Das Dokumentarfilmfestival Globale Mittelhessen startet am 23. Oktober.

Fast 30 Filme stehen beim Dokumentarfilmfestival Globale Mittelhessen dieses Jahr auf dem Programm – gezeigt werden sie in 68 Aufführungen in 22 Kommunen im Raum Marburg und Gießen. Start ist am 23. Oktober. Svetlana Bogdanovskaja und Christoph Müller-Kimbel vom Festival-Organisationsteam stellen im Interview Highlights vor.

MUD AND BLOOD läuft am 30. Oktober im Capitol. (Bild: Jean-Gabriel Leynaud)

Express: Die Globale findet bereits zum 17. Mal statt. Was macht die Besonderheit des Festivals aus?

Christoph: In unseren Dokumentarfilmen begegnen wir Menschen von allen Kontinenten, Menschen auf Augenhöhe, die uns mitnehmen zu sich nach Hause, an ihren Arbeitsplatz, auf die Felder und zu ihren Versammlungen und sozialen Kämpfen, aber auch an Lieblingsorte, an denen sie uns ihre Träume und Wünsche erzählen. Das schafft Verbindung und ermöglicht Mitgefühl und Solidarität. Solidarität zu stärken ist eines unserer Anliegen, angesichts der weltweit erodierenden Werte und internationalen Vereinbarungen. Aber wir zeigen nicht einfach Filme. Ein wesentlicher Bestandteil des Festivals ist das anschließende Filmgespräch mit Fachleuten oder Regisseurinnen und Regisseuren, um das Gesehene in einen größeren Kontext einzuordnen und gemeinsam Ursachen und Lösungsansätze zu diskutieren.

Lana: Unser neues visuelles Erscheinungsbild verdeutlicht das: wir haben das „O“ aus Globale zu einem signifikanten grafisches Element gemacht – ein Kreis ohne Anfang und Ende – , als Sinnbild dafür, dass alles auf unserem Planeten zusammen gehört und sich gegenseitig beeinflusst. Und er steht für uns zugleich für eine Grenzen und Kontinente überwindende Wahrnehmung und für Zusammengehörigkeit.

Christoph: Ganz viele Menschen engagieren sich ja auch hier im sozialen-, umwelt- oder politischen Bereich. Wir bieten mit dem Filmfestival auch eine Plattform an, um zusammen zu kommen, sich auszutauschen und gemeinsam darüber zu sprechen, was wir bewegen können. Wir bespielen mittlerweile 22 Städte und Gemeinden und sind an 27 Spielorten vertreten.

Express: Wie sieht denn euer Programm in Marburg und im Landkreis aus?

Lana: In Marburg sind wir im Capitol zu finden, darüber hinaus mit Veranstaltungen in Bürgeln, in Reddehausen und in Kirchhain. Wir eröffnen das Festival am 23. Oktober um 19.30 Uhr im Capitol mit dem Film „Material Prima“: beim Lithiumabbau in Bolivien verdichten sich die Probleme des Raubbaus an der Natur, die gesellschaftliche Ungleichheit und die Wiederholung jahrhundertealter kolonialer Strukturen. Der Regisseur Jens Schanze, der anwesend sein wird, lässt alle beteiligten Akteure zu Wort kommen und arbeitet in seinem Film diese Strukturen auf exemplarische Weise heraus. In Giessen eröffnen wir das Festival mit dem gleichen Film und auch mit dem Regisseur einen Tag später, am 24. Oktober um 19 Uhr im Rathaus.

Christoph: Im Lindenhof in Reddehausen gehen wir am 30. Oktober mit „Girls and Goss“ der Frage nach, ob und wie Feminismus und Religion zusammen finden können. In Kirchhain läuft im Turmzimmer im Bürgerhaus am 29. Oktober der Film „Writing Hawa“ über eine beeindruckende afghanische Mutter und Ehefrau, die neben der Pflege ihres Mannes beginnt, Lesen und Schreiben zu lernen und sogar ein eigenes Geschäft aufmacht. In der Kirche in Bürgeln läuft am 6. November der Film „Imprint“, der mit internationalen Beispielen Versuche alternativer Lebens- und Arbeitsweisen dokumentiert.

NINXS wird am 29. Oktober im Capitol präsentiert. (Bild: Kani Lapuerta)

Express: Was sind darüber hinaus eure Themen und Besonderheiten?

Lana: Wieder einmal sind wir bei unserer Suche auf viele, viele starke Frauen gestoßen. Ob in Afghanistan, wie oben schon erwähnt, in Kasachstan mit „River Dreams“, der verschiedenste Frauen über ihr Leben, ihre Wünsche und Träume sprechen lässt, zu „What Comes from Sitting in Silence“ über eine muslimische Richterin in Indien, „Ninxs“, der Karla in Mexiko in einer Langzeitbeobachtung bei ihrer Geschlechtsangleichung folgt oder „Imagine Piece“, der Edith Ballantine portraitiert, die bis ins hohe Alter einen international tätigen Frauen-Friedens-Verein führte.

Christoph: Neben konkreten Kämpfen vor Ort, etwa dem Ringen um Trinkwasser in Kapstadt, um Weiderechte in Kenia, um Arbeitsrechte in Vietnams Elektronikfirmen, das Überleben in Nahost und in Russland und der Ukraine, blicken wir auch wieder in die Forschung und erfahren etwa, wie weit die tierversuchsfreie Forschung bereits ist, wie verschiedenste internationale Forscher*innen die Klimaveränderungen einschätzen, bieten ein Nachdenken über die Zukunft der Vereinten Nationen an oder blicken zurück auf die Theologie der Befreiung in Lateinamerika. Besonders freut uns, dass wir in diesem Jahr viele Regisseurinnen und Regisseure für die Filmgespräche einladen konnten, aber auch über namhafte Referentinnen und Referenten, einige von ihnen haben unsere Filme sogar schon öfter begleitet.

Express: Wie weit seid ihr in ländlichen Regionen präsent?

Christoph: Wir stellen ein Jahr für Jahr wachsendes Interesse von Initiativen, Vereinen oder Kirchen fest, als Spielorte dabei zu sein. Unsere Spielorte befinden sich neben den bereits erwähnten in Lollar, Rödgen, Staufenberg, Biebertal, Pohlheim, Heuchelheim, Linden, Wettenberg und Bad Nauheim, sowie in Wetzlar, Weilburg, Ehringshausen, Greifenstein und Herborn.

Lana: Das alles ist nur mit ehrenamtlichen Engagement zu bewerkstelligen und kostet dennoch viel Geld. Sowieso freuen wir uns immer über neue Gesichter, auch jetzt noch, in der Durchführung des Festivals. Außerdem haben wir einen Förderverein gegründet, den wir ab sofort und während des Festivals bewerben werden und wir freuen uns über jedes Fördermitglied, das uns mit einem Beitrag ein bisschen unabhängiger von öffentlichen Geldern macht. Die ausführlichen Programme liegen an vielen Stellen aus oder sind über die Website einzusehen.

red

Das Festival

Insgesamt werden vom 23. Oktober bis zum 8. November 29 Filme gezeigt – in 68 Aufführungen in 22 Kommunen. Die Filme der Globale präsentieren außergewöhnliche, alternative oder widerständische Perspektiven aus allen Kontinenten. Regisseurinnen, Regisseure und Fachleute sind bei den Vorführungen vor Ort, und stehen nach dem Vorführungen für Diskussionen bereit. Alle Infos: www.globalemittelhessen.de

Förderverein

In politisch zunehmend beunruhigenderen Zeiten hat sich das Organisationsteam der Globale entschlossen, einen Förderverein zu gründen, der helfen soll, die Arbeit des Festivals fortzusetzen. Weitere Informationen und Anmeldeunterlagen unter: www.foerderverein-globalemittelhessen.de

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Börres Weiffenbach, Jean-Gabriel Leynaud und Kani Lapuerta