In Haddamshausen sitzen Schüler, Studierende und Azubis hinter der Urne
Der 19-jährige Schüler Simon Schulz wollte dabei sein, „wenn die Wahlurne ausgekippt wird“. Die Studentin Anna Wege (21) findet es aufregend im Wahllokal von Haddamshausen. „Sehr spannend“ nennt es der Ingenieur und Masterstudent Johannes Schulz (23). Das gilt besonders für das Auszählen der Stimmen und natürlich das Treffen mit den anderen Wahlhelferinnen und Wahlhelfern des Dorfes. Der Marburger Stadtteil hat nämlich eine Besonderheit, die sie zum „coolsten Wahlteam“ der Stadt macht. Es sitzen fast nur junge Leute hinter der Urne. Neben Simon Schulz, Anna Wege und Johannes Schulz sind ein 20-jähriger Dachdecker-Azubi, ein 23-jähriger Schornsteinfeger und eine 32-jährige Forstreferentin dabei. Dazu kommen noch Yvonne (37) und Nadine Debus (33), die ebenfalls schon als Schülerinnen angefangen haben. Normalerweise starten die jungen Wahlhelfer nämlich, wenn sie das erste Mal wählen dürfen. Und in Haddamshausen ist das seit Jahrzehnten selbstverständlich.
Die Idee stammt vom scheidenden Ortsvorsteher Heinz-Konrad Debus (72). Schon vor 20 Jahren fragte er sich, warum bei den Wahlen in dem 500-Seelen-Ort immer die Alten da sitzen müssen. Frauen fehlten auch. Und er dachte sich: „Das können eigentlich auch junge Leute machen.“ Den Start machte seine älteste Tochter Yvonne, die mit ihren 37 Jahren heute schon fast zu den „Oldies“ zählt.
Damals führte der ungewöhnliche Weg des Ortsvorstehers durchaus zu Diskussionen, erinnert sich Debus. „Du kannst doch keine 20-Jährigen dahin setzen“, bekam er zu hören. Er konnte. Und genau genommen waren die meisten sogar erst 18, als sie das erste Mal Wahlhelfer oder Wahlhelferin wurden. Der Ortsvorsteher schaute nämlich Jahr für Jahr, wer gerade volljährig geworden war und sprach sie oder ihn an. Die 18-Jährigen brachten nicht selten weitere Freunde mit, die ebenfalls halfen. Inzwischen gibt es eine Whats-App-Gruppe, die nach Neulingen Ausschau hält. Und so wurde das Team „Stück für Stück so krass verjüngt“, erzählt Nadine Debus. Heute haben sie nur noch eine 65-jährige Rentnerin unter den Helfern. Und der Ortsvorsteher selbst kann am Wahlsonntag in Ruhe seine Hühner versorgen. Wenn er ins Wahllokal im Haddamshäuser Bürgerhaus kommt, bringt er dann nur noch einen Kuchen mit.
Die Kritiker sind längst verstummt. Bei den jungen Leuten gab es nämlich trotz der wichtigen Aufgabe in den vergangenen 20 Jahren nie eine Beanstandung. Nur einmal gingen ihnen die Stimmzettel für eine Bundestagswahl aus. Da halfen die Nachbarn aus Cyriaxweimar aus. Und einmal kam ein misstrauischer Beobachter, um zu schauen, ob beim Auszählen der Stimmen alles seinen korrekten Gang geht.
Es sind aber auch in Haddamshausen immer Erfahrenere dabei, die den Vorstand bilden. In diesem Jahr ist Nadine Debus (33) die Wahlvorsteherin. Zudem durchlaufen auch die Jungen eine der Wahlhelfer-Schulungen der Stadt Marburg. Da fallen sie dann schon ziemlich auf unter all den Älteren. Und das Dorf wird natürlich auch beneidet, weil es immer genügend Wahlhelferinnen und Wahlhelfer hat. Während in der Kernstadt und in den Nachbardörfern händeringend nach Menschen gesucht wird, die am Wahlsonntag Stimmen zählen, gibt es in Haddamshausen genug Interessenten. Gelegentlich muss sogar jemand vertröstet werden, weil die maximale Zahl von Wahlhelfern bereits ausgeschöpft wurde. Dabei ist der Job ehrenamtlich – es gibt nur ein „Erfrischungsgeld“ von 60 Euro.
Auch die Jungen prüfen akribisch Wahlberechtigungen, vermerken Stimmabgaben im Wählerverzeichnis und achten – wie sie es in der Schulung gelernt haben – darauf, dass sich Ehepaare nicht von Wahlkabine zu Wahlkabine austauschen. Und auch Kinder dürfen nicht schauen, wo ihre Eltern das Kreuz setzen. „Manche wissen auch gar nicht, was sie wählen sollen und fragen uns als Wahlteam“, staunt Anna Wege. Und viele Leute versuchen, über Politik ins Gespräch zu kommen. „Darauf gehen wir aber nicht ein“, versichert Nadine Debus. Auch untereinander wissen sie nicht, wer was wählt. Sie tauschen sich eher über all das aus, was im Jahresverlauf passiert ist, erzählt Yvonne Debus. Mitunter treffen sich auch frühere Schulkameraden, die sich aus den Augen verloren haben. Und sie mögen es, die Leute aus dem Dorf kennenzulernen. „Man hat jetzt zu den Namen ein Gesicht“, sagt Johannes Schulz. Viele von ihnen engagieren sich nun auch in Vereinen, der Theater-Gruppe oder helfen beim Obstbaumschnitt.
Die Wahlbeteiligung ist hoch in Haddamshausen: Knapp 84 Prozent waren es bei der letzten Bundestagswahl. Das Team hofft natürlich, dass dies auch bei der Kommunalwahl so ist. In den sozialen Medien machen sie Werbung dafür. Um kurz nach 18 Uhr beginnen sie im Feuerwehr-Raum des Bürgerhauses mit dem Sortieren der knapp einen Meter großen Stimmzettel. Am Wahlabend werden zunächst nur die Listenkreuze gezählt – also nur diejenigen, die weder kumuliert noch panaschiert haben. Trotzdem ist es ein komplizierter Prozess, bei dem die Wahlhelfer gut aufpassen müssen, damit keine Pannen passieren.
Dann werden sie auch das Ergebnis der Ortsbeiratswahl in Haddamshausen sehen. Und es könnte gut sein, dass der Ortsbeirat in Zukunft auch von den Jungen übernommen wird. Der 72-jährige Heinz-Konrad Debus tritt nicht mehr an, dafür drei junge Leute aus dem Wahlteam. Der Jüngste – Simon Schulz – steht mit seinen 19 Jahren sogar auf Platz eins der Gemeinschaftsliste. Ihr Ziel: Sich für das Dorf einzusetzen und sichergehen, dass ihr Ort weiter vertreten wird, erklärt Johannes Schulz – auch wenn es um zu reinigende Wege, Mülleimer, Parkbänke oder das Nahwärmekonzept geht. Sie wollen nicht, dass es ihnen ergeht wie im wenige Kilometer entfernten Dagobertshausen – dort gab es in den vergangenen Jahren keinen Ortsbeirat.
Gesa Coordes

