Im Hitze-Check der Deutschen Umwelthilfe hat Marburg in der Gesamtwertung eine „gelbe Karte“ bekommen.
Kritisch beurteilt die Umwelt-Organisation vor allem den „Versiegelungstrend“ für die Zeit von 2018 bis 2025. Dennoch ist die Universitätsstadt besser für Hitzewellen gerüstet als die anderen hessischen Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern. Beim „Hitzebetroffenheitsindex“ hat Marburg im aktuellen Ranking eine grüne Karte – als einzige Stadt in Hessen. Damit hat die Universitätsstadt ihren Spitzenplatz in Hessen behaupten können.
Allerdings fordert die Deutsche Umwelthilfe ebenso wie der BUND und der Nabu einen strikten Stopp der Neuversiegelung. Und Marburg liegt mit einem Wert von plus 0,59 Prozent innerhalb der vergangenen sieben Jahre im oberen, unvorteilhaften Bereich deutscher Städte. Erhoben wurden die Daten mithilfe von Satelliten-Bildern, die das europäische Erdbeobachtungsprogramm Copernicus liefert. Walter Gruber, Sprecher des BUND in Marburg, vermutet, dass hinter den neuen Beton- und Asphaltflächen vor allem die Neubauten am Pharmastandort sowie die neuen Uni-Gebäude stecken. Am Görzhäuser Hof wurden etwa das bald leer stehende Forschungszentrum von CSL und eine sechsstöckige Anlage zur Basisfraktionierung errichtet.
Die Hochschule hat vor allem auf den Lahnbergen massiv gebaut, um den Campus zu modernisieren und Platz für neue Forschungsschwerpunkte zu schaffen. Neu errichtet wurden der Forschungsbau für Synthetische Mikrobiologie, das Institut für Anatomie und Zytologie sowie Straßen, Wege und ein vergrößertes Parkhaus. In der City entstanden die neue Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Ortenberg sowie der Campus Firmanei, zu dem die neue Universitätsbibliothek am Alten Botanischen Garten gehört.
Aber auch im gesamten Stadtgebiet wurden Baulücken, kleinere Freiflächen und Innenhöfe für den Wohnungsbau genutzt. So baute die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewobau Mehrfamilienhäuser und Reihenhäuser in der Nordstadt, im Stadtwald, in Michelbach und Wehrda, die vor allem Menschen mit wenig Geld zugutekommen. Fertig gestellt wurden zudem Häuser in Michelbach-Nord, Wehrda, auf dem Gelände der Vitos-Klinik und an der Neuen Kasseler Straße. Dazu kommen noch private Maßnahmen wie Schottergärten, Carports und Parkplätze, bedauert Gruber. Mit dem Projekt „Abpflastern“ wurden zwar Asphaltflächen am Pilgrimstein und im Innenhof des Gymnasiums Philippinum in Grünflächen umgewandelt, die Wirkungen des Gegentrends sind aber noch sehr überschaubar.
Für den Hitze-Check wurde auch der sogenannte „Beschirmungsgrad“ gemessen. Er ist ein Maß dafür, wie viel Schatten Bäume spenden. Erfasst werden dabei Bäume, die mindestens 2,50 Meter hoch sind. „Dank hochaufgelöster Satellitendaten können wir den Baumbestand in Städten flächendeckend abschätzen“, erläutert Annett Frick vom Umweltmonitoring-Unternehmen LUP, einem Partner der Umwelthilfe: „Diese Informationen zeigen, wo Bäume bereits wirksam zur Kühlen beitragen.“ In Marburg sind 26,96 Prozent des Bodens durch Baumkronen verdeckt. Damit ist die Universitätsstadt Spitzenreiter in Hessen – die Nachbarstadt Gießen kommt nur auf einen Beschirmungsgrad von 21,87 Prozent, Fulda liegt bei 19,15 Prozent. BUND-Sprecher Gruber erklärt den stabilen Baumbestand damit, dass Marburg keine Industriestadt ist und dass Umweltgruppen um jeden Baum kämpfen. Allerdings fordert die Umwelthilfe einen Beschirmungsgrad von mindestens 30 Prozent, was bundesweit nur sieben Städte schaffen – etwa Kiel, Berlin und Oldenburg.
Besser als alle anderen hessischen Städte steht Marburg auch beim Baumverlust da. In den vergangenen sieben Jahren verschwanden 1750 Stadtbäume. In Gießen waren es mehr als 2500 Bäume, in Darmstadt 4550. Dabei wurden Neupflanzungen nur dann berücksichtigt, wenn sie den Verlust der Baumkrone am gleichen Standort ausgleichen.
Das dürfte einer der Gründe sein, warum Marburg als einzige hessische Stadt mit mehr als 50.000 Einwohnern eine „grüne Karte“ beim sogenannten „Hitzebetroffenheitsindex“ erhielt, was bundesweit auch nur 21 von 195 Städten schaffen. Dieser Wert zeigt, wie stark die Bevölkerung unter heißen Temperaturen leiden muss. Darin ist neben Versiegelung und Bevölkerungsdichte auch das Grünvolumen eingeflossen, bei dem die Universitätsstadt gut abschneidet. Berücksichtigt wurde auch die aus Satellitendaten gemittelte Oberflächentemperatur der Sommermonate zwischen 12 und 13 Uhr, die in Marburg 2025 bei 33,82 Grad lag, in Gießen schon bei 36,49 Grad. Die Nachbarstadt erhält folgerichtig eine „rote Karte“ im Hitze-Check.
Bundesweit landet Marburg mit seinen Ergebnissen im oberen Viertel der 195 untersuchten Städte in Deutschland.
Gesa Coordes

