Forschungsprojekte: Welche Art von Bewegung ist für wen gut? 

Das Team um den Gießener Sportwissenschaftler Prof. Karsten Krüger würde am liebsten alle erreichen: Schwer Kranke, Junge und Ältere, Spitzen- und Breitensportler, aber auch Übergewichtige und Sport-Muffel. Bei ihnen allen fragen die Forschenden, welche Rolle Sport spielt und für wen welche Art von Bewegung und Sport wann gut ist. 

„Wir sind Überzeugungstäter“, sagt Karsten Krüger, der seit 2019 Professor für Leistungsphysiologie und Sporttherapie an der Justus-Liebig-Universität ist. In jeder Beziehung. Er selbst steht morgens um 5.30 Uhr auf, um noch vor dem Aufwachen seiner Kinder im Kraftraum im Keller zu trainieren und fährt selbstverständlich mit dem Fahrrad zur Uni. Andere Teammitglieder laufen Ultramarathon, Bouldern, wandern und fahren Rennrad. Zugleich weiß Krüger auch: „Es ist ziemlich schwer, Menschen davon zu überzeugen, mehr Sport zu machen.“ 

Ihr größtes aktuelles Projekt dreht sich allerdings um den Spitzensport. Über sechs Jahre begleiten sie gemeinsam mit der Universität Frankfurt und der Deutschen Sporthochschule Köln mehr als 600 Athlet*innen aus sechs Olympiastützpunkten, Bundes-, Nachwuchs-, Perspektiv- und Olympiakadern. Die Goldmedaillen-Gewinnerin in der Rhythmischen Sportgymnastik, Darja Varfolomeev, ist ebenso dabei wie die 3×3-Basketballerinnen, die bei den Olympischen Spielen in Paris die Goldmedaille holten. Das Ziel: Die Spitzensportler*innen so genau und individuell zu fördern, dass sie noch erfolgreicher in ihrer Disziplin sein können. Dazu werfen sie einen ganzheitlichen Blick auf Training, kognitive Fähigkeiten, Motorik, Ernährung, Blutwerte, Genetik, Mikrobiom, persönliches Umfeld, Teamdynamik und soziale Unterstützung. 

Karsten Krüger ist Sprecher des Forschungsverbundes. Und er hat zugleich einen leichteren Zugang zum Thema. Der heute 48-Jährige war als junger Mann selbst Leistungssportler im Mittelstreckenlauf und Mitglied eines Landeskaders. Größter Erfolg: Westfalenmeister über 3000 Meter Hindernis. Bis ihn eine Verletzung dazu zwang, die Sportkarriere aufzugeben. Er studierte Biologie und Sportwissenschaft, promovierte und habilitierte sich in Gießen und wurde 2017 Professor.  

Für das Projekt ist das Team um Prof. Krüger in den Olympiastützpunkten und den Trainingsorten von Füssen bis Hamburg unterwegs. Die Athlet*innen durchlaufen nämlich einen rund fünfstündigen Testparcours, der einmal pro Jahr wiederholt wird, sodass sich ganze Sportkarrieren verfolgen lassen. Anschließend können die Forschenden sehr genau sagen, welche Stärken und Schwächen die Einzelnen haben und wie sie sich verbessern könnten. Der Schwerpunkt von Krügers Team liegt vor allem bei den Einflussfaktoren auf die langfristige Leistungsentwicklung und Gesundheit. 

Ein häufiges Manko haben die Forschenden bereits festgestellt. Viele Sportler*innen unterschätzen, wie viele komplexe Kohlehydrate sie zu sich nehmen müssen. Wie andere junge Leute auch, informieren sie sich vor allem durch Social Media und lassen sich vom „Low-Carb-Trend anstecken. Tatsächlich brauchen selbst die zierlichen Sportgymnast*innen angesichts ihres harten Trainings mehr als 4000 Kilokalorien pro Tag. Sonst kann es zu schlechteren Leistungen, Ermüdungsbrüchen sowie Schwierigkeiten im Hormonhaushalt – zu wenig Testosteron bei den Männern, Störungen im Menstruationszyklus bei den Frauen – kommen. Häufig raten die Forschenden aufgrund ihrer Ergebnisse auch zu mehr Balaststoffen. „Es gibt Nachwuchskader, die keine Ahnung haben, was sie essen müssten“, berichtet Krüger. 

Von den Untersuchungen im Leistungsport profitiert aber auch der Breitensport: „Was wir im Spitzensport sehen, gilt tendenziell für alle, die ambitioniert Sport treiben“, sagt Krüger. Fast alle nähmen genug Proteine zu sich, vernachlässigen aber Kohlehydrate, Ballaststoffe und Vitamin D. So rät er auch Hobby-Joggern dazu, vor dem Sport genügend zu essen. 

Karsten Krüger hat sechs Bücher geschrieben – mit vielen guten Argumenten für mehr Bewegung und einen gesunden Lebensstil. „Jungbrunnen Muskulatur“, „Die Bio-Age-Challenge. Dein Alter bestimmst du selbst“, „Geben Sie Bakterien und Viren keine Chance“ und „Wie chronische Entzündungen uns krank machen“ lauten die Titel. Schließlich möchte er die Menschen davon überzeugen, mehr Sport zu treiben. Wobei er Sportmuffel lieber erst einmal fragt, welche Aktivität ihnen denn Spaß machen würde. 

Natürlich gebe es das ideale Training: Jeden Tag ein bisschen Ausdauersport und zweimal in der Woche Krafttraining. Aber das Entscheidende sei eigentlich, über viele Jahre regelmäßig dabei zu bleiben und keine langen Zeiten der Inaktivität zu haben. Deswegen rät er Menschen, die beruflich sehr belastet sind oder kleine Kinder haben, Bewegung in den Alltag einzubauen und zum Beispiel mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, Treppen zu steigen oder eine Busstation früher auszusteigen. Ein weiterer Anreiz: Wer sich sportlich betätigt, ist seltener krank. 

In mehreren Projekten gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Gießen und Marburg untersucht er, welche Rolle Sport etwa bei der Prävention und Therapie von Krebserkrankungen spielt. Nachgewiesen ist, dass sportliche Menschen seltener an Brust- oder Darmkrebs erkranken. Die sogenannten Killerzellen, die das Tumorwachstum reduzieren, arbeiten bei Bewegung effizienter. 

Aber auch für bereits Erkrankte ist Bewegung wichtig. So hat Krügers Team bei Patient*innen mit einem Tumor in Magen oder Darm ein sportliches Prä-Rehabilitations-Programm konzipiert, mit dem sie die belastende Zeit von der Diagnose bis zur Operation besser durchstehen. Wer an dem Sportprogramm teilnahm, profitierte sowohl körperlich als auch mental. Weitere Studien zu Sport bei Post-Covid und bestimmten Lungenkrankheiten starten gerade. Krüger ist allerdings überzeugt: „Sport hat eine therapeutische Wirkung.“

Gesa Coordes

Bild mit freundlicher Genehmigung von Pixabay