Ein Interview mit Stephan H. Nolte über das Leben des Marburgers Hermann Reis.
Im Marburger Büchner-Verlag ist zur Frankfurter Buchmesse 2026 der Titel Deutscher und Jude. Leben und Sterben des Hermann Reis erschienen. Das Buch des amerikanischen Soziologen John K. Dickinson erzählt die Geschichte des Marburger Anwalts Hermann Reis von der Wiege 1896 bis zu seiner Ermordung in Auschwitz 1944.
Reis wächst als Sohn eines jüdischen Viehhändlers im hessischen Hinterland auf und ist später als Anwalt im nahe gelegenen Marburg tätig. Der Bericht folgt Reis auf seinem Weg von einer als harmonisch erlebten Jugend durch eine sich stetig radikalisierende Gesellschaft. Jede neue Maßnahme zur Diskriminierung und Schikanierung der jüdischen Bevölkerung macht Dickinson in ihren komplexen zwischenmenschlichen Auswirkungen greifbar. Wie war die Situation auf dem Land, in der Stadt? Wie lebte man zusammen und wie stabil oder fragil war dieses Zusammenleben? Welche Institutionen, Rituale und unausgesprochenen Regeln prägten es?
Dickinson gibt aus seinen Anfang der 1950er Jahre geführten Gesprächen die Erzählungen der Gesprächspartner wieder, die Hermann Reis, seine Ehefrau Selma (geb. Levy) und die Tochter Marion gekannt haben, und er deutet sie: vor einem weiten Hintergrund von Quellen und Selbstzeugnissen und mit dem Verständnis des mitfühlenden Beobachters. Damit ist ihm ein bis heute gültiger Tiefenblick in die Geschichte gelungen, der in dem gesellschaftlichen Umbau, den er schildert, zeitgenössischer nicht sein könnte.
Interview mit dem Herausgeber und Übersetzer Stephan H. Nolte
Express: Was hat Sie an der Geschichte von Hermann Reis so bewegt, dass Sie den Titel in deutscher Sprache zugänglich machen wollten?
S.H. Nolte: Das Buch ist nicht nur für Marburg und nicht nur für Geschichtsinteressierte ein einzigartiges Dokument, weil es anhand der komplexen Figur des jüdischen Anwalts Hermann Reis in großer Anschaulichkeit schildert, wie sich die deutsche Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts radikalisierte. Dabei entschlüsselt die erste deutsche Übersetzung nun auch sämtliche Namen von Orten, Straßennamen und Zeitschriften, die im Buch genannt werden. Anders als die zweite amerikanische Auflage aus dem Jahr 2001 war die Erstauflage 1967 nämlich noch vollständig verschlüsselt gewesen. Nur Eingeweihte wussten, dass sich hinter „Hochburg“ Marburg und hinter „Sigmund Stein“ Hermann Reis verbarg. Mit Rücksicht auf noch lebende Nachkommen beider Seiten, sowohl der jüdischen wie der deutschen, hatte John K. Dickinson Orte und Namen im Original verändert. Das betraf selbst die Titel von Zeitschriften, aus denen er zitierte. Fachleuten, die sich mit der jüdischen Geschichte beschäftigten, war das Werk wohl bekannt, weswegen es in der wissenschaftlichen Literatur vielfach zitiert wurde. Aber sonst konnte man, zumal auf Englisch, nicht viel damit anfangen. Es gab auch zuvor Ansätze zur Übersetzung, die an der Komplexität der Entschlüsselung scheitern mussten, weil dafür die originalen Protokolle der Gespräche des Autors mit den über 170 Zeitzeugen fehlten, die ich nun erstmals auswerten konnte. Dickinson hat sie glücklicherweise der Marburger UB hinterlassen.
Express: Warum sollte man das Buch unbedingt lesen?
S.H. Nolte: Speziell für Marburg ergibt sich ein sehr differenziertes und plastisches Bild der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Akteure und der Zeit des Nationalsozialismus. Dickinsons Forschungen fanden im Marburg der frühen 1950er Jahre statt, weswegen sein Werk ein eindringliches Zeugnis des Umgangs mit der damals noch nicht so weit zurückliegenden und wenig aufgearbeiteten Geschichte ist. Dabei wird auch die überregionale Bedeutung seiner Schilderungen deutlich, weil er die vielen kleinen Schritte aufzeigt, in denen sich der Totalitarismus entwickelte und die man nur im Rückblick als große Sprünge identifiziert. Die unterschiedlichen Wahrnehmungen derselben sich abspielenden Gegebenheiten und auch die Unwissenheit und das Desinteresse am Nächsten sind universell – auch heute noch.
Express: Das Buch zeigt frappierende Parallelen zur aktuellen gesellschaftlichen Situation auf. Können Sie skizzieren, wie sich die gesellschaftliche Radikalisierung in Marburg anbahnte?
S.H. Nolte: Es ging damals wie heute um die Schaffung eines gesellschaftlichen Konsenses. Dafür hatte die Vereinnahmung und Umdeutung von Begriffen eine zentrale Bedeutung, etwa zu dem Wort „Jude“«“ an sich, der sich von einer Religionszugehörigkeit zur Bezeichnung einer „minderwertigen, schmarotzenden Rasse“ wandelte. Wenn das nur oft genug wiederholt und eingehämmert wird, entsteht so ein Konsens, vor allem dann, wenn Gegenstimmen zum Schweigen gebracht werden. Das ist auch heute so: Wenn man sieht, was heute aus der ursprünglich kritisch-positiven Bedeutung des „Querdenkens“ geworden ist oder wie selbstverständlich heute das Unwort „kriegstüchtig“ statt „friedensfähig“ oder „verteidigungsbereit“ salonfähig geworden ist, kann man problemlos nachvollziehen, wie schnell das gehen kann.
Die Ungeheuerlichkeit der nationalsozialistischen Rassenlehre, ihre Akzeptanz in der Bevölkerung und ihre unerbittliche Konsequenz, die nicht nur die Juden, sondern auch die „slawischen Völker“ betraf, muss uns gerade heute wieder bewusst werden.
to
Buchvorstellung
Mittwoch, den 18. November, ab 18 Uhr
Hessisches Staatsarchiv Marburg
Eintritt frei

