Montag, 10. Mai 2021
Thema der Woche | 12. September 2019

Licht aus!

Der Verlust der Nacht – Foto: Georg Kronenberg

Warum wird es nachts immer heller? Und welche Auswirkungen hat die so­ge­nannte Lichtverschmutzung auf Mensch und Natur? Sibylle Schroer geht diesen Fragen am Leibniz-Institut für Gewässerökologie in Berlin (IGB) nach. Die ehe­malige Marburgerin forscht dort mit der Arbeitsgruppe Lichtverschmutzung und Ökophysiologie zum Phänomen "Verlust der Nacht".

Express: Was ist eigentlich Lichtverschmutzung?

Sibylle Schroer: Lichtverschmutzung hört sich erst einmal komisch an. Licht ist für uns ein positiv belegter Begriff. Wir nutzen Licht, um zu sehen, wir brauchen es unbedingt, was ist da eigentlich verschmutzt? Wir sprechen von Licht­ver­schmut­zung, wenn das natürliche, schwache Licht der Nacht durch künstliches Licht verunreinigt wird und verstehen darunter die ganzen negativen Aus­wirk­ungen, die künstliches Licht neben seiner eigentlichen Anwendung hat. Wenn künstliches Licht über die Maßen genutzt wird und nicht dem Anforderungs­profil entspricht, sondern über diesen Raum und die Dauer hinaus eine Strahlung in einen Bereich bringt, in dem es nichts zu suchen hat.

Express: Seit wann ist der Begriff in der Diskussion?

Sibylle Schroer: Der Begriff ist in den achtziger Jahren vereinzelt aufgetaucht, seit den Neunzigern hört man ihn öfter. Aber richtig bekannt geworden ist er erst in den letzten zehn Jahren. Schon davor waren es die großen Sternwarten der europäischen Städte, die auf das Problem hingewiesen haben. Die Be­ob­acht­ung der Sterne wurde durch Lichteinwirkung beinträchtigt, und die Astro­nomen mussten in der Folge an andere Orte mit einem dunklen Nachthimmel ausweichen, etwa nach La Palma auf die Kanaren. Das künstliche Licht stört die Optik. Wenn darüber hinaus die Luft verschmutzt ist, beeinträchtigt das zu­sätz­lich die Sicht.

Express: Wie und wodurch entsteht Lichtverschmutzung?

Sibylle Schroer: Licht ist allgegenwärtig. Es sollte in einer Intensität auf­ge­wendet werden, die viel geringer ist als das, was wir heute machen. Unser Sehsinn kann sich sehr gut an gleichmäßig dunkle Bedingungen anpassen. Wenn aber ein Leuchtpunkt heller ist als beispielsweise der Gehweg vor einem, kommt es zu einer Blendung. Dann sieht man automatisch dorthin, das Auge adaptiert sich an diesen hellen Punkt und kann sich dann schlechter an die dunklen Bedingungen anpassen. Das kann zu einer Art Wettrüsten führen, dann heißt es, man muss die Straße eben noch heller beleuchten, damit man etwas sehen kann. Wenn man Leuchtkonzepte entwirft, sollte das deshalb ganz­heit­lich geschehen und es sollte zusätzlich über die negativen Auswirkungen durch Lichtverschmutzung aufgeklärt werden, denn auch die private Beleuchtung sollte nicht die öffentliche überstahlen.

Express: Welches sind die größten Lichtverschmutzer?

Sibylle Schroer: Wir haben 2012 in Berlin eine Studie gemacht und anhand von Fotos gemessen, wo die stärksten Emissionen eigentlich herkommen. Es waren schon die Infrastrukturen. Allerdings konnten wir nicht auseinanderhalten, wieviel von der Werbung hineinscheint, wieviel aus dem privaten und wieviel aus öffentliche Bereich. Die nächtlichen Aktivitäten um Flughäfen, Häfen und Straßen kann man aus dem Weltall sehr gut erkennen, etwa von der Inter­nationalen Raumstation aus. Was man da sieht, ist ein Zeichen von Energie­ver­schwendung. Wir müssen nicht so viel beleuchten, dass man das bis zur ISS sehen kann. Wir können auch Straßen und Plätze in einer viel geringeren Intensität beleuchten, und uns dennoch wohl und sicher fühlen. Das Ver­ständ­nis, was eigentlich hell ist und wie hell es auf unseren Straßen zu welcher Uhr­zeit sein muss, ist nicht da.

Express: Welche Rolle spielen energiesparende Beleuchtungsmittel?

Sibylle Schroer: Man hat schon vor Einführung der LED herausgefunden, dass, je effizienter Beleuchtungsmittel werden, desto mehr der Verbrauch steigt. Mit Einführung der LED hat dieser sogenannte Rebound-Effekt noch an Fahrt ge­wonnen. Dadurch, dass die Ressource Strom günstig ist, wird mehr auf­ge­wendet.

Die Glühbirne liefert ein schönes, ganzheitliches Farbspektrum, in Energie­spar­leuchten sind, vereinfacht gesagt, einzelne Spektren vertreten, aber nicht mehr alle. Farben werden hier zusammengesetzt und ergeben einen Weiß- oder Orangeton. Man erkennt, dass die Farben nicht so gleichmäßig erscheinen wie bei der Glühbirne, die dem Sonnenlicht am Ähnlichsten ist. Das Problem mit der Glühbirne ist allerdings, dass sie im Infrarotbereich eine sehr hohe Abstrahlung hat und deswegen so ineffizient ist.

Express: Konsequenzen für die Gesundheit?

Sibylle Schroer: Es gibt mittlerweile LED, die ein sehr breites Spektrum, ähnlich der Glühbirne, anbieten. Die Technologie wird immer besser. Für uns un­an­ge­nehm sind LED mit einem hohen Blaulichtanteil, die etwa auch in Computer­moni­toren Verwendung finden. Die sind zwar sehr effizient, haben aber Nach­teile für unser Wohlbefinden. Ein hoher Blaulichtanteil im Licht ist ein Reiz, der am Morgen wichtig ist, damit wir aktiv werden. Am Abend sind wir nicht darauf eingestellt, dass dieses blaue Licht in unser Auge trifft. Es regt uns trotzdem an. Durch falsches Licht zur falschen Zeit kann sich der chronobiologische Rhythmus verschieben. Das ist so, als wenn wir abends einen Kaffee trinken: Man merkt es nicht, aber es macht wach. In der Folge wird die Hormonsynthese des Melatonins, die wichtig ist für die nächtlichen Abläufe beispielsweise des Immunsystems, nachweislich unterdrückt.

Das Blaulicht kann bei Monitoren herausgefiltert werden, und so ist es auch mit der Technologie für unsere Straßenbeleuchtung. Es gibt mittlerweile bern­stein­farbene LED mit einem geringen Anteil an abstrahlendem Blaulicht. Das geht natürlich wiederum zu Lasten der Effizienz. Und da unsere gesamten elek­tri­schen Geräte samt der Beleuchtung nur noch über ihre Effizienz bewertet werden, steht dieses Argument den gesundheitlichen und ökologischen Aspekten einer guten Beleuchtung entgegen.

Express: Wie wirkt sich nächtliche Kunstbeleuchtung auf die Natur aus?

Sibylle Schroer: Da haben wir die gravierendsten Folgen. Die Beleuchtung strahlt in jegliche Richtung ab und akkumuliert, vor allem über die Wolken, in sogenannten Lichtglocken. Das bedeutet, die Emissionen von den Städten reichen weit in den ländlichen Bereich hinein. Eine Leuchte strahlt weiter ab, als wir das jemals nutzen. Die ökologische Nische der Nacht wird verändert. Je angepasster nachtaktive Tiere wie Insekten, Reptilien oder Fledermäuse und andere Säugetiere auf die optischen Bedingungen der Nachtnische sind, umso mehr werden sie durch die Beleuchtung gestört und können im schlimmsten Falle die beleuchteten Landstriche gar nicht mehr nutzen – mit allen öko­lo­gischen Konsequenzen.

Express: Was kann man gegen Lichtverschmutzung tun?

Sibylle Schroer: Es ist immer schwieriger, es dunkler zu machen als heller. Wenn es dunkler ist, muss man sich erst einmal daran gewöhnen. Das ist wie der Schritt aus einem Lichtkegel heraus in die Dunkelheit hinein, und das ist zunächst einmal unangenehm. Das Verständnis, was eigentlich hell ist und wie hell es auf unseren Straßen zu welcher Uhrzeit sein muss, ist noch wenig verbreitet. Wir sollten darüber nachdenken, wann wir Licht brauchen und wieso. Vor der Installation von neuen Beleuchtungen sollte man auf alle Fälle ein Anforderungsprofil erstellen. Eine schicke Außenbeleuchtung kann kein Grund sein, die Ressource Licht zu verschwenden. Wenn der Nutzen klar ist, dann muss man wissen, wie hell es zu welcher Zeit tatsächlich sein soll. Die Neuinstallation sollte auf keinen Fall heller sein als die Umgebungsbeleuchtung. Das Licht sollte dort installiert werden, wo es tatsächlich benötigt wird. Das Leuchtmittel sollte vom Fußgänger aus nicht zu sehen sein, das bedeutet der Lampenschirm sollte so weit wie möglich über das Leuchtmittel reichen. Das Licht sollte genau dorthin ausgerichtet sein, wo wir es benötigen. Und zwar möglichst von oben nach unten gerichtet, in der maximalen Intensität und zeitlichen Anwendung, die für unsere Bedürfnisse notwendig ist. Das heißt, wenn ich kein Licht mehr brauche, kann ich es auch aussschalten.

Interview: Michael Arlt

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