Mittwoch, 12. Mai 2021
Thema der Woche | 23. Januar 2020

Blick auf die Wirklichkeit

Erster hessischer Dokumentarfilmtag am 26. Januar – Foto: Pola Sell

Das Motto ist: "Näher an der Wirklichkeit". Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm veranstaltet anlässlich ihres 40. Geburtstags den ersten hessischen Dokumentarfilmtag. Am Sonntag, 26. Januar, werden in neun hessischen Kinos ausgewählte Dokumentarfilme gezeigt. In Marburg laufen im Capitol "Deckname Dennis", "Jetzt – Nach so viel Jahren" und "Yves' Versprechen".

Wie der Titel des Dokumentarfilmtags bereits verrät, soll der Fokus vor allem auf die Wirklichkeitsdarstellung in den Filmen gelenkt werden. In Zeiten von Medienskepsis und Kritik an der sogenannten "Lügenpresse" will die Arbeitsgemeinschaft zeigen, wie vielfältig das Genre des Dokumentarfilms mit den Konstruktionen von Wirklichkeit umgeht und welche Anstrengungen die Filmemacher unternehmen, um ein Thema oder eine Geschichte in all ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit darzustellen. Begleitet werden die Filmvorführungen von Gesprächen mit den Filmemachern, die einen Einblick in ihr Schaffen geben sollen. Der Dokumentarfilmtag soll keine einmalige Veranstaltung sein, sondern künftig jährlich stattfinden.

Mit insgesamt 900 Mitgliedern ist die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG DOK) nach eigenen Angaben der größte unabhängige Filmverband Deutschlands. Die AG DOK ist der Meinung, dass das Genre Dokumentarfilm eine tragende Rolle bei der Meinungsbildung spielt und damit einen sicheren Platz, vor allem im Kino, verdient. Bis 1984 befand sich die Hauptstelle inHamburg, seitdem befindet sich diese in Frankfurt. Hessen wurde nach dem Umzug zum organisatorischen Zentrum der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm.

Deckname Dennis

Dennis Mascarenas reist aus New York nach Deutschland, um mehr über das Land zu erfahren und die Mentalität der Deutschen zu erkunden. Während seiner Reise macht er gut getarnt in Jeans, Freizeithemd und Baseballmütze viele Interviews mit Einheimischen. Die halbdokumentarische Realsatire ist eine respektlose, muntere und dann doch ein wenig erschrockene Besichtigungstour zu den Absonderlichkeiten der hiesigen Volksseele.

Der 1995 gedrehte Film wird am 26.1. um 12.30 Uhr im Capitol gezeigt. Regisseur Thomas Frickel ist anwesend.

Jetzt – Nach so viel Jahren

Rhina, ein Dorf in Oberhessen, vor 1933 bis zur Hälfte von Juden bewohnt, bis diese aus demselbigen verjagtwurden oder schlimmer. Das Film-Team findet in New York jüdische Überlebende, die sich noch sehr gut an diese schlimme Zeit zurückerinnern können. In Rhina werden diese Aufnahmen den Einwohnern gezeigt, die jetzt dort leben. Diese sehen absolut keine Schuld ihrerseits, viel eher sind sie verärgert und wollen sich nicht mit der Vergangenheit ihres Dorfs beschäftigen. Eine Dokumentation über das Verdrängen.

Der 1981 entstandene Film wird am 26.1. um 15.30 Uhr im Capitol gezeigt. Regisseur Pavel Schnabel ist anwesend.

Yves' Versprechen

Im Mittelpunkt steht der junge Mann Yves, der aus seiner Heimat Kamerun nach Europa reist, um ein neuesLeben zu beginnen. Seine Familie, die in Kamerun geblieben ist, weiß nicht, wie es ihm geht und wo genau er ist.Die Regisseurin des Dokumentationsfilms Melanie Gärtner nimmt Grußbotschaften von Yves auf und reist nachKamerun, um diese seiner Familie zu zeigen. Die Familienmitglieder freuen sich, dass es Yves gut geht, auf deranderen Seite haben auch sie den Wunsch, ein besseres Leben zu führen. In Yves sehen sie die letzte Möglichkeit,dass ihr Wunsch in Erfüllung geht. Ein Film über Familie, Liebe und den Wunsch nach einem besseren Leben.

Der 2017 veröffentlichte Film wird am 26.1. um 18.30 Uhr im Capitol gezeigt, zu Gast ist Regisseurin Melanie Gärtner.

Olga Malajko

Beunruhigende Innenansichten

Globale-Reihe zu Griechenland

Das Filmfestival Globale Mittelhessen blickt auf die Situation in Griechenland, nachdem die EU die griechische Krise für beendet erklärt hat und die Medien sie nicht mehr in den Schlagzeilen führen. Denn: "Das Troika-Experiment der Spar- und Austeritätspolitik gegenüber dem griechischen Volk und der exem­pla­rischen politischen Disziplinierung eines Euro-Raum-Staates wirkt weiter, ergänzt von der inhumanen Abschreckungsrolle, die dem Land mit seinen exponierten 'Außengrenzen' in der Flüchtlingspolitik der EU zugedacht wird", sagen die Organisatoren des mittelhessischen "Filmfestivals für globale Gerechtigkeit".

Im Rahmen einer kleinen Filmreihe zeigt die Globale drei aktuelle Dokumentar­filme zum Thema Griechenland. Die ausgewählten Filme stellen beeindruckende bis bizarre und beunruhigende Innenansichten sehr unterschiedlicher Akteure in Griechenland gegenüber und lassen dabei dramatische Bögen der neueren griechischen Geschichte und der Beziehungen zwischen Griechenland und Deutschland rekonstruierbar werden.

Eingebrannt – Frauen auf Kreta 1941-45

"Eingebrannt" ist eine kunstdokumentarische Reise durch die Geschichte kretischer Frauen und ihrer Lebensrealitäten während der deutschen Besatzung auf Kreta. Der Film bietet in hochwertiger künstlerischer und berührender Art authentische Beiträge von Frauen, die im Widerstand gegen die Okkupation und Ausplünderung ihres Landes im 2. Weltkrieg standen – erst in jüngster Zeit gerettete Beiträge zur antifaschistischen deutsch-griechischen Geschichts­schreibung. Sie bergen Hintergrundinformationen zu der schwelenden Frage von Entschädigungszahlungen an griechische Opfer deutschen Terrors und von deutschen Reparationszahlungen, die angesichts der treibenden Rolle von Schäuble und Merkel in der Verordnung der Austeritätspolitik in Griechenland besondere Brisanz gewann. Gleichzeitig kontrastieren die Schilderungen der Frauen im Widerstand gegen die faschistische Besatzung das im zweiten Film erschlossene Weltbild der "Golden Dawn Girls", die sich positiv auf den Hitlerfaschismus beziehen.

Zur Vorführung in Marburg sind die Regisseurinnen Barbara und Leonie Englert zu Gast.

Termin: Di 28.1. 20.15, Capitol

Golden Dawn Girls

Der Film untersucht den Aufstieg der rechtsextremen nationalistischen Partei "Golden Dawn" ("Goldene Morgenröte") in Griechenland und die Rolle der Frauen in der Führung der Partei in den Wahlen 2014/15, als die männlichen Schlüsselfiguren der "Goldenen Morgenröte" wegen Aktivitäten organisierter Kriminalität in Untersuchungshaft sitzen. Anhand eines verblüffend offenen Zugangs zu einer der in Europa am meisten berüchtigten nationalistischen Parteien legt der Film die Denkart, die Werte und die Charaktere der Leute an der vordersten Front des modernen Nationalismus bloß.

Geschichtsverfälschung, Rechtspopulismus und aggressivste Fremden­feind­lichkeit als verfängliche Antworten auf die soziale, politische und ideologische Krise werden beleuchtet.

Termin: Mo 3.2. 20.15, Capitol

Love and Revolution

"Love and Revolution" dementiert das Ende der Krise durch Schlaglichter auf soziale und politische Konsequenzen der vorherrschenden Krisenmaßnahmen. Der Film zeigt zugleich Beispiele von Graswurzelbewegungen, die Krisenfolgen unmittelbar solidarisch bewältigen und/oder die griechische und europäische Krisenpolitik politisch bloßstellen, erklären und bekämpfen wollen. Verarmte und Flüchtlinge, JournalistInnen, autonome AktivistInnen, griechische und internationale HelferInnen erklären ihre Situation, ihre Sicht auf deren Ursache, ihre Zukunftspläne. Ein Ausflug mit Musik unter Menschen, die von Liebe und Revolution träumen.

Zu den Aufführungen in Marburg und Gießen ist der Regisseur Yannis Youlountas zu Gast.

Termine: Do 6.2. 20.15, Capitol; Fr 7.2. 19.00, Prototyp, Gießen

Weitere Infos unter www.globalemittelhessen.de

pe/kro

Tipp des Tages

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