Protest mit Demo, Petition und offenem Brief.
Die „Kleinen Strolche“ im Marburger Waldtal trifft es besonders hart. 80 Prozent der Kleinen kommen ursprünglich Syrien, der Ukraine, Afghanistan oder afrikanischen Ländern. Sie haben eine andere Muttersprache, bringen andere Kulturen und Erziehungsstile mit. Deswegen hatten die Strolche aus der Kita des „Arbeitskreises soziale Brennpunkte Marburg“ (AKSB) in der Vergangenheit bessere Bedingungen und mehr Personal als andere Marburger Kitas: „Das kann man mit den Kindern aus dem Südviertel oder Cappel nicht vergleichen“, sagt AKSB-Geschäftsführerin Luitgard Lemmer. Doch auch sie müssen in Zukunft mit dem gesetzlichen Standard zurechtkommen. Von den 14 Vollzeitstellen, die sich auf 25 Erzieherinnen und Erzieher verteilen, müssen vier Stellen eingespart werden. Und dabei ist ohnehin schon klar, dass die zusätzliche Sprachfachkraft, die vom Land finanziert wurde, auch zum Ende des Jahres gehen muss. Feste Gruppen wird es daher nicht mehr geben, befristete Stellen auslaufen: „Die Kinder baden es aus“, sagt Luitgard Lemmer. Dabei trage die Investition in kleine Kinder die meisten Früchte.
In Marburg werden 2700 Kinder in den rund 60 Kitas und Krippen betreut. Mehr als die Hälfte gehen in die Kindertagesstätten von freien Trägern wie dem AKSB, den Kirchen, dem Eltern-Kind-Verein, dem Studierendenwerk, der Blindenstudienanstalt, der Freien Schule oder in die Waldkindergärten. Sie treffen die Kürzungen ebenso wie die städtischen Einrichtungen.
Dennoch nennen sie die Sparmaßnahmen in ihrem offenen Brief an das Marburger Stadtparlament „maßvoll und nicht völlig abwegig“. Dass sich der Personalabbau nicht auf die Qualität der Betreuung auswirkt, glaubt allerdings auch keiner der Beteiligten. Der Magistratsbeschluss zwinge die Träger, innerhalb der kommenden sechs bis zwölf Monate mindestens zehn Prozent des pädagogischen Personals einzusparen. Sie warnen vor „deutlichen Einschränkungen bei den Betreuungszeiten“. In Zukunft sei mit eingeschränkten Randzeiten und temporären Gruppenschließungen zu rechnen. Zudem bedeute weniger Personal zwangsläufig weniger Zeit für individuelle Förderung. „Wir sehen uns mit politischen Vorgaben und Rahmenbedingungen konfrontiert, die die erfolgreiche Arbeit vergangener Jahre erheblich beeinträchtigen werden“, schreiben sie. Das sei weder im Interesse der Familien noch der Marburger Unternehmen.
Beim Gesamtverband der evangelischen Kirchen, dem mit elf Kitas größten freien Träger in Marburg, müssen von den 110 Vollzeitstellen zehn bis elf Stellen eingespart werden. Vorstandsvorsitzender Ralf Hartmann hofft, dass dies durch auslaufende Jobs, Renteneintritt und Stellenwechsel möglich ist. „Man kann aber nicht sicher sein, dass das funktioniert“, sagt der Pfarrer. Dann müsse betriebsbedingt gekündigt werden. Und für kleine Einrichtungen mit wenigen Gruppen – etwa die Waldkindergärten – sei dies noch schwieriger, weiß er aus den Gesprächen mit den Kolleginnen und Kollegen.
Kita-Beauftragte Birte Schlesselmann berichtet vom hohen Krankenstand unter den Beschäftigten. Nach einer bundesweiten Studie von DAK und Bertelsmann-Stiftung sind sie mit durchschnittlich 30 Tagen im Jahr doppelt so oft arbeitsunfähig wie andere Berufsgruppen. Das liegt an der Konfrontation mit all den Keimen, die Kinder mit in die Kita bringen, der hohen Arbeitsbelastung, steigenden Ansprüchen und an der zunehmenden psychischen Belastung. Für Marburg gibt es keine Sonderauswertung, aber auch in der Universitätsstadt bringen Krankheitsfälle die Kitas bereits jetzt regelmäßig an die Grenzen. Arbeitende Eltern bringen ihre Kinder meist notgedrungen immer öfter auch krank in die Kita. Wenn eine Mitarbeiterin erkranke, versuche die zweite, dies auszugleichen und werde dann ganz schnell auch krank – „ein Teufelskreis“, sagt Schlesselmann: „In allen Einrichtungen passiert es, dass deswegen früher geschlossen werden muss.“ Dass die Randzeiten unter den zukünftigen Bedingungen gehalten werden können, glaubt sie nicht. „Den Nachteil haben die Eltern, die ihre Kinder früher abholen müssen und mehr belastet werden“, ergänzt Pfarrer Hartmann.
Noch drastischer klang dies bei der Kita-Demo, bei der rund 400 Kinder und Erwachsene auf die Straße gingen. Befürchtet wird, dass die Kleinen nur noch „aufbewahrt“ werden. Der Elternbeirat der Kita Ockershausen hat deshalb eine Petition gestartet.
„Bestürzt“ äußerte sich Marylin Prange vom Kreisvorstand der Bildungsgewerkschaft GEW: „Das bedeutet letztendlich, dass frühkindliche Förderung noch mehr auf der Strecke bleibt.“ Dabei kämen bereits viele Kinder mit Defiziten in den Grundschulen an, die ausgeglichen werden müssten.
Erwartet werden allerdings noch mehr Veränderungen: Weil die Marburger Eltern seit April erstmals wieder Geld für die Nachmittagsbetreuung zahlen müssen – Ausnahme sind Sozialhilfe- und Wohngeldempfänger -, geht die Stadtverwaltung davon aus, dass mehr Kinder nur für den kostenfreien Vormittag angemeldet werden. In der Folge wird der Bedarf geringer. Dann könnten die Kitas in Marburg so umorganisiert werden, dass einige Einrichtungen ganztags geöffnet sind, andere auf kürzere Öffnungszeiten setzen.
Gesa Coordes



