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Thema der Woche | 21. November 2019

Baumtod am Straßenrand

Marburgs Grün leidet unter Trockenstress – Foto: Gesa Coordes

In Marburg müssen viel mehr Bäume gefällt werden als in früheren Jahren: 139 Fichten, Birken, Buchen und Linden haben die heißen, trockenen Sommer nicht ausgehalten. Sie sind abgestorben oder so brüchig, dass sie abgesägt werden müssen. Und dabei handelt es sich nur um die städtischen Bäume. Was auf Pri­vat­grund und in den Wäldern fällt, wurde nicht mitgezählt.

Die Lücken im Stadtgrün sind auf den ersten Blick weniger sichtbar als in den Wäldern der Umgebung, wo das Grau abgestorbener Bäume schon von Ferne auffällt. In Marburg sind es Fichtengruppen – etwa am Hauptfriedhof und am Siedlerhaus in der Nähe der Sonnenblickallee. Sie sind vom Borkenkäfer be­fal­len, der nach den beiden viel zu trockenen Jahren leichtes Spiel hatte: "Der Borken­käfer befällt nur Bäume, die unter Stress stehen", erklärt der städtische Baumsachverständige Dieter Happel. Auch die Linde am Trojedamm muss keineswegs im Vorgriff auf die geplante Sanierung des Grüner Wehrs fallen. Ein Pilz mit dem Namen "Flacher Lackporling" hat den Baum am Stammfuß aus­ge­höhlt. Bereits im Frühjahr gefällt wurden drei mehr als 120 Jahre alte Rotbuchen im Schlosspark. Nun folgen zwei Birken in der herrschaftlichen Grünanlage. Bereits Anfang Oktober fiel eine rund 100 Jahre alte Ulme an der Südanlage.

"Man kann froh sein, wenn es dabei bleibt", sagt der Göttinger Arboristik-Professor Ulrich Weihs angesichts der Gesamtzahl von 16.000 städtischen Einzelbäumen an 817 Standorten in Marburg. Die Bäume in den Städten litten meist noch mehr unter Trockenstress als das Grün im Wald, berichtet der Experte. Die Städte seien heißer. Und da Beton die Hitze speichert, kühlt es auch nachts schlechter ab. Dazu kommen Schäden durch Hunde-Urin und Streusalz.

Der Marburger Baumsachverständige Dieter Happel findet daher, dass die Universitätsstadt im Vergleich zu anderen Kommunen bisher noch relativ glimpflich davongekommen ist: "Die Zahl zeugt davon, dass die Pflege der Bäume trotz der klimatischen Bedingungen gut gelungen ist." Wie viel Arbeit das macht, sieht man an den Jungbäumen, die in den ersten drei Jahren von städtischen Mitarbeitern gegossen werden.

Damit das Wasser auf den oft schmalen Baumscheiben nicht gleich wieder wegfließt, umhüllt die Stadt sie seit diesem Jahr mit sogenannten Wassersäcken. Bislang wurden mehr als 400 Jungbäume damit ausgestattet. Zu sehen ist dies etwa an der Ockershäuser Allee oder der Marburger Straße in Cappel. Im Som­mer werden sie bei Trockenheit mindestens einmal pro Woche mit 75 Litern Wasser befüllt werden und geben das wertvolle Nass dann langsam ab. Die Straßenbäume auf dem Bahnhofsvorplatz und an der Mensa wurden sogar an eine automatische Bewässerung angeschlossen. Nötig seien aber auch gezielte Rückschnitte, das Entsiegeln von Böden, Lockern des Wurzelraums und durch­dachte Düngungen, so Happel.

So sei die Eschenallee in der Ketzerbach seit 2017 erfolgreich "wieder auf­ge­päppelt" worden. Dort wurden Feuchtigkeitssensoren eingebaut, so dass gezielt gewässert oder gedüngt werden konnte. Untersucht und analysiert wird aktuell auch die Rotahorn-Allee in der Universitätsstraße, wo die Bäume sehr ungleich wachsen. Die meisten Rotahorne verlieren ihre Blätter, bevor die rote Herbst­färbung beginnt.

Mancherorts wurde bereits gefordert, dass Bürger die Stadtbäume gießen sollten. Das macht allerdings nur in den ersten fünf Lebensjahren eines Baumes Sinn, sagt der Sachverständige. Eine 100 Jahre alte Buche brauche etwa 600 Liter pro Tag. Da sei es sinnvoller, die nahegelegenen Vorgärten gründlich zu wässern. Dort erreiche man auch die Feinwurzeln der Baumveteranen eher, die kürzere Trocken­perioden leichter überstehen als Jungbäume.

Allerdings weist Happel darauf hin, dass Privatleute und Objektbetreuer – wo irgend möglich – im Winter kein Salz auf Fußwegen und Straßen streuen sollten. Viele Linden und Ahornbäume im Südviertel – vor allem an der Frankfurter Straße – leiden immer noch unter Blattrandnekrosen, obgleich zumindest der städtische Räumdienst schon seit 2006 auf Salz im Südviertel verzichtet. Aber auch andernorts im Stadtgebiet wird der salzgeschwängerte Schnee auf die Baumscheiben geschoben, wo die Konzentrationen viel zu hoch für die ohnehin durch den Urin der Hunde gequälten Bäume ist. "Viele Bäume werden einfach misshandelt, weil die Leute kein Gefühl für den Wert dieser Lebewesen haben", klagt Arboristikprofessor Weihs.

Bei Neupflanzungen setzt die Stadt vor allem auf Bäume, die längere Trockenperioden leichter ertragen. So werden jetzt vermehrt Esskastanien, ungarische Eichen, Amber-, Eisenholz- und Schwarztulpenbäume gepflanzt. Noch wichtiger als das Nachpflanzen findet Dieter Happel allerdings die Pflege und Bewahrung der alten Bäume: "Eine ausgewachsene Buche versorgt 13 Menschen pro Tag mit Sauerstoff. Davon sind die Jungbäume weit entfernt."

Schutz gegen den Klimawandel
Nicht nur in Marburg – bundesweit sterben durch den Klimawandel und die vergangenen Hitzesommer die Bäume weg: In Berlin schwand der Bestand in den vergangenen zwei Jahren um rund 7000 Exemplare. In Chemnitz sind 2500 nicht mehr zu retten. In Karlsruhe müssen 1200 gefällt werden, in Koblenz 500. In Frankfurt trifft es doppelt so viele Bäume wie sonst üblich.
Um ihre Schützlinge zu retten, suchen die Städte nach neuen Wegen. Die Bäume sind für sie Feinstaubfilter, Sauerstoffproduzenten und Schattenspender. So wurde in Darmstadt ein Runder Tisch "Wald" ins Leben gerufen. Die Stadt Gießen hat eine Baumfördersatzung beschlossen, mit der auch Nadelbäume vermehrt geschützt werden. Vielerorts gibt es Tests mit robusteren Baumarten, unterirdischen Versorgungssystemen und urbanem Wassermanagement.
Schließlich gilt der Wald als effektivster Schutz gegen den Klimawandel. Nach einer Studie der Hochschule Zürich könnte er bis zu einem Drittel der von Menschen verursachten CO2-Emissionen aufnehmen – wenn man gewaltige Flächen aufforstet.
Die Kommunen müssten die Voraussetzungen schaffen, um die Vitalität der Bäume zu erhalten. Und sie müssten bereit sein, auch die Technik dafür zu finanzieren, sagt Arboristikprofessor Ulrich Weihs. Er empfiehlt nämlich nicht nur resistentere Baumarten, sondern auch ein Wassermanagement, das Regenwasser an die Wurzeln leitet. Solche Systeme gibt es etwa in Kopenhagen, Stockholm und Osnabrück. Weihs rät auch zu mehr Platz für die Bäume. So würden in München inzwischen Pflanzgruben von bis zu 30 Kubikmetern ausgehoben. Normalerweise üblich ist nur ein Sechstel. Und selbst das ist oft schwierig, weil fast überall Versorgungs­leitungen im Boden liegen, berichtet Dieter Happel: "Das geht auch in München nicht überall."
gec

Gesa Coordes

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