Montag, 10. Mai 2021
Thema der Woche | 13. Februar 2020

"Ein trauriges Kapitel"

Historiker Ronald Füssel zur Hexenverfolgung in Marburg – Bild: Gemeinfrei

EXPRESS: Herr Füssel, was ist eigentlich eine Hexe?

Ronald Füssel: Zur Zeit der Hexenverfolgungen in der Frühen Neuzeit, also zwischen 1500 und 1700, war der Begriff klar definiert: Eine Hexe hatte sich von Gott abgewandt und mit dessen Widersacher, dem Teufel, ein Bündnis geschlossen. Dieses Bündnis hat sie durch einen Geschlechtsakt mit ihm besiegelt, der sogenannten Teufelsbuhlschaft. Mit anderen Hexen hat sie sich an geheimen Orten zum Hexentanz getroffen und dem Teufel gehuldigt. Und natürlich hat sie in Teufels Namen Schadenzauber verübt an Mensch und Vieh.

Das Delikt Hexerei war also ziemlich komplex und musste sich über lange Zeit entwickeln. Der berüchtigte Hexenhammer, der "Malleus maleficarum" hat es 1486 erstmals zusammengefasst und einem größeren Publikum vorgestellt. Auf dem Holzschnitt von Hans Schäufelein kann man die einzelnen Elemente gut erkennen.

EXPRESS: Worin unterscheidet sich die Hexe von der Zauberin?

Ronald Füssel: Die Zauberin hat nur gezaubert. Schwarze und weiße Magie gab es schon immer, und Schadenzauber wurde seit der Antike mit dem Feuertod bestraft. Bei den Hexen steht nun ganz neu das Bündnis mit dem Teufel im Vordergrund. Sie zaubern auch, aber eben mit Hilfe des Teufels. Außerdem dachte man sich die Hexen als Gruppe, als eine Art Sekte, die zusammenarbeitet. Hexerei war sozusagen Bandenkriminalität, während die Zauberin Einzeltäterin war. Von Hexerei sah man sich in Europa nur zwischen ca. 1500 und 1700 bedroht, während reine Zauberei auch vorher und nachher präsent war.

EXPRESS: Wie verlief ein typischer Hexenprozess in Marburg?

Ronald Füssel: In der Regel zeigte eine Nachbarin die andere an, weil sie einen Schaden zu beklagen hatte. Dann hörten sich die Beamten vor Ort um, was man von den Beschuldigten so hielt. Hielt man sie bei dieser Voruntersuchung allgemein für verdächtig, kam das Verfahren nach Marburg vor das Peinliche Halsgericht, das für alle Kriminalprozesse in ganz Oberhessen zuständig war. Da alle Kriminalverfahren dem Landesherren unterstanden, saßen die Gefangenen auch alle oben auf seinem Schloss in Haft, unter anderem im Hexenturm. Das Peinliche Halsgericht tagte im Rathaus, wohin die Gefangenen zum Verhör gebracht wurden, wo man Zeugen befragte etcetera. Das konnte über viele Monate gehen.

Hielt das Gericht die Beklagten für unschuldig, ließ man sie frei oder hat sie des Landes verwiesen. Hielt man sie für schuldig, sah das Gesetz die Todesstrafe der Verbrennung vor. Dann legte das Gericht sein Urteil zur Prüfung in der Fürstlichen Kanzlei vor, und die schickte es zur Bestätigung an den Landesherren. Erst wenn der es zurückgeschickt hatte, fand auf dem Marktplatz die letzte Sitzung des Gerichts statt, der sogenannte "Endlich Rechtstag". Das war eine nach altem Zeremoniell durchgespielte Veranstaltung, bei der öffentlich das Urteil verlesen und am Schluss über den Verurteilten der Stab gebrochen wurde.

EXPRESS: Was geschah bei der Urteilsvollstreckung? Das spielte sich ja alles in der Öffentlichkeit ab ...

Ronald Füssel: Ja, schon der Endliche Rechtstag auf dem Marktplatz war eine öffentliche Demonstration landesherrlicher Macht, bei der stets viele Schaulustige anwesend waren. Nicht umsonst wurden um das Gerichtspersonal Schranken aufgestellt, die zum Beispiel 1582 beim Prozess gegen eine Hexe eingerissen wurden. Die Zeit war arm an Unterhaltung, und so ein Ereignis ließ sich niemand entgehen. Nach der Verkündung des Urteils folgte das Publikum dann dem Scharfrichter und den Verurteilten bis zur Gerichtsstätte auf dem Rabenstein, wo der letzte Akt dieses öffentlichen Schauspiels stattfand. In der Regel hatte der Landesherr den Verurteilten vor der Verbrennung die Gnade der Enthauptung oder Erdrosselung gewährt. Zwischen 1517 und 1688 sind hier mindestens 19 Frauen und 2 Männer wegen Hexerei hingerichtet worden, aber auch Hunderte wirkliche Verbrecher.

EXPRESS: Unterschied sich die Marburger Gerichtspraxis von derjenigen in anderen Städten?

Ronald Füssel: In der Regel sollten alle Kriminalprozesse im Reich nach der Peinlichen Gerichtsordnung Kaiser Karls V. von 1532 geführt werden, aber das hat man regional ganz unterschiedlich gehandhabt. In Marburg hat man sich sehr eng an die Vorgaben gehalten, und mit Peinlichem Halsgericht, Hofgericht, Fürstlicher Kanzlei und der Juristischen Fakultät der Universität waren auch viele Juristen vor Ort, die sich gegenseitig auf die Finger schauten. Zudem hatten die Marburger Landesherren stets eine eher vorsichtige Haltung gegenüber den Hexenprozessen und haben diese nicht gefördert. Daher haben wir hier auch eine vergleichsweise geringe Anzahl an Opfern.

In anderen Regionen lief das ganz anders: Da konnten die Verfahren durch gegenseitige Denunziationen eine Eigendynamik entwickeln, die in kurzer Zeit zu Massenverfolgungen mit vielen Hundert Toten geführt hat, wie zum Beispiel in Bamberg und Würzburg. In Marburg stand den Beklagten auch immer ein Verteidiger zu Seite, der armen Leuten sogar unentgeltlich vom Amt gestellt wurde. Das gab es auch nicht überall.

EXPRESS: Waren Hexen denn immer Frauen?

Ronald Füssel: Nein, keineswegs. Bei den wenigen ganz frühen Hexenprozessen im 15. Jahrhundert haben wir noch ein relativ ausgeglichenes Verhältnis von Männern und Frauen. Erst der verhängnisvolle Hexenhammer spitzt 1486 das Delikt der Hexerei stark auf Frauen zu, die angeblich anfälliger für die Versuchungen des Teufels seien. Danach haben wir unter circa 60.000 Opfern der Hexenverfolgungen in Europa – beziehungsweise circa 30.000 auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik – etwa 80 Prozent Frauen.

EXPRESS: Findet man heute noch Zeugnisse der Marburger Hexenverfolgung?

Ronald Füssel: Ja, natürlich, im Staatsarchiv! Dort lassen sich heute für Oberhessen, also die von Marburg aus verwalteten Ämter der Landgrafschaft, noch gut 120 Prozesse recherchieren, davon etwa die Hälfte gegen Personen aus Stadt und Amt Marburg. Viele Prozessakten sind lückenhaft, aber andere noch mehr oder weniger vollständig erhalten. Und natürlich ist auch der Hexenturm ein steinernes Zeugnis, denn neben richtigen Kriminellen saßen hier tatsächlich auch vermeintliche Hexen ein.

EXPRESS: Wie sind Sie persönlich zu dem Thema gekommen?

Ronald Füssel: Schon vor 30 Jahren als Student hier an der Uni über ein Seminar bei meinem späteren Doktorvater Professor Thomas Klein. Seitdem bin ich auch Mitglied im AKIH, im Arbeitskreis Interdisziplinäre Hexenforschung, in dem sich Kollegen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen mit dem Thema beschäftigen.

EXPRESS: Das Hexenmotiv hat sich grundlegend verändert ...

Ronald Füssel: Aber total! In der Frühen Neuzeit war Hexerei das schlimmstmögliche Verbrechen. Hexen waren die Werkzeuge des Teufels und eine reale Bedrohung der gesamten Christenheit. Gegen die musste man rigoros vorgehen, und mit einer verbrannten Hexe hatte darum auch niemand Mitleid. Nach 1700 verschwinden die Hexen nach und nach aus den Köpfen und tauchen erst im 19. Jahrhundert mit einem erwachenden romantischen Geschichtsbewusstsein wieder auf. In Goethes Faust und bei den Gebrüdern Grimm ist die Hexe noch böse, aber nicht mehr real, eben eine Märchenfigur. Im 20. Jahrhundert werden die Hexen dann schon als positive Gruppe gesehen, die sich wunderbar instrumentalisieren lässt. Etwa von den Nazis, die der katholischen Kirche die Vernichtung von Millionen "guten germanischen weisen Frauen" anhängen wollten. Völlig abwegig.

Heute sind Hexen für die meisten Menschen durchweg positiv besetzt und für einige sogar Indentifikationsfiguren, die sie natürlich auch gerne vor einer möglichst uralten mystischen Geschichte sehen wollen. Dabei wird oft völlig ausgeblendet, was für einen ernsten und traurigen Hintergrund die heutige Faszination für die Hexen eigentlich hat. In der Frühen Neuzeit sind Tausende Menschen, meist Frauen, als Hexen gestorben. Und sie waren nicht mal welche, man hat es ihnen nur vorgeworfen!

Insofern eignen sich die Hexen ganz hervorragend, um exemplarisch aufzuzeigen, wie sich Geschichtsbilder im Lauf der Zeit verändern oder gar grundlegend wandeln können: Von den verabscheuten Feinden Gottes zu bewunderten Vorbildern für Frauen und kleine Mädchen.

EXPRESS: Wie kann man den historischen Gegenstand "Hexenverfolgung in Marburg" im Sinne einer nachhaltigen Erinnerungskultur in der Öffentlichkeit verankern?

Ronald Füssel: Ein wichtiger Beitrag dazu ist natürlich das diesjährige Themenjahr. Das sehr breit angelegte Programm zeigt schon, wie bunt und vielschichtig das Thema Hexe heute ist. Dabei wird die im Mai erscheinende historische Studie "Gefoltert. Gestanden. Zu Marburg verbrannt." deutlich machen, vor welch ernstem Hintergrund sich das alles abspielt und hoffentlich auch nachhaltig sein. In diesem Sinne ist auch das geplante Denkmal an die Opfer der Hexenverfolgungen zu begrüßen, das ein trauriges Kapitel der Marburger Geschichte im Stadtbild verankern wird.

Interview: Michael Arlt

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