Krise bei den „Rettern der Welt“: Die Belegschaft von Biontech wird halbiert, die verbleibenden Angestellten fürchten um die Zukunft des Werks.

Bei Biontech in Marburg erinnern sich viele noch gut an den Tag, als die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel die Produktionsstätte des weltweit ersten Corona-Impfstoffs besuchte. Und auch daran, wie ihr Nachfolger Olaf Scholz das Marburger Werk im Hinkelbachtal besichtigte. „Ihr habt die Welt gerettet“, rief der Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium, Umut Sönmez, den Mitarbeitern von Biontech im letzten Sommer zu. Damals demonstrierten sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen von CSL und Nexelis gegen den gravierenden Personalabbau.

Stellenabbau trotz Milliardengewinn

Während der Pandemie hatten sie buchstäblich Tag und Nacht einschließlich Samstag, Sonntag und Feiertag geschuftet, um den Impfstoff gegen Covid 19 zu produzieren. Milliarden von Dosen wurden in der Universitätsstadt produziert und in die ganze Welt geschickt. Damals wurde das Werk geradezu berühmt, weil in Marburg der erste weltweit zugelassene Corona-Impfstoff hergestellt wurde. „Die Leute waren so stolz, für Biontech zu arbeiten“, sagt Anne Weinschenk, die Bezirksleiterin der Chemiegewerkschaft IGBCE.

„Wir, die wir Biontech die Milliarden beschert haben, spielen jetzt kaum noch eine Rolle“, formuliert Betriebsratsvorsitzender Mark Pfister. Angesichts eines massiven Gewinneinbruchs sollen 315 Stellen am Produktionsstandort abgebaut werden. Das ist knapp die Hälfte der derzeit 680 Beschäftigten. Die Stimmung ist miserabel, weil die Belegschaft nicht weiß, wie es für sie weitergeht.

Derzeit wird versucht, den Personalabbau mit einem Freiwilligen-Programm zu schaffen. In der ersten Welle fanden sich allerdings nur rund zwei Dutzend Mitarbeiter, die gegen eine Abfindung freiwillig ausscheiden wollten. Sie werden Biontech im Laufe des Jahres verlassen. Mitte des Jahres, so befürchtet Betriebsrat Pfister, werde es aber eine zweite Welle geben, bei der Beschäftigte aus allen Abteilungen angesprochen werden, um sie für einen freiwilligen Abschied zu gewinnen. Und dass man damit 315 Arbeitsplätze abbauen kann, glaubt hier eigentlich auch niemand. Dann müsste betriebsbedingt gekündigt werden.

Bei Biontech arbeiten einige ältere Mitarbeiter, die noch von den Behringwerken beziehungsweise von Novartis kommen, aber die meisten Beschäftigten sind jung: „Wir haben ein sehr dynamisches Team mit einem Durchschnittsalter von 35 Jahren“, sagt Pfister. Es sind vor allem Pharmakanten, Laboranten und Quereinsteiger. Anstelle der Milliarden von Corona-Impfstoff-Dosen produzieren sie nur noch wenige Chargen des Vaccins gegen Covid 19. Zudem stellen sie kleine Impfstoff-Mengen für klinische Studien her. „Das fängt die Mengen von Corona aber in keinster Weise auf“, sagt Pfister.

Sorge um die Zukunft

In Marburg sorgen sie sich aber auch grundsätzlich um die Zukunft des Werks. Schließlich hat Biontech 2025 seinen Tübinger Konkurrenten Curevac gekauft, ein weiterer großer Standort. Wie es mit Biontech in Deutschland weitergeht, wird zurzeit in einer Verhandlungsgruppe diskutiert, in der alle deutschen Standorte vertreten sind.

Die Unsicherheit am Pharmastandort spürt die Chemiegewerkschaft IGBCE auch an der steigenden Zahl von Gewerkschaftsmitgliedern. Bislang konnte sich die Gewerkschaft darüber freuen, dass die Pharma-Unternehmen am Standort tarifgebunden sind und damit ordentliche Löhne zahlen. Jetzt sei die gesamte Lage fragil, berichtet Bezirksleiterin Anne Weinschenk. Die Stimmung bei den Beschäftigten schwanke zwischen verunsichert, schockiert und traurig, gerade weil der Standort so geschichtsträchtig ist, sagt Weinschenk: „In dieser Situation merken sie, dass es doch nicht verkehrt ist, sich in der Gewerkschaft zu engagieren.“

Domino-Effekte befürchtet

Alle Beteiligten befürchten Domino-Effekte, wie sie bereits jetzt spürbar sind. So hat der Standortdienstleister Pharmaserv den Neubau seines geplanten Innovationszentrums „InnoHub“ verschoben, der den alten Hörsaal auf dem Werksgelände ersetzen soll. Auch in der Standort-Kantine sollen Stellen abgebaut werden. Ganz zu schweigen von den Finanzen der Stadt Marburg, die durch die Einbrüche am Pharmastandort in so große Schieflage geriet, dass nun massiv gespart werden muss.

Auch bei CLS Innovation, ehemals Behringwerke, werden rund 500 Stellen abgebaut. Mehr Informationen dazu gibt es hier.

gec

Bild mit freundlicher Genehmigung von Gesa Coordes