Lehramtsstudierende arbeiten an Schulen oft unreflektiert mit.
Die Hälfte von rund 5.000 befragten Lehramtsstudierenden in Hessen steht bereits während des Studiums regelmäßig im Klassenraum – und übernimmt dort auch Aufgaben, die in die Zuständigkeit vollständig ausgebildeter Lehrkräfte gehören. Das zeigt die neue hessenweite Studie Labora-He („Lehramtsstudierende in Arbeit und Beruf: Organisation, Ressourcen, Aufgaben in Hessen“), an der sechs hessische Hochschulen beteiligt waren. Federführend war die Marburger Philipps-Universität.
Jeder Zweite der befragten Studierenden gab an, neben dem Studium entweder ausschließlich an einer Schule (33 Prozent) oder sowohl an einer Schule als auch in einem anderen Bereich (17 Prozent) tätig zu sein. Besonders häufig tun dies Studierende der Lehrämter für Förderpädagogik (58 Prozent) und an Grundschulen (56 Prozent). Im Schnitt arbeiten die Studierenden an Schulen rund neun Stunden pro Woche, wobei mit fortschreitendem Studium der Umfang der Tätigkeit an Schulen steigt. Dabei arbeitet jeder dritte Studierende bereits im ersten Studienjahr an Schulen.
Die meisten der befragten Studierenden übernehmen schon früh im Studium anspruchsvolle Aufgaben: 90 Prozent unterrichten eigenständig im Klassenverband, 60 Prozent erstellen Unterrichtsmaterialien, mehr als die Hälfte kümmert sich um Pausenaufsichten oder Förderunterricht. Selbst Notenvergabe, Klassenleitung oder Zeugniserstellung liegen bei bis zu 20 Prozent der Studierenden in eigener Verantwortung und dies teils schon im ersten Studienjahr.
Nur 58 Prozent der befragten Studierenden werden laut Studie passend zu ihrem Studienprofil eingesetzt. Bei 42 Prozent der Studierenden trifft dies nicht zu. Besonders deutlich wird dies daran, dass in 24 von 26 Fächern die Mehrheit der Studierenden fachfremd unterrichtet – nur in Deutsch und Mathematik stimmen studiertes und unterrichtetes Fach meist überein. Damit zeigt sich, dass Studierende vielerorts oft jenseits ihrer angestrebten Qualifikation Lücken in der Unterrichtsversorgung schließen.
Studierende, die an Schulen arbeiten, schätzen sich selbst bereits in den ersten Semestern als kompetenter und beruflich gefestigter ein als ihre Kommiliton*innen ohne diese Schulpraxis. Dabei lässt sich aufgrund der Querschnittsdaten der Studie nicht feststellen, ob die Tätigkeit an der Schule zu dieser Selbstscheinschätzung der Studierenden führt oder ob sich ohnehin sicherere Lehramtsstudierende eher für eine Erwerbstätigkeit an Schulen entscheiden. Gleichzeitig bewerten die an Schulen arbeitenden Studierenden die wissenschaftlichen Inhalte ihres Studiums teilweise als weniger relevant. Eine echte Begleitung über Mentor*innen oder dezidierte Reflexionsangebote fehlen in der Regel allerdings sowohl an den Schulen als auch an den Universitäten. Stattdessen findet der Austausch überwiegend privat oder informell statt.
Für die beteiligten Forschenden verweisen die Ergebnisse auf das Spannungsfeld der unbegleiteten Praxis im komplexen Berufsfeld Unterricht und Schule. Die Ergebnisse der Studie zeigen zwar, dass viele der befragten Studierenden sich in ihrem Berufsziel bestätigt fühlen. Gleichzeitig besteht nach Überzeugung der Wissenschaftler*innen aber das Risiko der sogenannten „De-Professionalisierung“. Ohne professionelle Begleitung könnten sich bereits früh im Studium aufgrund einer unreflektierten Praxis wenig tragfähige Haltungen verfestigen. Zudem müsse aufgrund der Befunde der Unterrichtsforschung davon ausgegangen werden, dass die Unterrichtsqualität wegen des breiten Einsatzes von fachfremd unterrichtenden Lehramtsstudierenden nicht unerheblich leidet. Das sei angesichts jüngster Befunde zu basalen Kompetenzen in der Grund- und Sekundarstufe besorgniserregend.
„Labora-He“ entstand aus dem vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur geförderten Projekt PraxisFlex an der Philipps-Universität Marburg und wurde in enger Zusammenarbeit mit den lehrkräftebildenden Hochschulen – Justus-Liebig-Universität Gießen, Technische Universität Darmstadt, Goethe-Universität Frankfurt, Universität Kassel und Hochschule Fulda – umgesetzt. Mit einer Rücklaufquote von 27 Prozent aller hessischen Lehramtsstudierenden bietet sie eine solide empirische Grundlage für künftige Diskussionen über die Rolle von Studierenden in der Absicherung schulischen Unterrichts und des Ganztags.
Zentrale Ergebnisse sowie deren Diskussion und Einordnung können im Ergebnisbericht zur Studie eingesehen werden: https://doi.org/10.17192/openumr/342
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