Neuere Forschungen und Biografien zur Geschichte der Uni Marburg.
Zwei Frauen, die einst an der Universität Marburg promovierten, verloren im Nationalsozialismus nicht nur ihre Heimat, sondern auch ihre akademische Anerkennung: Dr. jur. Alice Eisner und Dr. med. Betty Spier wurden nach ihrer Flucht aus Deutschland von der Universität Marburg der Doktortitel entzogen. Ihre Geschichten sind nun Teil des „Portals zur Geschichte der Universität Marburg im Nationalsozialismus“.
Seit seiner Einführung im Februar 2024 macht das „Portal zur Geschichte der Universität Marburg im Nationalsozialismus“ die komplexe Vergangenheit der Philipps-Universität Marburg transparent. Wie verhielt sich die Universität Marburg im Nationalsozialismus? Welche Menschen wurden verfolgt, ausgeschlossen oder entrechtet? Und welche Spuren dieser Zeit begegnen uns bis heute – in Institutionen, Namen, Sammlungen oder wissenschaftlichen Traditionen? Besucherinnen und Besucher können sich über die Lebensläufe von Studierenden und Lehrenden informieren, die Rolle der Universität während des Nationalsozialismus nachvollziehen und sich mit den Auswirkungen dieser Zeit auseinandersetzen.
Neue Beiträge machen diese Geschichte nun noch greifbarer. So dokumentiert das Portal jetzt ausführlicher die Lebenswege von Alice Eisner und Betty Spier. Beide Frauen mussten aus Deutschland fliehen; ihnen wurde nach ihrer Emigration 1940 beziehungsweise 1941 durch die Universität Marburg der Doktortitel entzogen. Ihre Exilerfahrungen – von Inhaftierung über wirtschaftliche Unsicherheit bis zu mehrfachen Ortswechseln – sind heute Teil des digitalen Erinnerungsortes.
Erweitert wurde außerdem der Bereich zum Hochschulinstitut für Leibesübungen. Dort wird sichtbar, wie eng Sport und nationalsozialistische Ideologie miteinander verbunden waren. Das Marburger Institut nahm innerhalb der sogenannten „politischen Leibeserziehung“ eine wichtige Rolle ein. Bereits 1934 wurde eine Abteilung für Luftfahrt eingerichtet; Segelflug gehörte fortan verpflichtend zur Ausbildung angehender Turn- und Sportlehrkräfte – auch für Frauen.
„Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit der Universität ist nicht abgeschlossen – und sie darf es auch nicht sein. Das Portal macht sichtbar, dass historische Forschung ein fortlaufender Prozess ist, der immer neue Fragen stellt“, sagt Esther Krähwinkel, die das Portal betreut. „Das Portal versteht sich ausdrücklich als offenes und wachsendes Projekt. Viele Biografien, Zusammenhänge und Kontinuitäten werden erst heute erforscht. Deshalb laden wir Studierende, Forschende und alle Interessierten ein, sich mit eigenen Perspektiven und Ergebnissen einzubringen.“ Eine fortlaufend aktualisierte Literaturliste sowie die Einbindung studentischer Forschungsprojekte sollen dazu ermutigen, die Geschichte der Universität im Nationalsozialismus weiter zu erforschen und neue Perspektiven einzubringen.
red
Weitere Informationen unter http://www.uni-marburg.de/portal-ns-geschichte

