Montag, 10. Mai 2021
Thema der Woche | 28. März 2019

Auf Zuruf Mord

"Blutbad am Grabbeltisch" vom fast forward theatre – Foto: Marvin Ruppert

Ein heftiger Kampf ist zwischen dem Nachtwächter Schorsch und dem Kauf­haus­besitzer Berends entbrannt. Schorsch schlägt munter drauflos, während Berends, in einen asiatisch anmutenden Bademantel gehüllt, Karatekicks ausführt. Der Clou an dieser Szene aus einem Stück des fast forward theatres: Beide Figuren werden vom selben Schauspieler Tom Gerritz dargestellt. In einem Affenzahn rennt er über die Bühne und wechselt schlagartig von der einen Rolle in die andere. Zeit, die Requisiten anzulegen, ist nicht mehr, weshalb er die Sicherheitsweste des Nachtwächters und den Bademantel lediglich vor sich hält, während er wieder einmal einen Schlag oder Tritt ausführt. Das Publikum im Alten Behring Gutshof bebt vor Lachen. Am Ende liegen Berends und Schorsch erschöpft auf dem Boden."Einigen wir uns auf unentschieden!", ruft Schorsch aus. Es gibt den ersten Szenenapplaus dieses Abends.

"Blutbad am Grabbeltisch" heißt das Stück, aus dem diese Szene stammt. Das Besondere: Die Handlung stand zu Beginn des Stückes noch nicht fest, sondern entwickelt sich spontan, nachdem am Anfang Zuschauer Vorschläge zum Hand­lung­sort geben konnten. "Kaufhaus!", "Sauna!", "U-Bahn-Station!", hört man neben vielen anderen. "Wir beraten uns jetzt kurz", sagt Martin Esters, der zugleich künstlerischer Leiter des fast forward theatres und Schauspieler ist, "es dauert höchstens 30-60 Minuten!". Die Zuschauer sind unsicher, ob das ernst gemeint ist. Mitnichten! Nach wenigen Sekunden beginnt das Spiel: Die Rei­ni­gungs­kraft Sabrina, gespielt von Sabine Holzlöhner, betritt die Bühne und be­ginnt das Kaufhaus Berends zu putzen, bevor sie auf den Nachtwächter Schorsch trifft. Martin Esters gibt immer wieder Stichworte wie: "Denn Schorsch ist zugleich auch für den angeschlossenen U-Bahn-Hof zuständig", auf die die Schauspieler reagieren müssen.

Improvisationstheater nennt man diese Form des Theaters, bei der die Schau­spieler die Handlung spontan entwickeln und meist das Publikum in der ein oder anderen Weise mit einbeziehen. Um Missverständnissen vorzubeugen, erklärt Esters zu Beginn auch dem Publikum: "Sie müssen hier überhaupt nichts machen, Sie können einfach zugucken." Wer aber will, kann auf Fragen durch Zurufe reagieren. So fragt Esters, welche Eigenschaften der im zweiten Teil auftretende Kommissar denn so haben solle. "Empathisch!", "kurzsichtig!", "eine gute Nase soll er haben!", sind nur einige der Zurufe. So tritt denn auch dervon Esters gespielte Kommissar mit einer übergroßen Brille auf die Bühne und stellt zugleich fest: "Es riecht nach Mord!" Improvisiert ist auch die Musik: Für die richtige Stimmung sorgt Stefan Nitschke, indem er an einer E-Gitarre je nach Szene die entsprechende Musik spielt oder für Soundeffekte sorgt.

Dass diese Stück aus der Reihe "Mordlust" zugleich Krimi und Komödie ist, kann man nicht nur an der ersten Szene sehen. Vielfach bricht das Publikum in Lachen aus: Etwa wenn der Kommissar Horst "Geraldo" Heiko mit der schon erwähnten übergroßen Brille, einer Fliegermütze, einer überdimensionierten Lederjacke und einem Gehstock auftritt, den auch Dr. House tragen könnte, die Reinigungskraft Sabrina sieht und feststellt: "Ich kombiniere ... Sie sind die Putzfrau!", und Sabrina trocken entgegnet: "Toll kombiniert." Die sich bei dieser spontanen Art zu spielen einschleichenden kleinen Fehler werden dabei ist "überspielt" und bisweilen auch für weitere Gags genutzt. So fragt Kommissar Horst die Reinigungskraft Sabrina: "Wer war zur Zeit des Mordes alles da?" Sabrina: "Der Chef, die Erika, der Schorsch und der Chef." Kommissar Horst: "Also vier Leute? Der Chef, die Erika, der Schorsch und der Chef?"

Doch die Zuschauer können nicht nur den Ort der Handlung bestimmen, sondern auch das Mordopfer per Abstimmung auswählen. Die Wahl fällt auf Berends, der sein Kaufhaus in die USA versetzen will und daher Sabrina und die gerade erst eingestellte Erika, Nichte von Nachtwächter Schorsch und ebenfalls gespielt von Sabine Holzlöhner, herzlos entlässt. Über den Mörder kann man selbstverständlich nicht abstimmen – wäre ja auch langweilig –, dafür aber tippen: Als Gewinn winken Freikarten für eine Aufführung des fast forward theatres.

Nach seinen Ermittlungen fasst Kommissar Horst schließlich den Mörder: Es ist die achtzehnjährige Erika, die enttäuscht darüber ist, dass ihre Pläne, das Kauf­haus in leitender Funktion umzugestalten, ins Wasser fielen.

Bei aller Komik und Dramatik ist auch Platz für Gefühle. Zwischen Rei­ni­gungs­kraft Sabrina und Nachtwächter Schorsch hatte sich bereits eine Romanze angebahnt, weshalb Schorsch sich auch für Sabrinas Entlassung an Berends rächen wollte. Die Beziehung wird nun aber nicht mehr von drohenden fi­nan­ziellen Sorgen belastet. Denn: "Das Kaufhaus bleibt hier ... und der Berends auch!"

David Schindler

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