Bürgermeisterinnen sind auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf noch selten.
Sie war die erste Bürgermeisterin des Landkreises Marburg-Biedenkopf: Als Claudia Schnabel 2016 zur Verwaltungschefin von Fronhausen gewählt wurde, musste sich die Herrenriege der übrigen 21 Bürgermeister umgewöhnen. „Ich war anfangs das Maskottchen“, sagt Claudia Schnabel im Rückblick. Heute ist sie eine der dienstältesten Gemeindeoberhäupter des Landkreises. Und sie versichert: „Man kann mit Kindern Kommunalpolitik machen.“
Mit ihrer Wahl 2016 war der Landkreis in Sachen weiblicher Gemeinde- oder Stadtspitze „sehr spät“, urteilt Verwaltungsdirektorin Sabine Richard-Ulmrich vom hessischen Städte- und Gemeindebund, die regelmäßig Netzwerktreffen für Bürgermeisterinnen und hauptamtliche Stadträtinnen veranstaltet. Aber immerhin gab es mit der verstorbenen Sozialdemokratin Kirsten Fründt schon seit 2014 eine Landrätin in Marburg-Biedenkopf. Schnabel und Fründt unterstützten sich über Parteigrenzen hinweg.
12-14 % Bürgermeisterinnen bundesweit
Sechs Jahre lang blieb Claudia Schnabel die einzige Bürgermeisterin im Kreis. Erst 2022 kam Karina Schlemper-Latzel als Gemeindechefin von Lohra dazu. Inzwischen wird sie von Erika Weber (CDU) aus Bad Endbach und Alexandra Klusmann (SPD) aus Rauschenberg verstärkt. Damit liegt der Landkreis neuerdings etwas über dem Durchschnitt bei der Zahl der Bürgermeisterinnen. Zwölf bis 14 Prozent sind es bundesweit. Der Landkreis liegt inzwischen bei 18 Prozent. Nicht mitgezählt werden dabei Bürgermeisterinnen wie Nadine Bernshausen (Grüne), weil in Städten von der Größe Marburgs noch ein Oberbürgermeister darübersteht.

Sie war die Pionierin – Claudia Schnabel aus Fronhausen zählt heute zu den dienstältesten Gemeindeoberhäuptern des Kreises und ist die stellvertretende Sprecherin der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister im Landkreis. (Foto: Gesa Coordes)

Karina Schlemper-Latzel wurde 2022 Bürgermeisterin von Lohra. (Foto: Markus Morr)
Als sich Claudia Schnabel um das Amt des Gemeindeoberhaupts von Fronhausen bewarb, waren ihre Kinder neun und sechs Jahre alt. „Ich bin als einzige Kandidatin immer gefragt worden, wie ich Familie und Beruf unter einen Hut bekommen will“, sagt die heute 52-Jährige. Dabei war sie damals bereits viele Jahre Vorsitzende des Finanzausschusses von Fronhausen sowie in leitender Funktion beim Pharmaunternehmen Novartis (später GSK) Vaccines tätig. Dafür musste die Fronhäuserin zum Teil regelmäßig bis nach England, Italien und in die USA jetten. „In einer gleichberechtigten Partnerschaft funktioniert das“, sagt die Diplom-Kauffrau. Abends, wenn die Kinder im Bett waren, versammelten sich ihre Mitstreiter von der Initiative Fronhausen zu Strategietreffen in der Küche der Schnabels. Im Wahlkampf habe sie dann viele freundliche ältere Herren getroffen, die irgendwann gesagt hätten: „Vielleicht kann eine Frau das.“ Claudia Schnabel setzte sich gegen drei Gegenkandidaten durch.
Dass sie sich bis dahin vor allem mit Zahlen, Unternehmen und IT beschäftigt hatte, kommt ihr bis heute zugute. Mit Leader-Mitteln wurde das Projekt Bürgerbahnhof verwirklicht. Fronhausen wurde ins Städtebauförderungsprogramm und ins Förderprogramm Sportstättenbau aufgenommen. Das bedeutet, dass Land und Bund einen Großteil der Kosten tragen. Zudem ist sie stolz darauf, dass sich die Zahl der Kinderbetreuungsplätze seit Beginn ihrer Amtszeit mehr als verdoppelt hat. Als „Leuchtturmprojekt“ wird nun eine leerstehende Scheune saniert und zu einem Kindergarten für vier Gruppen umgebaut.
Kommunalpolitik in Lohra
Intensiv arbeitet sie mit ihrer Amtskollegin Karina Schlemper-Latzel zusammen, die seit 2022 Bürgermeisterin der Nachbargemeinde Lohra ist. Die gebürtige Kirchverserin war vom „Bündnis für Bürgernähe“ angesprochen worden – unter anderem, weil sie als Diplom-Verwaltungswirtin und Erfahrungen aus der Stadtverwaltung Gießen und der Personalabteilung der Philipps-Universität die passende Ausbildung mitbrachte. Sie hatte sich aber auch zuvor schon in der Gemeindevertretung engagiert. In der Kommunalpolitik liegen die Themen unmittelbar vor der Haustür, sagt die heute 41-Jährige: „Egal, welche Entscheidung man trifft, es wirkt sich unmittelbar auf das engere Umfeld aus.“
Bei ihrer Wahl war ihre Tochter erst eineinhalb Jahre alt. Auch sie wurde im Wahlkampf von mehreren Seiten auf das Thema angesprochen. Karina Schlemper-Latzel hält es jedoch auch für einen Vorteil, dass Frauen meist einen guten Blick für die Themen rund um Kinder und Familien haben: So sei die Kinderbetreuung in Lohra über viele Jahre ein Thema gewesen. „Heute können wir allen Kindern einen Kita-Platz anbieten“, freut sie sich.
Mit der Nachbargemeinde Fronhausen teilt sie sich einen IT-Administrator, einen Feuerwehr-Gerätewart, einen Bauamts-Mitarbeiter sowie (gemeinsam mit Weimar) mehrere Ordnungsamts-Mitarbeiter. Das hat für alle Seiten Vorteile – es ist günstiger, man kann sich gegenseitig vertreten und mehr Aufgaben erfüllen. Intensiv war die weibliche Zusammenarbeit auch bei dem Frauen-Kulturprogramm namens „Flora 3048“, das von Lohras Erster Beigeordneten Rosemarie Wollny initiiert wurde.
„Bei Frauen zweifelt man oft die Kompetenz an“
Wie man sich als Frau unter vielen Männern fühlt und behauptet, hat die Bad Endbacher Bürgermeisterin Erika Weber (CDU) oft erlebt. Ursprünglich hatte sie bei der Bundeswehr Flugzeuge bauen wollen, was Frauen Ende der 80er Jahre noch versagt war. Stattdessen wurde sie Polizeioberkommissarin, war 32 Jahre lang bei der Polizei im Hochtaunus-Kreis, davon zehn Jahre als Leiterin in verschiedenen Tatort-Gruppen, bevor sie der Liebe wegen in den Kreis zog. 2023 wurde sie mit einem Vorsprung von 23 Stimmen zur Bürgermeisterin gewählt wurde – als eine von außen kommende Bewerberin.

Erika Weber ist seit 2023 Bürgermeisterin von Bad Endbach. (Foto: Tobias Grebenstein)

Alexandra Klusmann ist seit 2025 Bürgermeisterin von Rauschenberg. (Foto: Patricia Grähling)
Um sich in der von Männern dominierten Branche durchzusetzen, brauche man schon ein „dickes Fell“, sagt Erika Weber, die von einigen Anfeindungen berichtet: „Bei Frauen zweifelt man oft die Kompetenz an.“
Das hat auch Nora Zado vom Demokratiezentrum der Marburger Philipps-Universität festgestellt, die über „Anfeindungen von Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern in Hessen“ forscht. Das – allerdings nicht repräsentative – Ergebnis ihrer qualitativen Studie: Anfeindungen treffen Frauen viel häufiger als Männer. Manche werden als „Rabenmutter“ bezeichnet, wenn sie kleine Kinder haben. „Männer müssen sich diesem Vorwurf nicht stellen. Da wird erwartet, dass sich die Partnerin um die Kinder kümmert“, sagt Zado. Es gibt auch Bürgermeisterinnen, die mit „ach, Mädel“ angesprochen werden, wenn sie etwa Sicherheitsfragen in der Gemeinde besprechen wollen. Es kommt bei ihnen häufiger als bei Männern vor, dass ihnen Dummheit vorgeworfen wird. Es passiert auch, dass sie als junge (gut aussehende) Frauen unterstützt werden. Wenn sie dann älter und politisch selbstbewusster werden, drehe sich dies. Und selbst Bedrohungen wegen eines offenen Einsatzes für Geflüchtete träfen Bürgermeisterinnen heftiger. Und dabei seien die Betroffenen nicht überempfindlich, betont Nora Zado.
Die Vorteile weiblicher Führung
Und was machen sie anders als ihre männlichen Kollegen? „Sie versuchen mehr, mit anderen ins Gespräch zu kommen und sehen sich eher in der Vermittlerrolle“, sagt die Forscherin. Die Bürgermeisterinnen haben häufiger eine Mediationsausbildung und versuchen, sich in andere hineinzuversetzen. „Das ist gerade in der Kommunalpolitik sehr wichtig.“
Und Beobachter ergänzen: Wenn nach einer Veranstaltung aufgeräumt werden muss, packen weibliche Gemeindeoberhäupter selbstverständlich mit an. Bei männlichen Bürgermeistern hätten sie das nie erlebt. Freilich steckt in dieser Bescheidenheit auch ein Problem, vor dem erfahrene Kommunalpolitikerinnen die Neulinge warnen. Frauen schiebe man gerne die besonders arbeitsaufwändigen, unbezahlten Ehrenämter zu. „Man ist schnell im Amt, aber nicht so schnell in Würden“, formuliert eine Kommunalpolitikerin.
Zudem brächten sich Männer für attraktive Posten meist selbst ins Spiel, während Frauen warteten, bis sie gefragt werden, berichtet die neue Rauschenberger Bürgermeisterin Alexandra Klusmann (SPD). Aus ihrer langjährigen Erfahrung als frühere Stadtverordnete Marburgs weiß sie, wie rau der Ton in der Politik sein kann: „Sich dem auszusetzen, ist besonders für Frauen manchmal nicht einfach“, sagt die 57-Jährige: „Da habe ich gelernt, Funktion und Person zu trennen.“
In Rauschenberg sind der noch relativ frisch gewählten Bürgermeisterin bislang allerdings nur positive Reaktionen begegnet. „Ach, endlich mal eine Frau“, hätten auch männliche Kommunalpolitiker gesagt.
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