Mittwoch, 12. Mai 2021
Thema der Woche | 5. März 2020

Psychisch krank und rechtsextrem

Kriminologieprofessorin Britta Bannenberg untersucht Amokläufe
Foto: Pixabay

Für die Gießener Kriminologin Britta Bannenberg ist der Attentäter von Hanau sowohl rechtsextrem als auch psychisch krank: "Es handelt sich um einen rechtsmotivierten Terrorakt mit Elementen einer Amoktat", sagt die Expertin über den Anschlag, bei dem der 43-jährige Tobias R. zehn Menschen und dann sich selbst tötete. Bannenberg geht nach der Analyse seiner Schriften davon aus, dass der Täter paranoid schizophren war. "Das Pamphlet strotzt vor Wahngedanken", sagt die Professorin. So habe sich der Täter von einem imaginären Geheimdienst verfolgt und überwacht gefühlt.

Dies deckt sich mit Bannenbergs vom Bundesforschungsministerium geförderten Studie zu Amokläufen. Danach war etwa ein Drittel der erwachsenen Täter schizophren, eine Krankheit, die sich mit Medikamenten gut behandeln lasse. Genauere Untersuchungen in Hanau sollen aber noch folgen. Etwa zu der Frage, ob es bei Tobias R. im Vorfeld Warnzeichen gab, an denen man die Bedrohung hätte erkennen können. Bannenbergs Team untersucht die Stadt ohnehin als Modellkommune im Rahmen des Kriminal-Präventionsprojekts Kompass – in mehreren Wochen soll die repräsentative Befragung in Hanau starten.

Die Gießener Professorin für Kriminologie beschäftigt sich bereits seit 2002 intensiv mit Amokläufen. Damals tötete ein Jugendlicher am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Lehrer und Schüler und dann sich selbst. Es war der erste große Amoklauf in Deutschland. "Ich wollte verstehen, warum er das getan hat und ob es vorher Anzeichen gab", sagt die Forscherin. Aber selbst das Bundeskriminalamt war damals der Meinung, dass es sich um ein singuläres Ereignis handele, das im Vorhinein nicht zu erkennen sei. Bannenberg glaubte das nicht. Die Wissenschaftlerin sprach mit den Ermittlern und studierte die Akten. Seitdem hat sie jeden Amoklauf in Deutschland genau untersucht. Sie besuchte Tatorte, Augenzeugen, Angehörige und überlebende Täter. Während unter den erwachsenen Amokläufern mehr als ein Drittel an Schizophrenie litt, fand sie vor allem bei den jungen Tätern erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Untersucht hat sie dies im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts für "Tat- und Fallanalysen hoch expressiver zielgerichteter Gewalt".

"Es gibt ein typisches Verhalten von Amoktätern", sagt Bannenberg. Allerdings fallen sie vorher nicht durch impulsives, aggressives oder gewalttätiges Verhalten auf. Vielmehr handelt es sich um stille, zurückgezogene Einzeltäter aus äußerlich intakten Mittelschicht-Familien. Auch auf die Forscherin wirkten sie mitunter "verstörend in ihrer Normalität". Dennoch haben sie eine narzistisch-paranoide Persönlichkeitsstörung, die sich durch Geltungsbedürfnis und fehlendes Einfühlungsvermögen auszeichnet. Anders als vielfach vermutet, handelt es sich nicht um Mobbingopfer. Aber sie seien extrem empfindlich, fühlten sich gedemütigt, schlecht behandelt und machten andere für Misserfolge verantwortlich. Daraus wachse eine Mischung aus Hass und irrationalen Rachegedanken.

Es gibt subtile Anzeichen im Vorfeld. So sympathisieren sie mit Amokläufern, Attentaten und spektakulären Tötungsdelikten. Vor der Tat gibt es eine lange Phase, in der sie sich intensiv mit "Vorbildern" beschäftigen – etwa mit dem Amoklauf an der Columbine Highschool am 20. April 1999. "Sie scheinen von den Themen Tod und Töten besessen zu sein", erklärt Bannenberg. Und sie spielen Gewaltspiele so exzessiv, dass dies sogar Mitschülern auffällt, die selbst gern Killerspiele nutzen. Viele äußern Tötungsphantasien in Internetforen oder gegenüber Freunden, die das allerdings meist nicht ernst nehmen.

Intensiv zusammengearbeitet hat Bannenberg mit dem Aktionsbündnis "Amoklauf Winnenden". Am 11. März vor elf Jahren tötete ein Jugendlicher an der Albertville-Realschule 15 Menschen und dann sich selbst. Viele Male war die Gießener Professorin vor Ort: "Diese Taten verändern das Leben der Menschen für immer", sagt die 55-Jährige. Auch für diejenigen Schüler, die nicht dauerhaft krank wurden, sondern ihren Abschluss machten und heute erfolgreich in einem Beruf arbeiten.

Deswegen gründete die Professorin gemeinsam mit dem Aktionsbündnis 2015 das Netzwerk "Amokprävention" mit einem in Gießen angesiedelten Beratungstelefon. Unter 0641/9921571 haben sich seitdem etwa 200 Eltern, Mitschüler, Nachbarn, Schulpsychologen und Studenten gemeldet. "Die meisten Anrufer lagen richtig", sagt Bannenberg. In 80 Prozent der Fälle schaltete sie die Polizei ein, die nach Waffen suchte, Computer überprüfte und die jungen Leute mit dem Verdacht konfrontierte. Etwa die Hälfte ging zumindest vorübergehend in die Psychiatrie. Manche räumten dann ein, dass sie bereits in den nächsten Tagen Mitschüler töten wollten. Bannenberg ist sich sicher: "Es sind zahlreiche Taten verhindert worden, weil Lehrer, Eltern oder Mitschüler aufmerksam waren." Und die Interventionen reichten in der Regel aus, um die Dynamik zu durchbrechen.

Um Gewaltprävention und Hilfe für die Opfer ging es der im nordhessischen Volkmarsen aufgewachsenen Juristin schon während ihrer Promotion über den Täter-Opfer-Ausgleich, bei dem die Täter auch abseits des Strafverfahrens Verantwortung für ihr Unrecht übernehmen und sich entschuldigen. Während ihrer Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Halle und Marburg habilitierte sie sich über Korruption und strafrechtliche Kontrolle, ein erstaunlich wenig untersuchtes Phänomen. Das seien schwer zu durchschauende, mühsame Verfahren für Polizei und Justiz, weil die Straftaten in der Regel nicht angezeigt werden. Dahinter steckten meist langjährige, unterstützende Strukturen in Verwaltungen und Unternehmen.

Das gilt auch für ein weiteres Thema, mit dem sich die Forscherin in ihrer Zeit als Professorin in Bielefeld einen Namen machte: Doping. "Das ist organisierte Kriminalität pur", sagt die ehemalige Leistungssportlerin, die als junge Frau mehrfach hessische Meisterin im Langstreckenlauf war. Schon damals waren ihr Läuferinnen aufgefallen, die plötzlich viel schneller, aber zugleich immer dünner wurden. Auch dahinter steckten unterstützende Strukturen von Trainern, Betreuern, Sponsoren und Dopinglabors. 2006 zeigte sie Radsportler Jan Ullrich wegen des Verdachts auf Betrug an, nachdem berichtet wurde, dass der Star und andere Spitzenfahrer des Teams Telekom mit hoher Wahrscheinlichkeit gedopt waren. In der Folge gab es Hausdurchsuchungen bei Ullrich und seinem Manager Rudy Pevenage. Die Anzeige war ursprünglich eine "Schnapsidee", sagt Bannenberg im Rückblick. Privat kam sie diese allerdings teuer zu stehen. Monatelang erhielt sie – wahrscheinlich aus der Fanszene – Drohbriefe, beleidigende und beängstigende Mails, stand zeitweise unter Polizeischutz.

Ungeahnte Angsträume: Bahnhof und Bürgerpark in Neustadt
Aktuell kümmert sich das Team der Kriminologin Britta Bannenberg um ein großes Präventionsprojekt der hessischen Landesregierung. Für die Sicherheitsinitiative Kompass, an der sich mehr als 50 Städte und Gemeinden beteiligen, befragen die Kriminologen Bürger nach Angsträumen, Schlägereien, Einbrüchen, Überfällen und sexuellen Belästigungen. Durch die repräsentativen Befragungen erfahren die Kommunen genauer, welche Sicherheitsprobleme es gibt, wie groß die Dunkelziffer bei Straftaten ist und wo herumlungernde Jugendliche, Trinker, Taschendiebe oder dunkle Ecken die Menschen beunruhigen. Verknüpft wird dies mit Besichtigungen vor Ort, Tipps und Empfehlungen für mehr Sicherheit.
Daran teilgenommen hat – neben Gießen, Wetzlar, Butzbach und Stadtallendorf – auch die Stadt Neustadt östlich von Marburg. Dort wurde knapp die Hälfte der gut 8000 Einwohner nach dem Zufallsprinzip angeschrieben – 600 beteiligten sich an der Befragung. "Dabei haben sich Angsträume an Stellen aufgetan, die wir so nicht erwartet haben", berichtet der Neustädter Ordnungsamtsleiter Holger Michel. Auf viele beängstigend wirkten etwa die Unterführung am Bahnhof, der Bahndamm sowie der Weg zur Grillanlage im Ortsteil Momberg. Dabei liegt die Kommune bei den angezeigten Straftaten deutlich unter dem Landesdurchschnitt. "Faktisch passiert sehr selten etwas", so Michel.
An einigen Stellen hat die Stadtverwaltung nun zusätzliche Lampen aufgestellt. Auch die Bahn AG hat nach den Ergebnissen die Unterführung gesäubert und heller beleuchtet. Der Bürgerpark – ein weiterer Angstraum – wird in den nächsten Jahren ohnehin umgestaltet. Bereits jetzt werden einige Sträucher so zurückgeschnitten, dass die Sitzecken gut einsehbar sind. Die Polizei ist häufiger in Neustadt unterwegs. Ausgeweitet wurde auch der freiwillige Polizeidienst, für den inzwischen vier Helfer Streife laufen. Michel: "Wir hoffen, dass die Bürger nach den Umgestaltungen keine Angst mehr haben."
gec

Gesa Coordes

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