburg war die erste in Hessen, die ihre christ­lichen Mitbürger zum Fastenbrechen in ein Ramadanzelt einlud. Bis heute ist es das größte und älteste Fest dieser Art in Hessen. Zum zehnjährigen Jubiläum am vergangenen Wochenende kamen allein am Eröffnungsabend mehr als 2000 Menschen aus der ganzen Stadt, um mit ihren muslimischen Nachbarn ins Ge­spräch zu kommen und nach Sonnenuntergang das Fasten zu brechen.

Said Barkan vom Zentralrat der Muslime in Deutschland wünschte sich, dass es ein solches Fest auch in Frankfurt gäbe: "So wie Sie hier Zusammenhalt und Solidarität leben, das ist etwas Besonderes", sagte er. "Das ist uns eine Ehre", formulierte Projektleiter Hamdi Elfarra. Ganz bewusst sei das Ramadanzelt in diesem Jahr auf den "Tag der Nachbarn" gelegt worden, der bundesweit zum ersten Mal am 25. Mai gefeiert wurde: "Wir freuen uns, mit unseren Kollegen und Nachbarn das Fasten zu brechen", sagte er. Erstmals wurde er mit einem Ramadanmarkt gefeiert.

So unkompliziert war das nicht von Anfang an. Eingeführt wurde das Rama­dan­zelt 2009, nachdem erste Pläne für den Neubau einer Moschee in Marburg an einer von der CDU in Marburg angezettelten Diskussion scheiterten. Die Muslime müssten beweisen, dass sie Demokraten seien, hieß es damals. Um die Diskussion zu entschärfen, richtete der frühere Oberbürgermeister Egon Vaupel einen "Runden Tisch der Integration" ein. Ein "Friedensweg der Religionen" wurde eingerichtet. Und der Vorsitzende der Islamischen Gemeinde, Bilal El-Zayat, entwickelte die Idee vom Ramadanzelt.

Heute sagt Oberbürgermeister Thomas Spies: "Das Ramadanzelt ist ein Symbol für das Lebensgefühl in dieser Stadt." An diesem Ort werde der respektvolle Umgang mit dem Glauben, der Kultur und den Eigenheiten der anderen prak­ti­ziert und demonstriert.

Dazu gehört auch ein hervorragendes Verhältnis zur Jüdischen Gemeinde. El-Zayat besucht die hohen Feste der Juden, Amnon Orbach als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde ist regelmäßig Gast in der inzwischen gebauten Moschee – beim Ramadanzelt ohnehin. "Wir machen keine Show", erklärt El-Zayat, der als Oberarzt im Uni-Klinikum arbeitet: "Wir zoffen uns auch manchmal." Aber sie seien "empfindsamer" füreinander geworden. Und sie hätten im Laufe der Jahre gelernt, dass sie den palästinensischen Konflikt in Marburg nicht lösen könnten. Erst in der vergangenen Woche demonstrierten sie gemeinsam unter dem Titel "Gesicht zeigen – mit Kippa und Kopftuch" für religiöse Vielfalt. Anlass war der Angriff auf einen Kippaträger in Berlin.

Der Weg der Integration gilt auch innerhalb der Islamischen Gemeinde, in der Schiiten und Sunniten sowie Muslime aus mehr als 50 Nationen beten, unter ihnen viele Studierende und Mediziner. Als die neue Moschee schließlich doch gebaut wurde, erklärte El-Zayat seinen Glaubensbrüdern, dass hier eine "deutsche Moschee" entstehe – ohne Minarett, ohne Kuppel und ohne Muezzinruf. "Es soll ein offener Ort sein, an dem sich die Marburger wohl­fühlen", sagt El-Zayat. Gepredigt wird selbstverständlich auf Deutsch.

Während des Ramadanzeltes zeichnete Oberbürgermeister Thomas Spies den Richtsberger Verein "Lebenswerter Stadtteil" mit dem erstmals vergebenen "Christian-Meineke-Preis für kulturelle Interaktion" aus. Die Idee für die Preis­verleihung stammt ebenfalls von der Islamischen Gemeinde, die damit den 2016 verstorbenen Integrationsbeauftragten der Universitätsstadt ehren wollte. Der mit 1500 Euro dotierte Preis würdigt Menschen, die sich in besonderer Weise für das soziale und friedliche Zusammenleben der Menschen einsetzen.

Gesa Coordes

Tipp des Tages

Max Goldt

Foto: Axel
Martens
"Dass Max Goldts Werk sehr komisch ist, weiß ja nun jeder gute Mensch zwischen Passau und Flensburg. Dass es aber, liest man genau, zum am feinsten Gearbeiteten gehört, was unsere Literatur zu bieten hat, dass es wahre Wunder an Eleganz und Poesie enthält und dass sich hinter seinen trügerischen Gedanken­fluchten die genaueste Komposition und eine blendend helle moralische Intelligenz verbergen, entgeht noch immer vielen, die nur aufs Lachen und auf Pointen aus sind. Max Goldt gehört gelesen, gerühmt und ausgezeichnet." (Daniel Kehlmann). Ersteres tut der Meister persönlich am
Mo 20.5. | 20 Uhr | Marburg | Waggonhalle
 
Tipp der Woche

Axel Hacke

Foto: Thomas
Dashuber
Hacke liest – aber was liest er denn? Man weiß es nicht. Jede Hacke-Lesung ist ein bisschen anders als alle anderen: eine kleine Wundertüte. Klar ist, dass er aus seinem neuesten und sehr aktuellen Buch liest. Aber dann? Einige seiner legendären Kolumnen aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung? Ein, zwei Kapitel über Oberst von Huhn und seine irr-poetische Speisekarten-Sammlung aus der ganzen Welt? Oder eine kleine Hitparade der schönsten Missverständnisse aus der Wumbaba-Trilogie? Sicher ist am Ende nur jener Rat, den der Nord­deut­sche Rundfunk dem Publikum gibt: "Wenn er eine öffentliche Lesung macht, pflegen sich seine Zuhörer mit Taschentüchern auszustatten, weil sie wissen, dass die Lachtränen laufen werden."
Do 23.5. | 20 Uhr | Marburg | KFZ
 
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