Freitag, 14. Mai 2021
Thema der Woche | 7. November 2019

Lang ersehnt trotz Radlerfallen

Neue Radwege in der Marburger Nordstadt – Foto: Gesa Coordes

Die rote Farbe auf den neuen Radwegen in der Marburger Nordstadt war kaum trocken, da fuhren schon die ersten Radlerinnen und Radler auf den Schutz­streifen. "Dass der Radverkehr da jetzt durchkommt, ist schon ein großer Schritt – auch wenn es sehr, sehr lange gedauert hat", sagt der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs in Marburg, Wolfgang Schuch. "Prinzipiell sehr gut trotz einiger Schwachstellen", urteilt auch Johannes M. Becker von der Bürgerinitiative Verkehrswende. Seit wenigen Wochen leiten Radstreifen durch die westliche Bahnhofsstraße und die Elisabethstraße. Und vor allem: Radler können auch gegen die Einbahnstraße fahren, was in Richtung Wehrda eine große Abkürzung darstellt. Zugleich gibt es auf beiden Strecken nur noch eine Fahrspur für Autofahrer.

Nennenswerte Rückstaus bildeten sich bislang trotzdem nicht, berichten sowohl die Stadtverwaltung als auch der Vorsitzende des Werbekreises Nord­stadt, Christian Großmann. Höchstens punktuell gebe es Verzögerungen – etwa durch die Müllabfuhr oder Paketdienste. Insgesamt hält Großmann die Ver­kehrs­führung für gelungen. Auch die "Beschleunigungsrennen" der Pkw auf der zuvor zweispurigen Bahnhofsstraße gehörten damit der Vergangenheit an: "Der fließende Verkehr ist ruhiger geworden", freut sich der Unternehmer, der sich davon mehr Aufenthaltsqualität und mehr Kunden verspricht.

Stolperfallen für Radler gibt es gleichwohl: Die neuen Radstreifen in der Elisabethstraße werden nämlich um die Ladezonen herumgeführt, die erhalten geblieben sind. Und vor allem vor dem Drogeriemarkt ist dies mitunter hoch­gefährlich: Dort parken regelmäßig Auto- und Lkw-Fahrer über die Ladezone hinaus, also mitten in den Radweg hinein. In der Praxis bedeutet das für die Radler, dass sie frontal in den entgegenkommenden Verkehr der Einbahnstraße fahren müssen – und die Autofahrer können kaum noch ausweichen, weil die Straße ja nur noch eine Fahrspur hat.

Die Stadtverwaltung habe versprochen, dass der Bereich in Zukunft besonders intensiv auf Falschparker kontrolliert wird, berichtet Schuch: "Das wird aber nicht verhindern, dass die Leute dort stehen." Das Problem seien dabei weniger die Lkw-Fahrer, die dort ihre Waren ausladen, sondern die Pkw-Fahrer, die dort parken, um schnell einkaufen zu gehen. Allerdings schaffe es niemand, in den erlaubten drei Minuten einzukaufen. Und dann werde es auf der Ladezone so eng, dass Liefer- und andere Fahrzeuge auf dem Radweg stehen. Schuch schlägt eine Abgrenzung mit Pollern oder Radständern vor. Asta-Verkehrs­referent Lukas Ramsaier spricht sich für eine rote Markierung aus: "Für Un­wissende ist doch nicht klar, wie dieser Doppelweg gemeint ist", sagt er.

Poller seien eine Option, sagt Oberbürgermeister Thomas Spies dazu. Zunächst solle die Situation aber durch bessere Markierungen zwischen der eigentlichen Ladezone und dem Bereich für Radfahrer verbessert werden. Insgesamt ist Spies mit der neuen Verkehrsregelung sehr zufrieden: "So motivieren wir mehr Men­schen, auf das Rad umzusteigen."

Die zweite Stolperfalle mutet zumindest für Uneingeweihte "wie ein totaler Schildbürgerstreich" an, so Schuch. Wenn Radler auf der Bahnhofsstraße gegen die Einbahnstraße fahren, werden sie an der Kreuzung zur Robert-Koch-Straße unvermittelt ausgebremst. Der Radweg endet an einer Bordsteinkante, die Radler zum Absteigen zwingen soll. Sie sollen das Rad an dieser Stelle über den Fußweg schieben, um dann gemeinsam mit den Fußgängern über die Kreuzung zu gehen. Allerdings ist der abgesenkte Bordstein an der Ampel, die über die Robert-Koch-Straße führt, so schmal, dass die Radler kaum eine Chance haben, sich dort gemeinsam mit den Fußgängern aufzustellen. Mit einem Fahrrad­an­hänger oder einem Lastenrad kann man an dieser Stelle ohnehin nicht auf den Bordstein fahren, so Johannes Becker von BI Verkehrswende. Deshalb fahren viele Radler ohne Radweg an der Stolperfalle vorbei.

Mit dieser Regelung sei die Verwaltung auf der sicheren Seite, obgleich "alle wissen, dass es so nicht funktioniert", moniert Schuch. Zu lösen sei das Problem mit einer kurzen, ergänzenden Ampelphase. Die Stadt entschied sich nach langen Diskussionen im Radverkehrsbeirat dagegen – vor allem, weil sonst Staus befürchtet wurden: "Wenn eine Lösung von der breiten Bevölkerung akzeptiert werden soll, muss sie allen ein vertretbarer Kompromiss sein. Wir haben hier eine deutliche Verbesserung für den Radverkehr erreicht und provozieren keine Antihaltung", so Spies. Asta-Verkehrsreferent Lukas Ramsaier mag in dieser Lösung trotzdem nur ein Provisorium sehen: "Das verstümmelt den Radweg", sagt er.

Das Asta-Verkehrsreferat ist dennoch "glücklich" darüber, dass es nun endlich Radwege für die etwa 6000 Studierenden gebe, die jeden Tag zur neuen Uni­versitätsbibliothek oder zum Campus Firmanei wollen. Dabei dürfe es aber nicht stehen bleiben. Unfertig seien die Radwege am Pilgrimstein und an der Kreuzung vor der Elisabethkirche. Wer vom Pilgrimstein kommt, stößt zudem wieder nur auf einen so schmalen abgesenkten Bordstein, dass sich Fußgänger und Radler in die Quere kommen. Selbst das Rechtsabbiegen in die Deutsch­haus­straße, die Ramsaier ohnehin für sehr gefährlich hält, sei oft nicht möglich. "Die Radverkehrspläne sind gut", sagt der Verkehrsreferent. Sie müssten nur umgesetzt werden.

Teil des Greencity Plans
Die Förderung des Radverkehrs ist ein Schwerpunkt des "Green-City-Plans" von Marburg. Die Universitätsstadt geht davon aus, dass 18,2 Tonnen Stickoxid eingespart werden, wenn alle geplanten Maßnahmen aus dem Radverkehrsplan umgesetzt werden – und dadurch deutlich mehr Menschen in Marburg Rad anstelle von Auto fahren als bislang. Damit ist der Umstieg auf das Fahrrad der wirksamste Teil im Kampf für bessere Luft in der Universitätsstadt.
Für 2020 sind neue Radwege in der Frauenberg- und der Großseelheimer Straße geplant. In der Frauenbergstraße sollen auf beiden Seiten Schutzstreifen auf der Fahrbahn markiert werden, um das Radfahren zum Südbahnhof sicherer zu machen. In der Großseelheimer Straße geht es auch darum, bessere Radwege zu den Lahnbergen zu schaffen. Anfang 2020 lädt die Stadt daher zu einem Rad­ver­kehrs­forum ein, wo über die Radwege in diesen Straßen diskutiert werden soll.
gec

Gesa Coordes

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