Inmitten des Wahlkampfs für die Kommunalwahl stellt Michelbach die Frage nach den Grenzen des Wachstums.
Für die Bürgerinitiatitive (BI) „Kein Görzhausen IV. Stopp den Flächenverbrauch“ ist es die Geschichte einer Benachteiligung. „Wir hier in Michelbach schultern das ganze Wirtschaftswachstum der Region“, kritisiert Jutta Richebächer von der BI. Zwei Drittel des Gewerbes und der Industrie Marburgs stammten aus dem Pharmastandort Görzhausen, der von Jahr zu Jahr immer mehr Platz einnehme. Das 2000-Einwohner-Dorf im Nordosten der Universitätsstadt habe in den vergangenen 70 Jahren ein Viertel seiner Ackerflächen verloren, berichtet sie. Dabei gebe es zehn Landwirte sowie fünf Landwirte in Ausbildung, die nach Feldern suchten. Als Windräder gebaut werden sollten, ging bereits einmal eine BI auf die Barrikaden – zumindest ein Windrad wird nun voraussichtlich im Westen der Ortschaft gebaut. Aber seit bekannt wurde, dass mögliche Erweiterungsflächen für den Pharmastandort (Görzhausen IV) im Regionalplan angemeldet wurden, gründete sich 2023 erneut eine Bürgerinitiative. „Genug ist genug“, schreiben die Aktiven in großen Lettern. „Das Wachstum und die Belastung hat seine Grenzen“, sagt Richebächer.
Die Bürgerinitiative lud deshalb zum Wahlcheck mit den Fraktionsspitzen aus dem Marburger Stadtparlament. Die Grundfrage: Welche Art von Wirtschaftswachstum braucht Marburg und sein Umland? Das Thema wurde allerdings von den aktuellen Hiobsbotschaften vom Pharmastandort überschattet. Dort werden voraussichtlich rund 1400 Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren. „Das gefährdet den Standort ohne jede Not“, kritisierte Steffen Rink (SPD) angesichts der hohen Gewinnmarge von CSL Behring. Auch die beiden linken Fraktionen hatten dafür keinerlei Verständnis. Jan Schalauske (Die Linke) betonte, dass die Stadt den Firmen mit immer niedrigeren Gewerbesteuer-Hebesätzen „den roten Teppich ausgerollt“ und damit 300 Millionen Euro an große Unternehmen verschenkt habe. Uwe Volz von den Grünen sprach von einem „schweren Schlag“ und ergänzte, dass CSL Behring mehr als die Hälfte seines Umsatzes in Marburg mache. Unterdessen stellte sich Jelena Noe von der gemeinsamen Fraktion aus CDU, FDP und „Bürgern für Marburg“ hinter den Pharmastandort, von dem Marburg lange Jahre gut profitiert habe. Die Turbulenzen bei den Unternehmen erklärte sie sich vor allem mit der aktuellen Wirtschaftslage.
Aber auch bei „Görzhausen IV“ positionierten sich die Parteien. Die Ausweisung der Fläche als Gewerbegebiet im Regionalplan solle nur dazu dienen, gegenüber internationalen Konzernen sagen zu können, dass es potenzielle Erweiterungsmöglichkeiten gebe, erläuterte Uwe Volz (Grüne). Gebraucht würden die Flächen voraussichtlich nicht. Die Grünen hatten ebenso wie SPD, CDU und Klimaliste der Ausweisung im Stadtparlament zugestimmt. Maik Schöniger von der Klimaliste erklärte dies mit Koalitionsvereinbarungen. Görzhausen IV könne zu mehr Flächenverbrauch führen: „Das widerspricht unserem Ziel“, sagte Schöniger. Dagegen betonte Jelena Noe (CDU, FDP, BfM), dass sie es für „richtig und wichtig“ halte, am Pharmastandort „Optionen offen zu halten“: „Wir versuchen, zwischen den Sorgen Michelbachs und den Sorgen der Stadt abzuwägen.“ Auch Steffen Rink (SPD) sprach von „Abwägungsprozessen“ bei der Weiterentwicklung von Görzhausen. Schließlich gehe es auch um die Arbeitsplätze von Menschen in der Region.
Klar gegen eine Erweiterung sprach sich Jan Schalauske (Die Linke) aus – auch, um die Lebensqualität in den Dörfern zu erhalten: „Gibt es nicht auch Grenzen des Wachstums?“ fragte er. Auch Sigurd Maier-Lercher (Marburger Linke) lehnt das Vorhaben kategorisch ab: „Die Befürworter dieser extremen Erweiterung sollen sagen, wie sie den Verkehr leiten wollen“, forderte er.
Womit das umstrittene Verkehrskonzept Move 35 wieder zum Vorschein kam: Gerade in den Stadtteilen war das Konzept während des Bürgerentscheids abgelehnt worden. Aber es wäre ein Weg gewesen, den Autoverkehr in Marburg und Umgebung deutlich zu reduzieren, erinnerten Steffen Rink (SPD) und Maik Schöniger (Klimaliste).
Einig waren sich die Parteienvertreter beim Wahlcheck in einem Punkt: Marburgs Wirtschaft soll vielfältiger und regionaler werden.
Was ist Görzhausen IV?
Bei Görzhausen IV handelt es sich um ein 24 Hektar großes zukünftiges Gewerbe- und Industriegebiet, auf dem sich der Pharmastandort eines Tages vergrößern könnte. Es liegt auf der anderen Seite der Landesstraße 3092 und dehnt sich in Richtung Dagobertshausen aus, das seitdem ebenfalls in der Bürgerinitiative aktiv ist. Der Stadt zufolge musste die Fläche beim Regierungspräsidium als Reservefläche angemeldet werden, weil die bisher üblichen Abweichungen von der Regionalplanung nach einem Gerichtsurteil deutlich erschwert wurden.
Nach einem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung wurde die Aufnahme der Fläche im Regionalplan 2024 beantragt. „Das Regierungspräsidium prüft, ob wir überhaupt darüber nachdenken dürfen, hier eine Gewerbefläche zu entwickeln“, betonte Oberbürgermeister Thomas Spies. Die Regionalversammlung wird erst in den kommenden Monaten darüber entscheiden. Bei einem positiven Bescheid plant die Stadt dort zunächst eine große Freiflächensolaranlage. Dennoch trägt diese Politik nach Überzeugung der Bürgerinitiative „gigantomanische Züge“. Zudem seien Grundwasser, Frischluftzufuhr und Böden in Gefahr. Die BI sammelte 800 Unterschriften gegen die Ausweisung.
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