Demokratiezentrum geht in Schulen und Rathäuser.
Von Jahr zu Jahr berät das Demokratiezentrum Hessen an der Marburger Philipps-Universität immer mehr Schulen, Vereine und Kommunen, die gegen Rechtsextremismus vorgehen wollen. Hessenweit registrierte das Zentrum im vergangenen Jahr 302 Fälle, davon allein 28 im Kreis Marburg-Biedenkopf.
Hitlergrüße am Lagerfeuer, Hasstiraden im Internet, rechtsextreme Musik auf dem Sportplatz und Drohbriefe gegen Kommunalpolitikerinnen und Politiker: Die Beratenden aus dem Demokratiezentrum Hessen reisen in Dörfer, Schulen und Rathäuser, zu Sportvereinen, Familien und Opfern, wenn Migranten angepöbelt, Linke zusammengeschlagen oder rechte Parolen gegrölt werden.
Beispiel Hakenkreuze auf dem Schulhof: Manchmal stecken nur Jugendliche dahinter, die gern provozieren. Doch auch, wenn die Täter im Dunkeln bleiben, sei es „wichtig, die Symbole nicht einfach zu übertünchen, sondern darüber zu sprechen“, sagt die stellvertretende Leiterin des Demokratiezentrums, Tina Dürr. Die Berater prüfen, ob es eine rechtsextreme Szene in oder im Umfeld der Schule gibt, erklären Lehrkräften, wie sie das Thema ansprechen können und vermitteln Workshops für die Schulen.
Die steigende Zahl der Beratungsfälle im Kreis Marburg-Biedenkopf hält der Leiter des Demokratiezentrums, Reiner Becker, für ein „deutliches Warnsignal“, auch wenn sie zum Teil mit der größeren Sensibilität für das Thema zu erklären sei. Um die Betroffenen zu schützen, schildert die Einrichtung keine konkreten Fälle. Becker stellt jedoch fest, „dass rechtsextreme, rassistische und demokratiefeindliche Haltungen zunehmend auch jüngere Bevölkerungsgruppen erreichen“. Es gebe mehr Anfragen aus Schulen, inzwischen sogar aus Grundschulen. Lehrkräfte berichteten vermehrt von Jugendlichen mit offen rechtsextremen Äußerungen, die Dinge sagten, die früher zumindest nicht ausgesprochen worden seien.
Immerhin sei Marburg eine Stadt, in der sich neben Kommunalpolitik und Verwaltung zahlreiche Menschen gegen Rechtsextremismus einsetzen, berichtet Tina Dürr: „Hier läuft vieles richtig.“ Allerdings gebe es auch in der Universitätsstadt rechtsextreme Burschenschaften und Anhänger der Identitären Bewegung.
2007 wurde das Demokratiezentrum in Marburg gegründet, das bundesweit einzige, das an einer Universität angesiedelt ist. Während die Beratung in Mittelhessen von den Marburger Fachleuten organisiert wird, gibt es in Süd-, Ost- und Nordhessen Regionalstellen mit eigenen Teams. Beraten werden nicht nur Einrichtungen, sondern auch Privatleute, die sich Sorgen um die rechtsextremen Einstellungen von Kindern oder Verwandten machen. Hilfe gibt es natürlich auch für die Opfer von rassistischen und rechtsextremen Angriffen. So unterstützen die Teams Überlebende und Angehörige der Opfer des Anschlags von Hanau, wo ein rechtsextremer Attentäter neun Menschen mit Migrationshintergrund erschoss.
Ein eigenes Forschungsprojekt gibt es zu den zunehmenden Angriffen auf Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker. Dazu zählt zum Beispiel eine mittelhessische Bürgermeisterin, die wegen ihres offenen Einsatzes für Geflüchtete im Internet angepöbelt und in Briefen bedroht wurde. Sie so zu stärken, dass sie ihre Arbeit fortsetzen kann, gehört zu den Aufgaben der Berater. In diesem Fall bestand die Unterstützung vor allem im Knüpfen eines Netzes von Menschen, die sich öffentlich hinter die Bürgermeisterin stellten.
Die Beratungsteams bestehen aus Pädagogen, Sozialwissenschaftlern oder Psychologen, die eine Zusatzausbildung gemacht haben. Sie bieten sogenannte „systemische Beratung“ an, betrachten also auch das Umfeld ihrer Fälle, um den Ratsuchenden möglichst dauerhaft zu helfen. Der Bedarf an diesen Fachkräften ist hoch. Deswegen hat das Zentrum einen deutschlandweit einzigartigen berufsbegleitenden Masterstudiengang entwickelt, der 2022 startete. Seitdem kommen Sozialwissenschaftler aus ganz Deutschland, um sich wissenschaftlich fundiert zu Beratern gegen Rechtsextremismus weiterzubilden.
Das Demokratiezentrum hat auch die Stadt Marburg schon mehrfach beraten und unterstützt. Unter anderem beim Aufbau des Netzwerks für Demokratie und gegen Rechtsextremismus, dem inzwischen rund 800 Menschen beigetreten sind. Neben möglichst vielen Perspektiven sei es wichtig, nicht nur gegen Rechtsextremismus zu agieren, sondern auch ein positives Ziel – „für Demokratie“ – zu benennen, erläutert Dürr. Und entscheidend ist natürlich, dass die Initiative auch von der Stadtspitze mitgetragen wird: „Marburg ist eine Stadt, in der sich die Kommune klar positioniert. Das ist nicht überall selbstverständlich.“
Beratung
Wer beraten werden möchte, kann sich unter www.beratungsnetzwerk-hessen.de, Telefon 06421/2821110, an das Demokratiezentrum wenden.
Dort gibt es auch eine Podcast-Reihe, die etwa zu den Themen Reichsbürger, rechtspopulistische Sprache, rechter Terror in Hessen sowie Hass im Netz informiert. Die Beratungen sind kostenlos und vertraulich.
Gesa Coordes

