Symposium des Marburger Circusarchivs am Samstag, dem 14. Februar von 10 bis 16 Uhr in der Ketzerbach 21 1/2.
Während der NS-Zeit war der Circus sowohl ein Schutzraum für Verfolgte als auch ein Ort der Kollaboration. „Circus im Nationalsozialismus“ ist das Thema eines öffentlichen Symposiums, das am Samstag, 14. Februar,in den Räumen des Circus-, Variété-und Artistenarchivs in der Ketzerbach 21 1/2stattfindet. Anlässlich derTagung, die sich an alle Interessierten richtet, öffnet das Archiv am Samstag in der Zeit von 10 bis 16 Uhr ausnahmsweise für öffentliche Führungen ohne Anmeldung. Zeitgleich ist die Ausstellung mit dem Titel „Kosmopolitische Schutzräume. Zirkus als multikultureller Raum und Zufluchtsort für vulnerable Gruppen“ zu sehen.

Eigentlich sind Circusse ziemlich international. Während der NS-Zeit erlebten sie Gleichschaltung und Verfolgung.
Veranstalter ist die Kulturhistorische Gesellschaft für Circus-und Variétékunst, die zugleich der Träger des Marburger Circusarchivs in der Ketzerbach ist. Der 2006 verstorbene Rudolf Geller hat das außergewöhnliche Archiv vor mehr als 30 Jahren gemeinsam mit seiner Ehefrau Lieselotte aufgebaut. Der Gewerkschaftsfunktionär war nämlich so fasziniert von den Artist*innen, dass er Jahrzehnte lang Tourneeverträge, Künstleralben und Fotos zum Thema sammelte. Biographisch geordnet finden sich 73.000 Fotos sowie Dokumente zu mehr als 22.500 Künstler*innen sowie Unternehmen. Dazu kommen etwa 1000 Plakate, 6000 Programme und eine kleine Fachbibliothek mit nationalen und internationalen Fachzeitschaften. Dadurch ist die Sammlung eine hervorragende Quelle für Forschende, berichtet der Vorsitzende des Trägervereins, Florian Fuchs. Auch für das Thema „Circus im Nationalsozialismus“ reisten einige Wissenschaftler*innen nach Marburg. Während des Symposiums, das am 14. Februar um 10 Uhr eröffnet wird, kommt sogar der Skandinavist Malte Gasche von der Universität Helsinki, der Finnlands Vertreter im Komitee zum Genozid an den Roma war. Er wird gemeinsam mit Martin Holler (Berlin) den Eröffnungsvortrag halten und die Ausstellung zur Zirkusgeschichte mit einem „Making of“ vorstellen. Im Anschluss werden Forschende aus Berlin, Tübingen, Helsinki und Braunschweig über Gleichschaltung, Verfolgung und Anpassung, Überlebensstrategien, Fluchtwege und Solidarität im Zirkusmilieu, den Zirkus Sarrasani während der NS-Zeit, eine Jugend im Schutzraum des Zirkus und den Circusdirektor Emil Wacker referieren. Die Tagung endet mit einer Podiumsdiskussion, die um 15.15Uhr beginnt.
„Wir wollen möglichst viele Aspekte zeigen“, erläutert Florian Fuchs: „Es gab Solidarität, aber auch Verrat, Denunziation und Propaganda.“ Die Ausstellung zeigt, wie Gleichschaltung und „Arisierung“ die Circuswelt veränderten und wie die Circus-Unternehmen damit umgingen. So bekamen große, kooperationsbereite Circusse wie Sarrasani, Krone oder Hagenbeck finanzielle Hilfen von der NS-Regierung. Die Teilnahme von Juden und „Negern“ wurde untersagt. Sarrasani gab Gratis-Vorstellungen für die SA und zählte sich zu den „treuen Kämpfern Adolf Hitlers“. Der Circus Krone stellte seinen Saalbau bereits vor 1933 für NS-Kundgebungen zur Verfügung. Während des Zweiten Weltkrieges erfüllten sie die „große vaterländische Aufgabe der Artistik“. Der zweite Teil der Ausstellung widmet sich der Verfolgung und Vernichtung von jüdischen Artist*innen. Erstes Opfer der Verfolgung wurde der Circus Strassburger, der einer jüdischen Familie gehörte. Die Strassburgers mussten weit unter Wert verkaufen und gingen ins Exil. Die meisten Mitglieder der weit verzweigten, jüdischen Dressurreiter-Familie Blumenfeld wurden im KZ ermordet. Allerdings boten manche Circusse auch einen Schutzraum für verfolgte Artist*innen. So wird das Schicksal der Familie von Irene Bento geschildert, die von 1943 bis 1945 versteckt beim Circus Adolf Althoff überlebte.

Die frühere Archiv-Mitarbeiterin Tanja Zobeley mit der singenden Säge des Musical-Clowns Fypsilon.
Das Marburger Archiv, das am Samstag in der Zeit von 10 bis 16 Uhr öffnet, zeigt auch zahlreiche Requisiten von Akrobat*innen, Zirkusmusiker*innen, Komiker*innen und Zauber*innen. Da ist der weiße Flügel von Fypsilon, der auf der Bühne unzählige Male explodierte. Der Musical-Clown flog dann mit einem Salto von dem Instrument herunter, das heute keinen Ton mehr von sich gibt. Doch die singende Säge ließe sich noch immer mit Fypsilons kleinem Geigenbogen spielen. Und der Bass verbirgt bis heute eine Schnapsflasche in seinem Bauch. Im Archiv stehen auch die Requisiten von Togare, dem „Herrn der Tiger“, der mit glitzernden Kostümen, großen Ohrringen, Säbel und Peitsche viele Jahre beim Circus Krone war. Dazu gibt es die Büste des berühmten Clowns Grock sowie Kostüm und Puppe des Bauchredners Charly. Den Besucher*innen enthüllt sich auch, wie Clown Galetti in seinen überdimensionalen Quadratlatschen auf der Bühne gehen konnte – in den Schuhen steckte noch ein kleineres Paar.
Das Marburger Circusarchiv in der Ketzerbach 21 ½, öffnet sich am 14. Februar für alle Interessierten. Es werden aber auch abseits der Tagung Führungen auf Anfrage angeboten. Interessierte können sich an info@artistenarchiv-marburg.de (Tel. 0160-7232635) wenden. Weitere Informationen unter www.artistenarchiv-marburg.de
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