Report verzeichnet besonders viele antisemitische Vorfälle in Marburg.
Tatort Marburg: „Killing Israelis is not a crime“ stand auf der Parkbank am Lahnufer. Auch an einer Bushaltestelle, auf einer Litfasssäule, vor einem Uni-Institut und auf einem Stromkasten tauchten Mordaufrufe und Schmähungen auf: „Kill all Zionists“, „Kill Jews“, „Hunt Israelis. I will find you“ gefolgt von einem zwinkernden Smiley war da etwa zu lesen. Wochenlang blieben die Schriftzüge stehen, bis sie – oftmals zunächst nur mit Edding – übermalt wurden. Die Schmierereien gehören zu den antisemitischen Vorfällen, die 2025 von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) registriert wurden. Danach war Marburg die Stadt mit den zweitmeisten Vorfällen in Hessen. Nur in Frankfurt wurden noch mehr Vorkommnisse dieser Art erfasst. „Vor allem in Universitätsstädten mit sichtbaren und starken jüdischen Gemeinden passiert viel“, erklärt Rias-Projektleiterin Susanne Urban vom in Marburg ansässigen Demokratiezentrum Hessen.
Durchschnittlich drei Vorfälle pro Tag
Der kürzlich vorgestellte Rias-Bericht für 2025 dokumentiert einen erneuten Anstieg der antisemitischen Vorfälle in Hessen. Die Zahl kletterte um 18 Prozent auf 1100 Vorkommnisse. Dahinter verbergen sich körperliche Angriffe, Drohungen, Beleidigungen, Hassparolen, Hetze und Sachbeschädigungen gegen Jüdinnen und Juden sowie jüdische Einrichtungen – durchschnittlich drei Vorfälle pro Tag. Steigerungen gab es vor allem rund um Synagogen, im öffentlichen Nahverkehr, im Wohnumfeld sowie in Schulen und Universitäten.
„Antisemitismus etabliert sich quantitativ auf hohem Niveau und wird dadurch normalisiert“, sagt Susanne Urban. Allein in Marburg wurden 104 Vorfälle gemeldet – also etwa jeden dritten Tag einer. Die am Demokratiezentrum angesiedelte Recherche- und Informationsstelle unterstützt Betroffene antisemitischer Vorfälle. Zudem dokumentiert und analysiert sie Entwicklungen in Hessen.

In Marburg gibt es vor allem eine wachsende Zahl von Vorfällen rund um die Universität, wo es Schmierereien, Vorfälle im Lehrbetrieb und Ausgrenzung gebe: „Jüdinnen und Juden erleben die Uni nicht mehr als sicheren Raum“, sagt Urban, die auch Antisemitismus-Beauftragte der Philipps-Universität ist. Aber auch auf Schulhöfen gebe es Anfeindungen.
Viele trauten sich nicht mehr, sich in der Öffentlichkeit als Juden zu erkennen zu geben. Ausgrenzung sei häufig. Die Informationsstelle beobachtet rasant ansteigenden Antisemitismus – sowohl von rechts als auch von links – vor allem seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023.
Nach Einschätzung der Jüdischen Gemeinde in Marburg begann dies allerdings schon 2019 – nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle. Dort hatte ein rechtsextremer Täter an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, zwei Menschen ermordet. Die Gläubigen in der Synagoge überlebten nur dank der massiven Eingangstür.
Judentum nur hinter dicken Mauern
Seitdem hat auch die Jüdische Gemeinde Marburgs ihre Sicherheitsvorkehrungen immer weiter verschärft, obwohl sie das nie wollte. Thorsten Schmermund vom jüdischen Gemeinderat macht dies traurig: „Wir wollten eigentlich weiter ein offenes Haus haben.“ Doch inzwischen haben auch sie einen Sicherheitsdienst. Wer die Synagoge betritt, kann nicht mehr – wie früher – einfach hineingehen, sondern durchläuft eine Schleuse. Gelegentlich gibt es sogar Taschenkontrollen. Die Fenster lassen sich nicht mehr öffnen und durchblicken, weil sie durch Milchglas ersetzt wurden, das kein Stein durchschlagen kann. Für frische Luft muss nun eine Lüftungsanlage sorgen. Enge Zusammenarbeit mit Polizei und Staatsschutz gehört zum Alltag. Wenn Schmermund Politiker reden hört, die betonen, dass die Juden zu Deutschland gehörten, sagt er: „Ja, das Judentum gehört zu Deutschland, aber hinter dicken Mauern und dicken Sicherheitsvorkehrungen.“
Es gab auch Angriffe gegen die Marburger Synagoge: Verwüstete Blumentöpfe, Tritte gegen die Türen und Sprüche auf der Treppe zeugen davon. Aber auch die Vorfälle aus den Nachbargemeinden beunruhigen die Menschen in der Gemeinde. Dazu gehört der Überfall auf einen Juden, der eine Israel-Fahne auf seinem Balkon in Gießen aufgehängt hatte und in seiner Wohnung attackiert wurde, oder der Angriff auf einen Rabbiner, der zusammen mit seinen Kindern in einem Supermarkt bei Bad Homburg einkaufen wollte.

„Ich bin früher viel sorgenfreier durch die Stadt gelaufen“, erzählt Thorsten Schmermund. Schalom-T-Shirts und Kippa trägt er heute nur noch selten offen. So wie ihm geht es vielen Jüdinnen und Juden, berichtet Susanne Urban: „Mit jedem Vorfall wird der Raum für jüdische Betroffene kleiner.“
Auch wenn bei den Schmähungen oft „nur“ von Israelis oder Zionisten die Rede ist, sei dies in der Regel ein Synonym für Juden, berichten beide. Und Rias zitiert in seinem Bericht den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinden Hessens, Daniel Neumann, der fragt: „Warum setzt das Denken aus, wenn es um Juden oder Israel geht?“ Er geht davon aus, dass die Botschaften auf fruchtbaren Boden fallen, „weil sie ein kulturelles Gedächtnis anzapfen, das über Jahrhunderte mit Vorurteilen, Ablehnung und Hass gespeist wurde. Weil dadurch eine komplexe und vielschichtige Wirklichkeit in ein simples Schema von Gut und Böse mit festgelegten Rollen gepresst wird.“
Wie vielschichtig dies ist, zeigt sich auch in Marburg. So hat die Jüdische Gemeinde Marburgs bis heute eine gute Beziehung zur Muslimischen Gemeinde der Universitätsstadt. Jedes Jahr treffen sie sich beim Ramadanfest. Umgekehrt kommen Muslime zu den hohen Festen in die Synagoge. Das Verhältnis sei gut geblieben, auch wenn dies angesichts der Weltlage nicht einfacher geworden sei, so Schmermund. Auch die Feindlichkeit gegen Muslime – Stichwort Bombendrohung während des Zuckerfests 2023 in Marburg – wachse. Und er warnt: „Mit den Juden hört es nicht auf.“
Gesa Coordes
Der vollständige Report ist online unter https://rias-hessen.de/report/jahresbericht-rias-hessen-2025/ zu finden.

