Kunstaktionen zum Gedenken an die Reichspogromnacht.

Mit Texten, Bildern, Fotografien, Performances und weiteren künstlerischen Arbeiten erinnert die Marburger Kulturszene unter dem Titel „Stimmen und Spuren“ an die Novemberpogrome der Nazis 1938. Die daraus entstandenen Arbeiten werden im Rahmen der Besinnungsstunde am 9. November um 19 Uhr in den Zettelkästen im „Garten des Gedenkens“ präsentiert.

Der „Garten des Gedenkens“ in der Universitätsstraße erinnert an die einst prächtige Synagoge, die dort bis zur Reichspogromnacht 1938 stand. Zehn Zettelkästen sind dort im Gras versenkt. Jedes Jahr zum 9. November werden die Kästen neu mit Zitaten und Erinnerungen bestückt, die sich dem Ort, den Menschen und seiner Geschichte aus immer wieder neuen Blickwinkeln nähern.

„Mit unseren Texten, Bildern, Fotografien, Performances und künstlerischen Arbeiten möchten wir zum Innehalten, Nachdenken und Austausch einladen. Denn Erinnern bedeutet für uns nicht nur, die Vergangenheit wachzuhalten, sondern auch, im Heute Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam eine offene, solidarische und demokratische Zukunft zu gestalten“, schreiben die Marburger Kulturschaffenden, die sich an der diesjährigen Zettelkästen-Aktion beteiligen.

Die Aktionen

ACTeasy e. V.
„Wege zum Gedenken“

Ein Walking Act der Gruppe ACTeasy soll am 6. November an die Vergangenheit erinnern – und auffordern, Verantwortung zu übernehmen und konsequent zu handeln: „Damit es nie wieder passiert, müssen wir uns gemeinsam auf den Weg machen.“
Die Aktion findet am Freitag, 6. November ab 11 Uhr im Rahmen dreier verschiedener Routen statt: vom Marktplatz zum Garten des Gedenkens, vom Kaffekästchen zum Garten des Gedenkens und von der Engen Gasse zum Garten des Gedenkens.

Café Trauma
„Die Feuerprobe“

Im Café Trauma wird am 5. und 10. November die Dokumentation „Die Feuerprobe – Novemberpogrom 1938“ von Erwin und Vera Leiser gezeigt. Erwin Leiser war 1938 15 Jahre alt und erlebte die sogenannte „Reichskristallnacht“ in der Nacht vom 9. auf den 10. November in Berlin mit, bevor er Anfang 1939 nach Schweden flüchten konnte. Der Dokumentarfilm verbindet seltene historische Aufnahmen des Pogroms mit Schilderungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.
Termine: 5.11. & 10.11. jeweils 19 Uhr, Café Trauma

JPG, Maryam und Xin
„Drei Kulturen. Viele Welten. Eine gemeinsame Verantwortung.“

„Die Geschichte der NS-Zeit ist nicht vorbei, nur weil sie vergangen ist. Was bedeutet Erinnern, wenn Antisemitismus und Diskriminierung auch heute noch Realität sind? Und welche Zukunft schaffen wir, wenn wir wegsehen?“
Xin Z., Maryam A. und JPG begegnen diesen Fragen mit politischer Kunst. Ihre Arbeiten machen Schmerz sichtbar, geben Ausgrenzung eine Stimme.
Vom 9.11. bis 28.11. werden im Schaufenster der Galerie JPG die Originale der Installation im Garten des Gedenkens gezeigt. Von hier aus gibt es auch die Einladung zu einem Stadtrundgang, – als Einladung zum innezuhalten und zu hinterfragen, welche Verantwortung wir heute tragen und welche Zukunft wir gemeinsam gestalten wollen.

KunstWerkStatt
„Ein Raum für alle“

Zum Gedenken an die Verfolgung, Ermordung und Vernichtung von jüdischen Mitbürgerinnen und -bürgern die durch die Nationalsozialisten hatte die KunstWerkStatt am 23. Oktober alle Bürgerinnen und Bürger zur Kunstaktion in ihre Räume eingeladen. Dort wurde ein Kunstwerk für die Zettelkästen gestaltet.

Arbeitskreis Landsynagoge Roth
„Niemals schweigen oder gleichgültig bleiben!“

Der Arbeitskreis Landsynagoge Roth hat für die Zettelkästen ein Zitat von Herbert Roth (1923–2015) ausgewählt. Er wuchs in Roth auf und erlebte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten bittere Ausgrenzung durch seine Freunde. Sein Vater wurde zu Unrecht eines Wirtschaftsvergehens beschuldigt, dadurch brach das Geschäft der Familie zusammen. Im Sommer 1938 konnte sie in die USA emigrieren.
Aus dieser Erfahrung heraus mahnt Herbert Roth eindringlich, niemals zu schweigen oder gleichgültig zu bleiben, wenn Hass und Diskriminierung gelehrt, gerechtfertigt oder gefördert werden.
Termin: Am Samstag, 7.11., von 11–14 Uhr erzählt der Arbeitskreis auf dem Heumarkt von der Biographie des Holocaust-Überlebenden Herbert Roth.

Michael Knoll
„Judentum ist lebendig“

Judentum wird gelebt – in unserem Land und hier in unserer Stadt. Künstler Michael Knoll zeigt dies in seiner Fotoausstellung in der ehemaligen Synagoge in Wetter.
Öffnungszeiten: Sa 7.11.–So 15.11. jeweils 15–17 Uhr, ehemalige Synagoge Wetter

Theater neben dem Turm (TNT)
„Spurenlegung“

Innerhalb von knapp neun Monaten, zwischen dem 8. Dezember 1941 und dem 6. September 1942 wurden alle noch in Marburg und dem Landkreis Marburg lebenden Jüdinnen und Juden in Ghettos und Vernichtungslager im Osten deportiert. Die Transporte führten zuerst in das Sammellager in Kassel und von dort im Dezember 1941 nach Riga, im Juni 1942 nach Lublin und Sobibor und im September 1942 nach Theresienstadt.
Das Theater neben dem Turm (TNT) versucht, den Spuren einzelner Menschen nachzugehen.
Orte und Zeiten:
Sa.7.11. 12–15 Uhr, Bahnhofsvorplatz
So 8.11. 9.30–12 Uhr, Vorplatz Elisabethkirche
Mo 9.11. 10–13 Uhr, Universitätsstraße, gegenüber dem „Garten des Gedenkens“

pe/kro

Bild mit freundlicher Genehmigung von Georg Kronenberg