Altorientalist Nils-P. Heeßel lockt Studierende auf neue Wege.

Ob der berühmte französische Denker Michel Foucault (1926-1984) gewandert ist, weiß man nicht so genau. Der Marburger Altorientalist Prof. Nils-P. Heeßel möchte die Bewegung in der Natur jedenfalls dazu nutzen, um die Geister seiner Studierenden auf eine neue Art und Weise anzuregen: Zum Sommersemester bietet er ein Wanderseminar zu zentralen kulturwissenschaftlichen Theorien an: „Beim Laufen ist man viel mehr bei der Sache, als wenn man mit der Mittagsmüdigkeit im Seminar sitzt und auf eine Power-Point-Präsentation schaut“, sagt Heeßel. Dabei geht es ihm um Kulturgeschichte für Altertumswissenschaftler und „Theorien, die man kennen sollte“. Das ist nämlich das Ziel: Noch mehr Freude und Interesse an der Lektüre von Denkern wie Max Weber, Èmile Durkheim, Claude Lévi-Strauss, Judith Butler oder Jan Assmann zu wecken. 

Dafür sind die Studierenden jeden Donnerstagnachmittag vier Stunden draußen: Los geht’s am 16. April um 14 Uhr vor dem Institutsgebäude am Firmaneiplatz. Nach dem Anstieg am Michelchen vorbei legt Nils-Peter Heeßel schon an der Augustenruhe den ersten Stopp ein. Dort hält der Altorientalist ein Impulsreferat über Michel Foucaults „Ordnung des Diskurses“. Es geht um die Grundfrage, was Wissenschaft überhaupt ist. Was ist ein wissenschaftliches Argument im Vergleich zu einer bloßen Behauptung? Warum ist Foucault wichtig? Zugleich lernen die Studierenden die Marburger Umgebung kennen. An der Augustenruhe haben sie nämlich nicht nur einen großartigen Blick auf das Landgrafenschloss und die Elisabethkirche. Beim Entziffern der Inschrift an dem Obelisken erfahren sie auch, wem das verwitterte Denkmal gewidmet ist: Der preußischen Kurfürstin Auguste, die am 14. Mai 1814 zu Besuch in Marburg war. Die Tochter von König Friedrich Wilhelm II. hatte nämlich auch die „reizende Umgebung Marburgs in Augenschein“ genommen. 

Unterdessen werden sich die Studierenden in Zweier- und Dreier-Grüppchen zusammenfinden, um über Foucaults Theorien nachzudenken. Dazu gibt es Texte und Aufgaben vor Ort, die auf den Wegen am Behring-Mausoleum vorbei tiefer diskutiert und verstanden werden sollen, bevor es in weitem Bogen zurück zum Ausgangspunkt geht. An den folgenden Terminen spazieren die Studierenden mal auf die Lahnberge, mal durch Ockershausen oder an der Lahn entlang. Die Impuls-Referate halten sie dann selbst. 

Das Seminar richtet sich an Studierende der Altorientalistik, sowohl im Bachelor als auch im Master. Sie sollen die Theorien – etwa Max Webers „Wirtschaft und Gesellschaft“ oder Jan Assmanns „Kulturelles Gedächtnis“ – auf historische Beispiele und antike Quellen anwenden. „Ich möchte die Leute begeistern und zum Weiterdenken anregen“, so Heeßel. Mitschreiben geht freilich nur in den Pausen. Der wandernde Wissenschaftler empfiehlt Stichpunkte auf Karteikarten und das Aufsprechen auf dem Handy. 

Nils-P. Heeßel selbst geht regelmäßig wandern. Wobei Wege wie der vom Institut zu seinem Wohnort auf den Wehrdaer Höhen für ihn nur Spaziergänge sind. Wandern bedeutet für den Altorientalisten, mindestens 20, am liebsten 30 bis 40 Kilometer unterwegs zu sein, gern auch Strecken wie die von Frankenberg nach Marburg. Er schwärmt vom Hugenotten- und Waldenserpfad, der quer durchs Marburger Land führt. Unterwegs rastet er an malerischen Plätzen, um in den Büchern der großen Denker zu lesen. Wandertouren seien aber auch das beste Mittel gegen Ärger und Frust: „Dann hat man wieder eine neue Perspektive und einen neuen Blickwinkel“, sagt der Altertumswissenschaftler, der Keilschrift, akkadisch und sumerisch lesen kann. Seit acht Jahren lehrt er in Marburg. Derzeit forscht er über die Inszenierung religiöser Atmosphäre in antiken Kulturen. 

Auf die Idee mit dem Wanderseminar hat ihn aber auch die alljährliche Wanderung seines Fachbereichs gebracht. Jedes Jahr im Sommersemester brechen Forschende und Angestellte der fremdsprachlichen Philologien auf, um sich bei einer gemeinsamen Wandertour auszutauschen und natürlich einzukehren: „Man lernt die Kolleginnen und Kollegen auf eine ganz andere Weise kennen“, sagt Heeßel. Zudem wachse man als Gemeinschaft zusammen. Wenn sein Seminar gut läuft, möchte er es im nächsten Jahr wiederholen. 

Gesa Coordes

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Gesa Coordes und Georg Kronenberg | Marbuch Verlag GmbH