Freitag, 14. Mai 2021
Thema der Woche | 25. April 2019

Die Kraft, weiterzumachen

Preisverleihung das "Das unerschrockene Wort" an Seyran Ateş
Foto: Julius Matuschik

Seyran Ateş setzt sich als Feministin, Anwälten und Muslima für Frauenrechte und einen liberalen Islam ein – und erhält für ihr Engagement Morddrohungen, steht deshalb rund um die Uhr unter Polizeischutz. Dabei treibe sie das an, wofür auch Martin Luther stand, sagt die 56-Jährige. "Nämlich dass ich daran glaube, dass es gut ist, wenn man für seine Überzeugung einsteht. Dass in Sachen Religion für mich genau dasselbe gilt, was für ihn auch gegolten hat, – nämlich dass jeder verstehen sollte, woran man glaubt."

Ateş, die am Samstag in Marburg mit dem renommierten Preis des Bunds der 16 Lutherstädte "Das unerschrockene Wort" ausgezeichnet wird, fordert die Gleich­berechtigung der Geschlechter in ihrer Religion. Dass Männer und Frauen zusammen beten – und dass jede Frau selbst entscheidet, ob sie mit oder ohne Kopftuch betet.

Eine historisch-kritische Lesart und eine zeitgemäße Interpretation und Aus­legung des Koran sei dabei sehr wichtig, sagt Ateş: "Der Mensch, der an Gott glaubt und eine heilige Schrift liest, sollte verstehen, was er liest und woran er glaubt. Das ist die Grundaussage. Und dass ich dafür Morddrohungen be­kom­me, ist ja eher beschämend, für diejenigen die so etwas machen. Und deshalb komme ich damit auch recht gut klar."

So sei sie zwar in ihrer Freiheit eingeschränkt, gehe nicht alleine aus dem Haus. Aber dieser Preis sei nicht zu hoch. "Ich bekomme so viel positives Feed­back, dass es mir Kraft gibt, dieses "unerschrockene Wort", – ich finde den Titel so toll für den Preis –, weiter zu praktizieren. Ich lasse mir nicht den Mund ver­bieten." 1984 war die Anwältin in Berlin bei einem Beratungsgespräch von einem türkischen Mann mit mutmaßlich rechtsextremem Hintergrund an­ge­schossen und lebensgefährlich verletzt worden. Ihre Klientin starb dabei.

Als scharfe Kritikerin konservativer Islamverbände hat die Frauenrechtlerin die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gegründet. Die 2017 in Berlin eröffnete Moschee steht für einen säkularen Islam durch Trennung von weltlicher und religiöser Macht sowie einer zeitgemäßen und geschlechtergerechten Interpretation des Koran. Die Moschee steht allen Konfessionen offen, Männer und Frauen beten gemeinsam, Homosexuelle werden getraut.

Seit Gründung der Moschee erhält Seyran Ateş erneut Morddrohungen. Es gebe aber auch unglaublich viele positive Reaktionen auf die Moschee-Gründung, be­richtet Ateş. Die Moschee sei jeden Freitag ein Erlebnisort für viele Menschen, für Muslime, für Christen, für Juden, für Atheisten, für Agnostiker, für Bud­dh­isten. Junge Menschen, Geflüchtete und nicht Geflüchtete aus der islamischen Welt bedankten sich, dass sie diesen Ort eröffnet hätten.

"Menschen schreiben mir 'Seyran, bitte gib' nicht auf, was du machst ist so wichtig für die islamische Welt'", sagt Ateş: "Millionen Menschen stehen hinter uns. Das gibt mir die Kraft, weiterzumachen."

Der Islam brauche eine "Renaissance", sagt Ateş, weil viele Menschen schon an der Reformation gearbeitet hätten. Der arabische Philosoph Ibn Rushd, der im 12. Jahrhundert lebte, sei so ein Reformator gewesen, der die islamische Welt fortentwickelt habe. "Wir müssen uns nur erinnern an dieses goldene Zeitalter der klugen Menschen, die für die Welt und nicht nur für den Islam etwas getan haben", unterstreicht sie.

Wie lange wird eine Erneuerung des Islam aus ihrer Sicht dauern? Durch die sozialen Medien, sei ist der Austausch unter liberalen Muslimen sehr viel schneller möglich, so Ateş. Und wenn genug Geld da wäre, das Projekt an­zu­gehen, an dem sie gerade arbeite, sei der nächste Schritt getan: Sie will eine Universität für einen zeitgemäßen Islam gründen. Ateş: "Wir würden eine Be­schleunigung um Jahrzehnte erreichen, auch der islamischen Wissenschaften. Und dann denke ich, dass es vielleicht noch zwei, drei Generationen, dauert, bis sich die islamische Welt der westlich-zivilisierten Welt angenähert hat."

Georg Kronenberg

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