Frau mit 19 Messerstichen getötet – 42-jähriger Pole festgenommen.

Die Anwohnerin hat rote Rosen und eine Kerze mitgebracht. „Schrecklich, dass die Gesellschaft so etwas nicht verhindern kann“, sagt die 55-Jährige. Und gut, dass auf das Thema Femizid aufmerksam gemacht werde.

Vor wenigen Tagen ist eine 35-jährige Frau mit 19 Messerstichen getötet worden. Mitten in Marburg, wenige Meter vom Einkaufscenter am Erlenring entfernt. Nach Mitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft wurde der mutmaßliche Täter in Polen verhaftet. Es handelt sich um einen 42-jährigen polnischen Staatsbürger, der in Stettin festgenommen wurde. Zuvor war ein europäischer Haftbefehl erlassen worden. Derzeit sitzt er in Untersuchungshaft und soll nach Marburg ausgeliefert werden.

Rund 100 Kerzen stehen vor dem Glascontainer am Erlengraben. Wahrscheinlich wurde sie in der Nähe getötet. Die Polizei entdeckte sie im Gebüsch dahinter, nachdem sie bereits am Tag zuvor polizeilich gesucht worden war. Zuletzt gesehen wurde sie am Dienstagabend (20. Oktober) auf einer Videokamera beim Verlassen des Erlenring-Centers.

Jetzt steht ein Foto der 35-Jährigen in goldenem Rahmen auf dem Glascontainer. Daneben und davor Alpenveilchen, Rosen, Astern, Erika und ein Kranz des Frauenhauses. Und auf der Rückseite des grauen Stahlbehälters sind noch Blutspuren.

Viele Menschen bleiben kopfschüttelnd vor der improvisierten Gedenkstätte stehen. „Es ist super-schockierend, weil es so nah ist“, sagt Wolfgang Beyse, der nur 50 Meter vom Tatort entfernt wohnt. Mitbekommen haben die Nachbarn nur den langen Polizeieinsatz „wie im Krimi“, so Beyse. Da sei schon klar gewesen, dass es sich um eine Gewalttat handeln müsse. „Es ist einfach furchtbar“, ergänzt eine Anwohnerin: „Bis dahin war es für mich ein ruhiger, friedlicher Ort. Ich gehe hier jeden Tag einkaufen.“

Inzwischen ist bekannt, dass die Getötete aus Serbien stammte und im Marburger Frauenhaus lebte. Der mutmaßliche Täter hatte zumindest in der Vergangenheit eine Beziehung mit ihr, war aber wohl nicht der Grund für ihren Aufenthalt im Frauenhaus. Nach den bisherigen Ermittlungen traf sich der Tatverdächtige am Mittwoch (21. Oktober) mit der 35-Jährigen und tötete sie mit 19 Messerstichen. Anschließend floh der 42-Jährige nach Polen. Weitere Hintergründe werden derzeit von der Polizei und Staatsanwaltschaft untersucht.

„Wenn ein Mensch 19mal zusticht, ist er entweder voller Hass und Eifersucht oder psychisch krank“, mutmaßt ein Passant. Viele sprechen über Femizid, also die Tötung von Frauen oder Mädchen. Auch die Stadt Marburg zeigt sich erschüttert über die Tat. „Viele Details sind noch unklar“, sagt Oberbürgermeister Thomas Spies: „Nach aktuellem Stand müssen wir aber davon ausgehen, dass es sich bei der Tat um einen Femizid handelt. In Deutschland wird statistisch fast jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Wir müssen mehr tun, um Frauen zu schützen und Femizide mit aller Härte zu ahnden.“

Das betont auch das Flugblatt mit dem Titel „Femizid in Marburg“, das zwischen den Gedenkkerzen liegt. Am Mittwoch sei die 35-Jährige übersät mit Messerstichen tot im Gebüsch gefunden worden – „eine junge Frau voller Träume, Hoffnungen und Leben“. Weiter schreiben sie: „Wir trauern, doch wir wissen auch, dass es kein Einzelfall ist.“

gec

Mehrere Organisationen und Verbände haben zu einer Anti-Femizid-Demonstration am Mittwochabend, 28. Oktober, ab 18 Uhr an der Elisabethkirche aufgerufen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Gesa Coordes