Das ehemalige Vorzeigeunternehmen Biontech schließt sein Marburger Werk.
Die Gewerkschaft nennt es einen „Frontalangriff“ und einen „Schlag ins Gesicht“ der Beschäftigten von Biontech: Das Pharmaunternehmen will sein Marburger Werk schließen – ebenso wie die Produktionsstandorte in Tübingen und Idar-Oberstein. „Der Plan ist völlig inakzeptabel und verantwortungslos“, sagt Betriebsratsvorsitzender Mark Pfister. Er kündigte entschiedenen Widerstand der Beschäftigten an.
Bislang arbeiten rund 670 Menschen bei Biontech in Marburg. Während der Pandemie wurde das Werk geradezu berühmt. Als Produktionsstätte des weltweit ersten Corona-Impfstoffs besuchten sowohl Angela Merkel als auch Olaf Scholz den Standort. Die Beschäftigten schufteten Tag und Nacht, um den Impfstoff gegen Covid 19 zu produzieren. „Ihr habt die Welt gerettet“, rief der Staatsekretär im hessischen Wirtschaftsministerium, Umut Sönmez, den Mitarbeitern zu. Schon im vergangenen Sommer hatte Biontech angesichts eines massiven Gewinneinbruchs angekündigt, die Zahl der Beschäftigten um 315 Stellen zu kürzen.
Profitmaximierung statt Gesundheitsvorsorge
Doch im ersten Quartal 2026 verbuchte das Unternehmen erneut einen Verlust von 532 Millionen Euro. Als Grund nannte Biontech die niedrigeren Umsätze bei den Corona-Impfstoffen sowie hohe Kosten für die Entwicklung von Medikamenten gegen Krebserkrankungen. Deswegen wurde nun das Aus für die Standorte in Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen angekündigt. Bis Ende 2027 sollen sie geschlossen beziehungsweise an neue Investoren verkauft werden. Damit könnten insgesamt bis zu 1900 Stellen wegfallen. Biontech will dadurch rund eine halbe Milliarde Euro pro Jahr einsparen.
Betriebsrat Mark Pfister hat keinerlei Verständnis für diesen Schritt: „Während Biontech in der Pandemie Milliarden verdiente, wurde versäumt, den Marburger Standort zukunftssicher aufzustellen“, kritisiert er. Dabei hätten die Marburger Mitarbeiter auch Fachkenntnisse und Anlagen zur Antikörperproduktion, auf die sich das Unternehmen derzeit konzentriert. Zudem fragt er: „Wer soll eigentlich bei einer nächsten Pandemie einen Impfstoff produzieren, wenn es uns nicht mehr gibt?“. Trotz der dringenden Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO, den Pandemiebereitschaftsplan fortzusetzen, gebe es keine neuen Verhandlungen oder Lösungen für die Beschäftigten. „Aus kurzfristigem finanziellem Kalkül streichen sie radikal Produktionskapazitäten zusammen und schaden damit der Resilienz des Pharmastandorts Deutschland“, kritisiert Roland Strasser von der Gewerkschaft IGBCE.

Ehrendoktorwürde der Uni Marburg. Foto: Christian Stein
Biontech hatte den Standort in Marburg 2020 vom Schweizer Pharma-Konzern Novartis übernommen, um den Corona-Impfstoff zu produzieren. „Nun lässt Biontech die Beschäftigten fallen wie heiße Kartoffeln“, kritisiert die Leiterin des IGBC-Landesbezirks, Sabine Süpke: „Die Menschen, die uns aus der Corona-Pandemie geholfen haben, sollen abserviert werden.“ Das treffe den gesamten Pharmastandort Marburg ins Herz – auch, weil bei CSL und Nexelis weitere rund 600 Arbeitsplätze verloren gehen.
Kritik auch aus der Politik
Ebenso deutlich fällt die Kritik von Marburgs Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) aus: Biontech sei mit Hunderten Millionen Fördermitteln aufgebaut und habe in der Corona-Krise Milliardengewinne aus Steuermitteln gemacht: „Wir haben kein Verständnis für den Umgang mit den Beschäftigten, die diesem Unternehmen mit der Produktion des Covid-Impfstoffs horrende Gewinne beschert haben“, so Spies. Dabei habe die Stadt beim Aufbau der Impfstoffproduktion „alles an Unterstützung geboten, was möglich war“. Die Biontech-Gründer hätten damals selbst betont, dass der Aufbau am Standort Mainz wesentlich länger gedauert hätte.
Dagegen behauptet CDU-Parteichef Dirk Bamberger, dass die aktuelle Stadtregierung in den vergangenen Jahren „keine erkennbaren Anstrengungen unternommen habe, den Standort strategisch weiterzuentwickeln“. Nun brauche es ein „kraftvolles Gegensteuern durch eine wirtschaftskompetente und handlungsfähige Stadtregierung“. Die Marburger CDU führt derzeit Koalitionsverhandlungen mit Grünen, SPD und Volt.
Noch härter als Marburg hat es allerdings die schwäbische Stadt Tübingen getroffen. Biontech hatte den Standort erst vor wenigen Monaten von dem früheren Konkurrenten Curevac übernommen – „offenbar nur, um den Wettbewerber jetzt zu liquidieren“, wie die Gewerkschaft klagt. Dort stehen 700 Arbeitsplätze auf dem Spiel.
Die Biontechgründer Özlem Türeci und Ugur Sahin waren 2022 mit der Ehrendoktorwürde der Marburger Philipps-Universität ausgezeichnet worden. Türeci sitzt auch Hochschulrat der Uni. Jetzt will das Paar das Unternehmen Ende des Jahres verlassen, um sich ganz auf die Krebsmedizin zu konzentrieren.
Unterdessen hoffen die Biontech-Beschäftigten auf einen Käufer für ihr Werk. Der Betriebsrat ist optimistisch, dass die angedrohte Stilllegung durch einen Verkauf an einen Investor verhindert werden kann. Die Arbeitnehmervertreter wollen diesen Prozess durch eigene Berater begleiten. Zudem forderten sie Unterstützung durch die Politik ein, die nach dem Aus für CSL Innovation eine „Task Force“ eingerichtet hatte, um neue Konzepte in den Gebäuden am Görzhäuser Hof zu verwirklichen. Dazu arbeiten Stadt, Land, Uni, Standortbetreiber, Unternehmensleitungen, Arbeitsagentur und Betriebsräte eng zusammen. Spies hat deshalb nun mit dem hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein gesprochen. Dabei seien sie sich einig gewesen, dass der Pharmastandort Marburg erstklassige Bedingungen für Produktion und Forschung biete.
Gesa Coordes

